Prozess

Vorgänge in NÖ Pflegeheim - Zeugin: „Lange genug geschwiegen“

Im Prozess um die Vorgänge im Pflegeheim Kirchstetten (Bezirk St. Pölten) ist am Mittwochvormittag am Landesgericht St. Pölten eine ehemalige Kollegin der vier Angeklagten als Zeugin befragt worden. „Ich habe lange genug geschwiegen“, sagte die 46-Jährige. Schließlich habe sie sich aber doch entschieden, „den Spieß umzudrehen“ und die Missstände ans Licht zu bringen. Davor will sie Beweismaterial in einer dienstlichen WhatsApp-Gruppe gesammelt haben.

red/Agenturen

Vier Personen im Alter von 30 bis 56 Jahren - ein Mann und drei Frauen - müssen sich seit Mitte September in der Causa vor Gericht verantworten. Sie sollen in der Einrichtung im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Pfleger bzw. Pflegehelfer mehrere alte Menschen geschlagen und beschimpft haben, die hilflosen Betroffenen gequält und Bewohner zu heiß geduscht haben. Da die Opfer nicht mehr mitteilungsfähig waren, stützt sich die Anklage im Wesentlichen auf Anzeigen zweier anderer Mitarbeiterinnen des Heims - darunter auch die am Mittwoch befragte 46-Jährige - und auf Protokollen der dienstlichen WhatsApp-Gruppe.

Angelastet wird dem Quartett das Quälen oder Vernachlässigen sowie der sexuelle Missbrauch wehrloser oder psychisch beeinträchtigter Personen. Vorgeworfen wird den Beschuldigten zudem Körperverletzung, in Bezug auf den 30-Jährigen steht auch noch Urkundenfälschung im Raum. Im Fall einer Verurteilung drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Bewohnern werde man „den Teufel austreiben“

Die am Mittwoch befragte 46-Jährige war im September 2014 nach Kirchstetten gekommen. Als Pflegehelferin hatte sie zunächst auf einer anderen Station begonnen, im Februar 2016 wechselte sie auf jene Abteilung, in der auch das nun angeklagte Quartett tätig war. Bereits nach rund einer Woche habe sie vor allem im Umgangston einen großen Unterschied gemerkt. So sei sie etwa von den Beschuldigten darauf hingewiesen worden, „dass bei uns Zucht und Ordnung herrscht“. Den Bewohnern werde man „schon den Teufel austreiben“. „Es sind Sachen gefallen, die man normal nicht in den Mund nimmt“, bekräftigte die 46-Jährige.

Auch in Sachen Pflege sei vieles alles andere als lupenrein zugegangen, berichtete die Zeugin von diversen Übergriffen. Hämatome am Körper der Bewohner seien nicht immer dokumentiert worden, u.a. auf Anweisung des angeklagten 30-Jährigen. „Papier ist geduldig“, resümierte die Befragte. Besorgten Angehörigen seien immer wieder Ausreden aufgetischt worden.

Zur dienstlichen WhatsApp-Gruppe, in der Obszönitäten ausgetauscht wurden, war sie im Sommer 2016 hinzugefügt worden. „Ich habe voll mitgespielt in diesem Chat“, gab die Zeugin zu. „Weil mir klar war, nur so kann ich Beweise sammeln.“

Ein Aufzeigen des Geschehens habe sie sich längere Zeit nicht getraut. „Aber irgendwann kann man nicht mehr“, blickte die 46-Jährige zurück. Trotz Einschüchterungsversuchen der Beschuldigten habe sie sich schließlich an einen Vorgesetzten gewendet, danach seien die Ermittlungen ins Rollen gekommen.