Ärztekammer: Netzwerktreff am Kaiserwasser
Ärztekammer: Netzwerktreff am Kaiserwasser

Hausarzt quo vadis?

„Gesundheitsversorgung in der Niederlassung“: Unter diesem Titel lud die Wiener Ärztekammer zum Netzwerktreffen. Der jetzt schon akute Mangel an Kinderärztinnen- und ärzten sowie Allgemeinmedizinerinnen- und -medizinern war der Rote Faden des Abends. Der Blick auf Ist-Zustand, Zukunftsprognosen, Ideen und Austausch (endlich wieder analog statt digital) stand am Programm. Zusätzlich gab es eine Podiumsdiskussion plus Key Note von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein, selbst Allgemeinmediziner und PVE-Vorreiter.

red

Treffpunkt war das idyllische Kaiserwasser an der Alten Donau, einer derjenigen Flecken Wiens, wo man sich beinah am Land wähnt, trotz der Lage im belebt-urbanen 22. Bezirk. Das Wetter: Nachgerade perfekt nach Regen, Kälte und Co., Stichwort lauschiger Fast-Noch-Sommerabend.

Matthias Schmied vom Gründerservice Go2Ordi und Gabriella Milinski, die die Sektion Allgemeinmedizin in der Ärztekammer leitet, eröffneten den Abend und zeichneten ein eindringliches Bild der schon jetzt lückenhaften Versorgungssituation.

Spannend für Gäste und Kurie gleichermaßen („Wir sind extrem neugierig auf Ihre Gedanken!“ so Schmied und Milinski unisono) war der nächste Programmpunkt, quasi ein Analog-Rundgang durch anstehende Fragen. Auf den Posterwänden fanden sich Themen wie „Attraktivität der Niederlassung erhöhen?“ oder „Was macht ein zeitgemäßes Kassensystem aus?“ Und last but not least kam die pädiatrische Versorgung und wie sie optimalerweise aussehen sollte, zur Sprache.

Dauerbrenner Teamwork und Honorierung

Die vorab verteilten Post its und Stifte (für Erheiterung im Publikum sorgte das mit Schmäh präsentierte Hygienekonzept: „Wir tauschen untereinander nicht zusammen, auch wenn es heute um den Austausch geht–hier bitte nicht. Jeder bekommt seine eigenen, keine Sorge!“) waren flächendeckend auf den Aufstellern im Einsatz. Und der allgemeine Tenor auf die meisten Fragen war eindeutig: Flexiblere Zeiteinteilung, Teamwork, mehr Zeit für die Patientinnen und -patienten und eine vernünftige Honorierung, ähnlich den Fachärzten, war da vielfach als Wunsch zu lesen. (Spoiler: Der vielfach geforderte Facharzt für Allgemeinmedizin war später noch Thema).

Am Podium fanden sich als Replique auf all diese Fragestellungen rund um die Niederlassung schließlich Thomas Szekeres, Präsident der Wiener und Österreichischen Ärztekammer, Naghme Kamaleyan-Schmied, selbst Allgemeinmedizinerin und Obfrau „Sektion Allgemeinmedizin” der Ärztekammer für Wien, Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien und der Kinderarzt Rudolf Schmitzberger, Sektionsobmann-Stellvertreter „Sektion Fachärzte“ der
Ärztekammer für Wien, zusammen. Dabei wurden Ausbildungsbasics, etwa der Mangel an betriebswirtschaftlichen Grundlagen an der Universität, kritisch gesehen und andererseits „die Lehrpraxis als etwas ganz Entscheidendes, Handfestes“, so Thomas Szekeres, gelobt. Ein weiteres Thema war der Dauerbrenner Honorierung, wobei die ausverhandelte Angleichung in Wien beim Honorar der Allgemeinmedizinerinnen und - medizinern und Kinderärztinnen- und ärzten an das übliche Fachärztehonorar hervorgehoben wurde. Problematisch wird die Neustrukturierung der ehemaligen Gebietskrankenkassen gesehen, die jetzige Österreichische Gesundheitskasse ÖGK agiere „als recht anonymes Dach, das die Feinabstimmung in das jeweilige Bundesland verloren hat.“ so Johannes Steinhart.

Als „Sprung, der Mut erfordert, aber sich ausgezahlt hat“, skizzierte Naghme Kamaleyan-Schmied ihren eigenen Start in die Selbstständigkeit. Wichtig sei es ihr, „Dinge zu delegieren und sich rund um administrative Belangeentlasten zu lassen, um mehr Zeit für die Menschen zu haben.“ Dieses Delegieren müsse man aber lernen und üben. Rudolf Schmitzberger betonte schließlich das Thema Teamwork, es brauche „Strukturen, die flexiblere Arbeitszeiten und  Vernetzung in vielerlei Richtungen, sei es mit dem Spital, den Kollegen in der Niederlassung oder anderen Berufsgruppen, erlauben“. Potentielle pädiatrische PVE sieht Schmitzberger hier als Möglichkeit einer besseren Verknüpfung.

„Wollen da jetzt wirklich Gas geben“

Höchst gespannt waren wohl alle auf den nächsten Programmpunkt: Allgemeinmediziner Wolfgang Mückstein, Gesundheits- und Sozialminister und selbst langjähriger Ärztekammerfunktionär, hielt eine Key Note zum Thema PVE. Ein Heimspiel für Mückstein, denn „ich glaube, ich kenne hier mehr Gesichter als umgekehrt“ so der Minister, dem das Setting sichtlich Freude machte. Seine Erfahrungen zum Thema Ordigründung und PVE (er gründete 2015 mit Kollegen die erste PVE Österreichs) erzählte er dann detailliert und persönlich, bei den weiteren Gründungen wolle man da jetzt „wirklich Gas geben“. Eine diesbezügliche EU-Förderung zum Ausbau der Primärversorgung  in Österreich sei genehmigt worden, „momentan sind wir dabei, die Förderbedingungen zu erarbeiten, wahrscheinlich geht es in Richtung Infrastruktur, also Umbauten, und Geräteanschaffung“, so Mückstein. Momentan gibt es wienweit 4 PVE, österreichweit 27. (Geplant wären für 2021 landesweit 75 PVE gewesen.)

Er erhoffe sich unter anderem von dieser Förderung einen starken Impuls für die Allgemeinmedizin. „Gerade junge Kolleginnen und Kollegen wünschen sich eine bessere Work-Life-Balance, geregelte Vertretungen, vielleicht auch weniger Unternehmertum und mehr ärztliche Tätigkeit“, so der Minister, der sich im Anschluß an seinen Vortrag noch lange unter die Gäste mischte. Übrigens: Der Facharzt für Allgemeinmedizin wird laut Mückstein fix kommen.

mückstein seelig
Allgemeinmediziner Wolfgang Mückstein, Gesundheits- und Sozialminister und selbst langjähriger Ärztekammerfunktionär, hielt eine Key Note zum Thema PVE.
Stefan Seelig
 
© medinlive | 27.10.2021 | Link: https://medinlive.at/gesellschaft/hausarzt-quo-vadis