Coronakrise

WHO: „Viel zu lernen aus Israels Beispiel"

Österreich und Israel sind mit je 8,9 Millionen Einwohnern gleich groß. In Israel waren gestern, Mittwoch, bereits 4,847.286 Menschen gegen Covid-19 einmal geimpft, in Österreich 456.881 Personen. „Man kann viel aus Israels Beispiel lernen“, sagte jetzt Michel Thieren, WHO-Europa-Vertreter in Israel, gegenüber der APA. Haftungsübernahme durch den Staat, Datentransfer zu dem Pharmakonzern bezüglich Sicherheit und eine gute Impfstrategie machten Israel aktuell erfolgreich.

red/Agenturen

„Das Land hat eine brutale erste Corona-Welle um den April 2020 erlebt, die aber extrem gut 'abgedreht'„, erklärte Thieren. Am 2. April vergangenen Jahres waren in Israel 738 neue Covid-19-Fälle registriert worden am 17. April gab es 13 Todesopfer. In dem Land wurden laut den WHO-Zahlen vom Mittwoch bisher 781.888 SARS-CoV-2-Infektionen registriert, 5.778 Covid-19-Patienten sind gestorben (Österreich: 461.683 Infizierte, 8.470 Todesopfer). Die Zahlen gingen hinunter - bis zur „zweiten Welle“ mit beispielsweise 9.078 neu bestätigten Infektionen am 2. Oktober 2020 (10. Oktober: 47 Todesfälle). Die „dritte Welle“ traf Israel mit Jänner 2021 (20. Jänner: 10.116 Neuinfektionen bestätigt; am 26. Jänner 79 Todesfälle) besonders hart. Insgesamt gab es bisher drei Lockdowns.

Thieren: „Es scheint so, als hätte man nach den jeweiligen Lockdowns wieder zu schnell geöffnet. Überhaupt scheinen da baltische Länder, zum Beispiel Lettland, besser im Management gewesen zu sein.“ Diese hätten auch nach Rückgängen der aktuellen Infektionsraten den Druck auf SARS-CoV-2 aufrechterhalten und nur vorsichtige Öffnungsschritte getan.

Für Israel sei die Impfung im Endeffekt die einzige Chance, mit Covid-19 fertig zu werden. „Das Land hat eine extrem diverse Bevölkerung. Da sind auf der einen Seite die Beach-People von Tel Aviv, auf der anderen Seite die Ultraorthodoxen“, sagte der Experte. Kulturell und von der ursprünglichen geografischen Herkunft her gibt es unzählige Gruppierungen in der Gesellschaft. Diese alle über lange Zeit hinweg auf Maßnahmen wie Social Distancing etc. einzuschwören, sei auf Ebene der Gesamtbevölkerung schwer. Der WHO-Experte: „Hinzu kommt, dass die Menschen in Israel auf sehr engem Raum leben, oft auch in Großfamilien.“

Daten-Sharing-Abkommen mit Biontech

In der EU und somit auch in Österreich wird derzeit vor allem das langsame Eintreffen der Vakzine kritisiert. Israel setzte auf den mRNA-Impfstoff von Pfizer/Biontech und gewann ohne eigene Vakzine-Produktion. Thieren sieht für die schnelle Versorgung des Landes mit ausreichend Covid-19-Vakzine folgende Gründe: „Erstens hat der israelische Staat die rechtliche Haftung für die Verwendung des Impfstoffes übernommen. Zweitens gibt es ein Daten-Sharing-Abkommen mit Pfizer. Das ist mittlerweile ein Pool an Sicherheitsdaten von fünf Millionen Geimpften. Drittens beginnt Israel, die Vakzine breiter zu verteilen. Jetzt kommen die rund 300.000 Palästinenser an die Reihe, die täglich zur Arbeit nach Israel kommen. Es gibt bereits Pläne für 19 Staaten, denen Israel Vakzine-Dosen liefern will.“ Die Haftungsfrage wurde auch in der EU diskutiert. Man entschied sich dafür, dass die Haftung (Sicherheitsprobleme mit Impfstoffen) ausschließlich bei den Herstellern liegen müsse.

Doch vor allem die Organisation der Covid-19-Impfungen in Israel erscheint beeindruckend. „Da wird keiner zurückgelassen. Alle sind in Israel krankenversichert. Das Gesundheitswesen ist zentralisiert. Alle Versicherten können schnell kontaktiert werden. Man hat so viele verschiedene Bevölkerungsgruppen, auf die geht man jeweils gezielt zu. Es macht keinen Sinn, Ultraorthodoxe, die sich den ganzen Tag der Religion widmen, aus ihrem Leben zu reißen. Sie tun das seit, sagen wir, 4.000 Jahren. Die muss man in ihrer Gemeinde, in ihren Strukturen erreichen. Israel hat auch eine gute medizinische Primärversorgung.“ Deshalb sei man mit den Impfungen so erfolgreich.

Der WHO-Spezialist: „An die zwei Drittel der für die Impfung infrage kommenden Personen haben zumindest eine Dosis bekommen. Das sind rund fünf Millionen Menschen, etwa drei Millionen haben die zweite Teilimpfung erhalten.“ Die Pfizer-Vakzine können derzeit erst ab einem Alter von 16 Jahren angewendet werden.

Die israelischen Zahlen im Detail: Bei den über 90-Jährigen haben in Israel 94,4 Prozent die Erstimpfung erhalten, 86,4 Prozent auch die zweite Impfung (80 bis 89 Jahre: 91,9 bzw. 85,2 Prozent). Die 70- bis 79-Jährigen wurden zu 94,7 Prozent mit der Erstimpfung gegen Covid-19 versorgt, 88,2 Prozent auch mit der zweiten Teilimpfung (60- bis 69-Jährige: 85,4 bzw. 76,6 Prozent). Unter den 50- bis 59-Jährigen betragen diese Anteile 83 Prozent bzw. 67,7 Prozent, unter den 40- bis 49-Jährigen auch schon 77,3 bzw. 58,2 Prozent. Von den 30- bis 39-Jährigen haben 70,4 Prozent die erste Vakzine-Dosis erhalten, 42,5 Prozent bereits die zweite. Unter den 20-bis 29-Jährigen betragen diese Anteile 63,4 bzw. 34 Prozent.

Ausschließlich nationales Agieren sinnlos

Freilich, laut dem WHO-Experten stellt sich in Israel beispielhaft der Charakter der Schutzimpfung gegen Covid-19 heraus: Das Konzept eines „Herdenschutzes“ könne man sprichwörtlich „vergessen“: „Die Impfstoffe sind gut für das Verhindern von schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen durch Covid-19. Man sieht die Resultate aber erst mit einer Zeitverzögerung. Wir müssen also die sonstigen Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen weiter aufrechterhalten. Die Impfung kommt als Maßnahme dazu.“

In Israel wurde kurz vor Jahreswechsel mit der Impfkampagne begonnen. Trotzdem schnellten die Infektionszahlen noch extrem hoch. Auf der anderen Seite sieht man derzeit langsam den Effekt der Immunisierungen: Am 2. Februar wurden in Israel noch 1.108 Covid-19-Patienten als schwer krank klassifiziert. Gestern, Mittwoch (3. März) waren es 720.

Doch es geht bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie nie nur um ein Land. Thieren: „Nationales Agieren und internationale Solidarität sind nur die zwei Seiten einer Medaille. Wenn man in einem Land die am meisten Gefährdeten durch die Impfung geschützt hat, sagen wir um die 35 Prozent der Bevölkerung, sollte Impfstoff an andere Staaten mit Bedarf weitergegeben werden. Allein wird kein Land sicher werden.“ In Europa sollten das besonders die nahen Staaten des Südbalkans oder auch Moldawien etc. sein. „Bosnien-Herzegowina als Beispiel hat einfach nicht die Mittel, um leicht zu der Impfung zu kommen“, sagte der WHO-Europa-Experte.

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