Coronakrise

Tiroler Jugend-Expertin fordert Freizeit-Lockerungen

Der Appell an die Politik für kindgerechtere Coronamaßnahmen wird immer lauter. Nun fordert auch die Tiroler Kinder & Jugend GmbH eine eingehendere Prüfung von „Verhältnismäßigkeit und Folgen“. Während die Maßnahmen für Erwachsene „Einschränkungen auf Zeit“ gleichkämen, sei die für die Entwicklung essenzielle Zeit für Kinder und Jugendliche „verloren“. Geschäftsführerin Petra Sansone forderte Lockerungen für Vereine und Freizeitaktivitäten.

red/Agenturen

„Man hat schließlich bereits Wege gefunden, unter Einhaltung bestimmter Maßnahmen etwas Normalität zu erlangen - in der Schule, am Arbeitsplatz oder auf der Piste“, sagte Sansone. Die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen seien in der Zeit der Coronakrise ernst zu nehmen. Es gehe hier nicht um „Spaß und Feiern“, sondern um die gesunde Entwicklung der nächsten Generation.

Einerseits sei die Zeit mit Gleichaltrigen essenziell, vor allem ab dem Teenageralter. „Freundschaften bieten Orientierung und emotionale Geborgenheit und ermöglichen Identitätsfindung und ein Loslösen von den Eltern“, erklärte Sansone. „Es ist die Zeit, in der man übt, erwachsen zu sein - dabei begegnen sich Gleichaltrige auf Augenhöhe.“ Andererseits würden Erwachsene außerhalb der Familie, etwa Trainer oder Lehrer, eine wichtige Vorbildfunktion erfüllen und Stütze sein - vor allem für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Sozioökonomisch schwächere und bereits vor der Krise belastete Personen hätten es derzeit besonders schwer. Durch den Lockdown sei es zudem schwieriger, Fälle von Missbrauch zu erkennen und zu melden.

„Soziale Defizite und emotionale Probleme“

Eine Befragung der Organisation Möwe kommt zu dem Ergebnis, dass fünf Prozent aller Menschen in Österreich in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht worden sind, die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. „Die Gewalt nimmt zu, vor allem in jenen Familien, die bereits vor der Krise Probleme hatten“, berichtete Sansone. Sie appellierte an Familien, sich Hilfe zu holen, „wenn es zu viel wird“.

Welche konkreten Folgen die Krise nach sich zieht, könne man noch nicht abschätzen. „Die Coronakrise wird Spuren hinterlassen, da bin ich mir sicher“ zeigte sich Sansone überzeugt. „Positive Errungenschaften“, wie etwa der leichtere Zugang zu Veranstaltungen oder Fortbildungen, würden bleiben, aber eben auch „soziale Defizite und emotionale Probleme“.

Positiv sei, dass die Angebote in der psychosozialen Landschaft zugenommen haben. Auch die Tiroler Kinder & Jugend GmbH hat ihr Angebot aufgestockt. Zu den 45 Tiroler Schulen, an denen Schulsozialarbeit geleistet wird, kamen mit Februar vier neue dazu. Insgesamt sind nun 50 Schulsozialarbeiter in 17 Gemeinden und Städten im Einsatz. Hinzu kommen fünf Mitarbeiter, die im Fachbereich Soziale Arbeit & Schule für Gewaltprävention an Volks- und Mittelschulen tätig sind. Die Nachfrage nach Beratungen habe während des ersten Lockdowns abgenommen, „seither sind die Anfragen aber in die Höhe geschnellt“, sagte Sansone.

„Eine Art Schockstarre“

Einsamkeit, Langeweile und familiäre Probleme seien Themen, die Kinder und Jugendliche in der Coronakrise stärker belasten. Jene, die „an einer Schwelle“ stehen, etwa vor dem Schulwechsel oder dem Berufseinstieg, hätten vermehrt mit Zukunftsängsten zu kämpfen. „Manche scheinen in einer Art Schockstarre hängen geblieben zu sein“, beobachtete Sansone, „sie hängen gewissermaßen in der Luft.“ Dies zeige sich etwa bei der Suche nach einer Lehrstelle, die nicht ernsthaft betrieben wird, aus Angst, „dass es sowieso nicht klappen wird“.

Auch Schulabsentismus habe zugenommen, bereits bei Volksschülern. Die Gefahr von Schulabbrüchen bei Jugendlichen nach der Schulpflicht sei gestiegen. Außerdem sei eine Zunahme an Fällen zu verzeichnen, „wo Schulsozialarbeit nicht mehr ausreicht“, etwa selbstverletzendes Verhalten, Depressionen und krankhaftes Spielverhalten. In diesen Fällen würden die Schulsozialarbeiter Betroffene an die zuständigen Stellen weitervermitteln.

Die Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kathrin Sevecke, hatte kürzlich von einem „besorgniserregenden psychischen Zustand“ vieler Kinder und Jugendlicher gesprochen. Die Kliniken in diesem Bereich seien voll. Auch Sevecke forderte eine sofortige Öffnung der Schulen und Freizeiteinrichtungen.