Rotes Kreuz

„Ich wehre mich gegen die Tyrannei der Präzedenzfälle"

Der Amerikanische Bürgerkrieg und das Leid auf den Schlachtfeldern war eine Erfahrung, die sie nicht mehr losließ. Als Konsequenz gründete sie 1881 das amerikanische Rote Kreuz, war Zeit ihres Lebens eine engagierte Krankenschwester und Philanthrophin und wurde oftmals als „amerikanische Florence Nightingale“ bezeichnet: Clara Barton. Am 12. April vor 110 Jahren starb sie hochbetagt auf ein Lebenswerk zurückblickend, das höchsten Respekt verdient.

Eva Kaiserseder
„Everybody's business is nobody's business, and nobody's business is my business.“ - Clara Barton.

„Everybody's business is nobody's business, and nobody's business is my business.“ ist vermutlich das bekannteste Zitat Clara Bartons, die sich schon recht früh in ihrem Leben für das interessierte, wo andere lieber wegschauten.

Als Tochter eines Farmers 1821 im ländlichen US-Staat Massachusetts geboren, pflegte sie schon als Teenager ihren deutlich älteren Bruder, als der sich von einer schweren Verletzung erholte. Sehr bald wurde sie dann Lehrerin, was ihrem eigentlich extrem schüchternen Naturell widersprach. Trotzdem zeigte sich ihre große Begabung in der Pädagogik und konsequenterweise gründete Barton dann auch 1853 die erste freie, öffentliche Schule im US-Bundesstaat New Jersey. Der Unterricht dort stand Kindern aus allen Einkommens- und Bevölkerungsschichten offen. Leiterin der Schule, als diese wuchs und wuchs, blieb sie allerdings nicht lange, was auch den historischen Umständen und der damaligen Stellung der Frau geschuldet war.

Sie war und blieb allerdings eine Handelnde, eine, die einfach loslegte und in medias res ging, so auch in ihren nächsten Schritten. Es ärgere sie, schrieb Barton einmal, „wenn man mir sagt, wie Dinge immer schon gemacht wurden. Ich wehre mich gegen die Tyrannei der Präzedenzfälle. Ich bin für alles Neue, wenn wir damit etwas besser machen als früher.“ Nachdem sie also die Schulleitung der von ihr gegründeten Schule nicht weiter innehatte, ging sie nach Washington D.C., der amerikanischen Hauptstadt seit 1801. Dort wurde sie prompt die erste weibliche Regierungsmitarbeiterin, und zwar im Patentamt. Übrigens bekam sie dasselbe Salär wie ihre männlichen Kollegen, keine Selbstverständlichkeit. Und dann brach der Amerikanische Bürgerkrieg aus.

Vom Amt an die Front

Dieser Krieg zwischen den amerikanischen Nordstaaten, die unter anderem die Sklaverei in den USA aufheben wollten und den Südstaaten, die die Sklaverei beibehalten wollten und zudem als Konföderation einen eigenen Staatenbund gegründet hatten, war für Clara Barton eine Zäsur. Sie, die sich bei Kriegsbeginn sofort freiwillig als Krankenschwester gemeldet hatte, erlebte erstmals das Grauen auf den Schlachtfeldern. Und handelte, ganz ihrem Naturell entsprechend, entschieden und schnell. Nicht nur Spendenaufrufe, sondern auch den Transport von Verbandsmaterial oder Kleidung direkt an die Front sah sie als ihre vorrangigste Aufgabe an, was allerdings kein leichtes Unterfangen angesichts der vielen bürokratischen Hürden war. Es wäre aber nicht Clara Barton gewesen, hätte sie nicht auch diesen Plan erfolgreich umgesetzt.

Ihr Einsatz bleib nicht unbemerkt: 1864 wurde sie von einem Unionsgeneral zur Leiterin der Frontspitäler eingesetzt, allerdings war Barton die Herkunft der verwundeten Soldaten dabei völlig egal, sie behandelte die Verletzten gleichermassen sorgfältig und umsichtig. Auch ohne das Wissen um die „Genfer Konventionen“, die 1864 ins Leben gerufen wurden, handelte sie also danach. Auch ein gewisser Jean-Henri Dunant war ihr unbekannt. Aber der Reihe nach.

1865 ging der Amerikanische Krieg im April mit der Niederlage der Südstaaten zu Ende. Auf beiden Seiten gab es große Verluste, die USA waren eine andere als zuvor und die Grundlagen für die Vereinigten Staaten, wie wir sie heute kennen, gelegt. Nach drei Jahren des engagierten Einsatzes als Krankenschwester an der Front lautete Bartons Beiname übrigens „angel of the battlefield“, also Engel des Schlachtfelds. Kurz nach Kriegsende entschloss sie sich, einen Vermisstendienst, das so genannte „Office of missing soldiers“ ins Leben zu rufen, mit Erlaubnis von Abraham Lincoln, seines Zeichens US-Präsident bzw. des Kongresses, wo sie ihr Anliegen vortrug. Das Büro erhielt in der vierjährigen Dauer seines Bestehens 63.182 Briefe mit der Bitte um Hilfe, 22.000 Soldaten konnten mit ihren Familien wiedervereint werden. Zudem engagierte sich Clara Barton als Sufragette in der frühen Frauenbewegung.

1869 wurde das „Office of missing soldiers“ geschlossen. Im selben Jahr fuhr Clara Barton in die Schweiz, auch um sich auf ärztlichen Rat zu erholen und wieder Kraft nach all den anstrengenden Jahren zu schöpfen. Und dort hörte sie vom Roten Kreuz als Organisation, die genau das machte, was sie Jahre zuvor im Bürgerkrieg als oberste Prämisse verfolgt hatte: Verwundeten und Kriegsopfern zu helfen, ganz gleich welchem „Lager“ und welcher Seite diese angehörten. 1863 wurde die Organisation als „Internationales Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ gegründet und trug seit 1876 den Namen „Internationales Komitee vom Roten Kreuz“. Der Gedanke, diese Idee auch in den USA zu etablieren, war bei Clara Barton damals schon präsent, allerdings dauerte es noch einige Jahre, bis es soweit war; unter anderem deshalb, weil die fast 50-jährige immer wieder gesundheitliche Probleme hatte.

Am 21. Mai 1881 war es dann soweit: Das Amerikanische Rote Kreuz wurde gegründet, mit dem Ziel, Menschen in Not zu helfen, uneigennützig, schnell und unbürokratisch. Ein Jahr später anerkannten die USA übrigens die Genfer Konventionen, die bis heute Verwundete und Zivilisten in Kriegsgebieten schützen. Clara Barton selbst war 23 Jahre, bis 1904, als dessen Präsidentin tätig und hat sich vielfach direkt vor Ort in Katastrophengebieten für Betroffene eingesetzt. Am 12. April 1912 starb sie in hohem Alter, mit 90 Jahren und von Krankheiten und Depression geprägt, als Frau, die schon zu Lebzeiten enorm viel Respekt und Anerkennung erfuhr. Heute ist ihr ehemaliges Haus in Glenn Echo, wo sie ihre letzten Jahre verbrachte und auch starb, ein Museum und ihren Namen in den USA ein household name, einer, den jeder kennt. Ein würdiges Andenken an eine Frau, die selbstlos und mutig ihre wichtigen Ideen von humanitärer Hilfe umsetzte.

Glenn Echo
Bartons Haus, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, befindet sich in der Clara Barton National Historic Site in Glen Echo, Maryland/USA. Das Haus diente kurzfristig auch als frühe Rot-Kreuz-Zentrale.(c) NPS Photo via wikicommon

 

 

 

 

 

Clara Barton
Clara Barton, Gründerin des amerikanischen Roten Kreuzes, um 1865.
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„Sie war und blieb eine Handelnde, eine, die einfach loslegte und in medias res ging."
„Nicht nur Spendenaufrufe, sondern auch den Transport von Verbandsmaterial oder Kleidung direkt an die Front sah sie als ihre vorrangigste Aufgabe an, was allerdings kein leichtes Unterfangen angesichts der vielen bürokratischen Hürden war."