Coronakrise

Politik debattiert über Werkzeuge zur Pandemiebekämpfung

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hat die Landeshauptleute von Oberösterreich und Salzburg, Thomas Stelzer und Wilfried Haslauer (beide ÖVP), zu einem Krisengipfel heute nachmittag geladen. Grund dafür ist der dramatische Anstieg der positiven Coronafälle besonders in diesen Bundesländern, so Mückstein. In Wien spricht Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am Mittwoch von einem neuerlichen Lockdown als „letzte Konsequenz“. Seit Kurzem kursieren Gerüchte darüber, die die Regierung verneint hat.

red/APA

Es müsse „alles was nötig ist“ getan und „fast alles in Kauf“ genommen werden, um eine solche Situation zu verhindern, sagte Ludwig am Rande der Pressekonferenz vor der Eröffnung des 70. Städtetages in St. Pölten.

Von der Bundesregierung gefordert wurden „sehr schnelle und konsequente Maßnahmen und eine Informationskampagne, was den dritten Stich betrifft“. Angesprochen auf einen sogenannten Ost-Lockdown so wie in der Osterzeit sagte der SPÖ-Politiker, gleichzeitig auch Präsident des Österreichischen Städtebundes, dass man „in einer Pandemie generell nichts zu einhundert Prozent ausschließen“ könne.

„Die Zahlen steigen in außerordentlichem Ausmaß, regional unterschiedlich, aber österreichweit“, konstatierte Ludwig, nachdem am Mittwoch mit 11.398 Neuinfektionen ein Allzeit-Hoch erreicht worden war. Ihn begleite die Sorge, dass gerade in stark betroffenen Bundesländern etwa „auch der Tourismus leiden wird“.

Personal- statt Bettenengpaß

Im Burgenland ist die Situation unterdessen noch vergleichsweise entspannt. Am Mittwoch befanden sich drei Coronakranke in intensivmedizinischer Behandlung. Insgesamt waren 46 Personen hospitalisiert. Aus dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt hieß es allerdings, dass begonnen wurde, geplante Operationen zu verschieben.

Covid-19-Intensivpatienten werden derzeit ausschließlich in den Krankenhäusern der KRAGES (Burgenländische Krankenanstalten-GmbH) in Oberpullendorf und Güssing behandelt, erklärte Leo Szemeliker von der Kommunikation Burgenland GmbH. Der Engpassfaktor seien nicht die Intensivbetten, sondern das zur Verfügung stehende Personal.

Im Vergleich zum Frühjahr sei die Lage momentan „nicht so dramatisch“, meinte Szemeliker. Laut den Leitern der Intensivstationen seien die positiven Auswirkungen der Impfung durchaus zu spüren. Von den Geimpften würden weniger Patienten intensivpflichtig. Müssen sie dennoch auf die Intensivstation, können sie diese meist schneller wieder verlassen. „Die Liegezeiten sind bei Geimpften kürzer. Früher sind die Patienten teilweise wochenlang auf den Intensivstationen gelegen“, betonte Szemeliker.

Für das Personal sei die Situation dennoch sehr anstrengend, zumal die Pflege von Covid-19-Patienten deutlich aufwendiger sei. Man brauche Schutzausrüstung, müsse vorsichtiger arbeiten und die Kranken mehrmals drehen, so Szemeliker. Aufgrund der hohen Impfquote werde im Burgenland keine Dynamik wie vor einem halben Jahr erwartet. Sollte die Zahl der Hospitalisierungen steigen, sei aber nicht auszuschließen, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Personal für die Betreuung der Covid-19-Intensivpatienten freizubekommen.

Die Intensivstation im KRAGES-Schwerpunktspital Oberwart soll so gut wie möglich Covid-frei gehalten werden. Sollte aber der Bedarf steigen, könnten auch dort Intensivplätze isoliert werden. In Kittsee hingegen kann die Intensivstation aus baulichen Gründen nur als Non-Covid- oder Covid-Station geführt werden. Ein gemischter Betrieb sei dort nicht möglich. Im Frühjahr wurde in Kittsee in der letzten Stufe „umgedreht“, so Szemeliker.

Für die Patientinnen und Patienten, die mit Corona auf den Intensivstationen der KRAGES-Häuser liegen, habe man ausreichend Kapazitäten. Man stimme sich auch wie bereits die gesamte Pandemie hindurch eng mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt ab.

Eine Sprecherin des Eisenstädter Spitals erklärte ebenfalls, dass die hohe Durchimpfungsrate bei den Hospitalisierungen erkennbar sei. Um aber ausreichend Kapazitäten zu haben, habe man begonnen, Plan-Operationen zu verschieben, so die Sprecherin. Dies seien Maßnahmen in Abstimmung mit KRAGES und Land, um die Versorgung im Burgenland aufrechtzuerhalten.

Neues Allzeit-Hoch erreicht

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist am Mittwoch mit 11.398 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden in Österreich ein neues Allzeit-Hoch erreicht worden. Der bisherige Höchststand von 9.943 Fällen vom Samstag wurde damit bei weitem übertroffen. Von Dienstag auf Mittwoch waren 23 Todesopfer zu beklagen. Beim Sieben-Tages-Schnitt hält Österreich mittlerweile bei 9.110 Infektionen pro Tag. 2.237 Menschen müssen mittlerweile wegen Covid-19 im Spital behandelt werden.

Die aktuellen Infektionszahlen liegen signifikant über dem Mittelwert, den das Covid-Prognosekonsortium in seiner bis dato letzten Berechnung angenommen hatte. Die Experten waren in der Vorwoche bezogen auf den heutigen Mittwoch von einem Sieben-Tages-Schnitt von 7.878 neuen Fällen pro Tag ausgegangen. Für den allerschlimmsten Fall wurde ein Sieben-Tages-Schnitt von maximal 9.404 errechnet - die Realität ist diesem Worst Case -Szenario also sehr nahe gekommen.

Diese Entwicklung dürfte vor allem in den Krankenhäusern mit größter Sorge beobachtet werden, da die Spitäler teilweise jetzt schon mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten am Limit sind. Der sprunghafte Anstieg bei den Neuinfektionen wird sich erst zeitverzögert - in sieben bis zehn Tagen - in den Spitalszahlen niederschlagen. Dabei mussten schon in den vergangenen 24 Stunden 85 weitere Personen im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 stationär behandelt werden. Auf den Intensivstationen des Landes liegen derzeit 413 Patientinnen und Patienten mit Covid-19. Auch diese Zahl ging innerhalb eines Tages deutlich mit zehn Personen in die Höhe. Innerhalb einer Woche stieg die Belegung der Intensivbetten um 80 an.

Sollte dem fast eingetretenen Worst-Case-Szenario nicht Einhalt geboten werden, wäre unter Zugrundelegen des letztwöchigen Rechenmodells des Covid-Prognosekonsortiums bereits am kommenden Mittwoch (17. November) von mehr als 600 Intensivpatientinnen und -patienten auszugehen. Die Entscheidungsträger stehen im Zusammenhang mit dem ICU-Belag mit Covid-Patientinnen und -Patienten allerdings vor der Schwierigkeit, dass es offenbar nach wie vor keinen tagesaktuellen verlässlichen Überblick über die tatsächliche Auslastung im Intensivbettenbereich gibt, wie die Nachrichtenagentur APA aus Expertenkreisen meldet.

Demnach soll es in einzelnen Bundesländern vorgekommen sein und womöglich weiter vorkommen, dass schwere Covid-19-Fälle nicht mehr als intensivpflichtig ausgewiesen werden, sobald ihr Ct-Wert, mit dem die Viruskonzentration im Blut gemessen wird, einen bestimmten Wert erreicht (je höher der Ct-Wert, desto geringer die Viruskonzentration, Anm.), obwohl die Betroffenen weiter intensivmedizinischen Betreuungsbedarf haben. Außerdem soll es beim Überblick über den ICU-Belag insofern keine einheitliche Zählweise geben, als mancherorts die Intermediate Care (IMC) dem ICU-Bereich zugerechnet wird, während andernorts nur systematisierte ICU-Betten für den Kapazitäten-Ausweis herangezogen werden, hieß es weiter. IMC-Patientinnen und -Patienten sind solche, die keiner intensivmedizinischen Behandlung bedürfen, aber intensiv pflegerisch betreut und mit ihren Vitalfunktionen überwacht werden müssen. An sich ist eine ICM-Station damit eine Behandlungsstufe zwischen Intensiv- und Normalstation.

Momentan laborieren 85.611 Menschen in Österreich an einer SARS-CoV-2-Ansteckung, das sind um 6.372 aktive Fälle mehr als tags zuvor. Die meisten Neuinfektionen gab es erneut in Oberösterreich mit enormen 3.424 Fällen. In Niederösterreich wurden 2.176, in Wien 1.587, in der Steiermark 1.222, in Tirol 951, in Salzburg 662, in Vorarlberg 588, in Kärnten 574 und im Burgenland, wo die Impfquote über 70 Prozent liegt, 214 Fälle registriert.

Die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner liegt österreichweit mittlerweile bei 713,9. Aufgeschlüsselt auf die Bundesländer liegt Oberösterreich auch hier an der traurigen Spitze mit 1.173,5. Danach folgen Salzburg, Niederösterreich und Vorarlberg (933,5, 741,3 bzw. 660,5). Anschließend kommen Kärnten (659,1), Tirol (645), die Steiermark (579,8), das Burgenland (476,3) und Wien (445,7).

Insgesamt wurden in den vergangenen 24 Stunden 597.686 PCR- und Antigenschnell-Tests eingemeldet. Davon waren 275.740 aussagekräftige PCR-Tests. Insgesamt wurden in Österreich seit Pandemiebeginn mehr als 127 Millionen Corona-Tests durchgeführt. Die Positiv-Rate der PCR-Tests beträgt derzeit 4,1 Prozent. Auch dieser 24-Stunden-Wert liegt über dem Schnitt der vergangenen Woche von 3,8 Prozent.

Durch die 2G-Regelung war der Andrang zu den Impfzentren weiterhin stark. Am Dienstag haben sich insgesamt 53.690 Menschen in Österreich eine Covid-Schutzimpfung geholt - um drei Viertel mehr als vor einer Woche und der stärkste Dienstagswert seit Ende Juli. Bei mehr als der Hälfte (27.866) handelt es sich um Auffrischungsimpfungen. Aber auch die Zahl der Erstimpfungen war mit 18.840 so hoch wie seit Mitte Juli nicht mehr. Der bisherige Tagesrekord lag bei 87.306 Erstimpfungen am 7. Mai.

Die meisten Impfungen gab es einmal mehr in Wien (12.509), gefolgt vom Impfnachzügler Oberösterreich (9.079) und der Steiermark (8.406). Bei den Erstimpfungen lag am Dienstag die Steiermark (5.309) vor Oberösterreich (3.832) und Wien (2.875). In Salzburg gab es 1.591 Erststiche, in Niederösterreich 1.496 und in Tirol 1.460. Danach folgen Kärnten (1.349), das Burgenland (276) und Vorarlberg (149). Weitere 503 Erstimpfungen konnten im elektronischen Impfpass keinem Bundesland zugeordnet werden.

In ganz Österreich gelten derzeit fast zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner (65 Prozent) als geimpft, verfügen also über ein gültiges Impfzertifikat. Am höchsten ist die Durchimpfungsrate nach wie vor im Burgenland mit fast 72 Prozent vor Niederösterreich (67), der Steiermark (65) und Wien (64 Prozent). Danach folgen Tirol (63), Vorarlberg (62), Kärnten und Salzburg (je 61 Prozent). Schlusslicht ist nach wie vor Oberösterreich mit knapp unter 60 Prozent Durchimpfung. Seit Anfang November ist die Durchimpfung um 59.341 Personen (0,66 Prozent der Bevölkerung) gestiegen. Am stärksten war das Plus in Wien, Tirol, Kärnten und der Steiermark (jeweils plus 0,7 Prozent der Bevölkerung).

Seit Ausbruch der Pandemie haben 11.577 Menschen mit einer Coronainfektion ihr Leben verloren. 23 Tote waren es innerhalb der vergangenen 24 Stunden. Innerhalb einer Woche waren 177 Tote zu beklagen. Pro 100.000 Einwohner sind seit Beginn der Pandemie 129,6 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben.

Seit die Krankheit in Österreich ausgebrochen ist, gab es 911.175 bestätigte Fälle. 813.987 haben eine Infektion hinter sich.

 

werkzeug
Die Schrauben, an denen gedreht werden kann, um die Pandemie zu bekämpfen, sind nicht mehr allzu vielfältig.
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