Herzschwäche

Nicotinamid als Hoffnungsträger für künftige Therapie

Neben Krebs, Alzheimer und Falten scheint das Coenzym Nicotinamid auch gegen Herzschwäche etwas ausrichten zu können: Ein Grazer Forschungsteam hat Hinweise gefunden, dass Nicotinamid zur Therapie der diastolischen Herzinsuffizienz beitragen könnte. Die Ergebnisse wurden im Journal „Science Translational Medicine“ publiziert.

red/Agenturen

Bei der diastolischen Herzinsuffizienz ist die Dehnbarkeit der linken Herzkammer gestört. Anzeichen für die sogenannte HFpEF (Heart Failure with preserved Ejection Fraction) sind unter anderem Kurzatmigkeit und Leistungsschwäche bei körperlicher Belastung, wie Simon Sedej von der Med-Uni Graz erläutert.

„Der Grund für diese Symptome liegt darin, dass der Herzmuskel aufgrund einer Versteifung nicht mehr richtig arbeitet“. Ein von ihm koordiniertes europäisches Konsortium hat nach neuen Therapiewegen für die heute noch schlecht behandelbare Erkrankung gesucht. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus Frankreich, Spanien, Portugal, Schweden, Slowenien, China und Deutschland hat er die jüngsten Ergebnisse rund um Nicotinamid - eine Substanz aus dem Vitamin B-Komplex - veröffentlicht.

Zuerst das Grundübel bekämpfen

Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel führen in vielen Fällen zu schwerwiegenden Grunderkrankungen wie Fettsucht, metabolisches Syndrom und Bluthochdruck, die zu den grössten Risikofaktoren für HFpEF gehören. Laut Sedej zeige sich, dass hier Medizin, die nur aufs Herz gerichtet ist, alleine nicht weiterkommt, vielmehr müsse der Stoffwechsel mit in den Blick genommen werden.

„Die aus der Grunderkrankung resultierenden pathophysiologischen Mechanismen, die zu HFpEF führen und noch unzureichend erforscht sind, können potenziell durch eine Stoffwechsel-Therapie, die auf das Herz und periphere Organe wirkt, behandelt werden“, schilderte er die Stossrichtung der Forschungsgruppe. Hier kommt das natürliche Coenzym Nicotinamidadenindinukleotid (NAD+) ins Spiel: Es ist für viele Vorgänge im Körper unerlässlich und spielt in verschiedensten zellulären Reaktionen eine wichtige Rolle.

Sedejs Grazer Kollege Mahmoud Abdellatif hat in der jüngsten Studie gezeigt, dass NAD+ im Herzmuskel von diastolischen Herzschwächepatienten signifikant reduziert ist. Das hat die Forscher dazu bewogen, weiter auszutesten, wie sich die Erhöhung dieser Coenzym-Konzentration auf Adipositas, Bluthochdruck und nicht zuletzt die Versteifung des Herzens auswirkt. Methodisch wurden dafür unterschiedliche, teilweise genetisch manipulierte Kleintiermodelle herangezogen.

Senkt Übergewicht, Blutdruck und Sterblichkeit

Zur Erhöhung des NAD+-Spiegels von Ratten und Mäusen haben die Forscher den Tieren in Wasser gelöstes Nicotinamid, einen Vorläufer von NAD+, verabreicht. Tatsächlich sei es gelungen die Produktion von NAD+ zu erhöhen und Risikofaktoren für HFpEF „signifikant zu verbessern“, so Sedej. Laut dem Forscher stimulierte Nicotinamid den oxidativen Abbau von Fettsäuren und reduzierte Adipositas.

„Ebenso war das Nicotinamid in der Lage, das Energiegleichgewicht im Herzmuskel wiederherzustellen und die Steifigkeit der Herzmuskelzellen zu reduzieren“. Gleichzeitig sei die Erhöhung von NAD+ mit einer Verringerung des Bluthochdrucks und einer Senkung der Sterblichkeitsrate einhergegangen.

Die vorliegenden Daten sind aus Sicht von Sedej klinisch relevante Ergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine Erhöhung der Bioverfügbarkeit von NAD+ im Körper durch die erhöhte Aufnahme von Nicotinamid oder anderen Vorläufern „eine evidenzbasierte Therapie im Kampf gegen HFpEF“ darstellen könnte. „Wir haben jetzt sehr viel Wissen akkumuliert“, so der Grazer Forscher. Er würde nun gerne herausfinden, ob sich die Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen lassen.

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