Coronavirus

Gesundheitssystem in Kalabrien kollabiert

Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die seit 25 Jahren Opfer von Kriegen und Verfolgung medizinisch versorgt, ist von der Regierung in Rom beauftragt worden, dem wegen der Epidemie unter Druck geratenen Gesundheitswesen in Kalabrien unter die Arme zu greifen. Die Hilfsorganisation soll Feldkrankenhäuser zur Unterstützung der Spitäler organisieren.

red/Agenturen

Der Einsatz Emergencys in Kalabrien wurde vom Zivilschutz in Abstimmung mit Rom beschlossen. „Angesichts der Entwicklung in Kalabrien kann Emergency dazu beitragen, den dringenden Bedürfnissen der Bevölkerung nachzukommen“, hieß es in einem Schreiben des italienischen Zivilschutzes am Dienstagabend.

Von Afghanistan bis zum Sudan betreibt Emergency über 60 Krankenhäuser, Kliniken und Erste-Hilfe-Stationen. Dabei sorgt die Organisation dafür, dass die aufgebauten Strukturen und medizinischen Kenntnisse auch nach Ende der Notsituation im Lande erhalten bleiben und sich dort weiter entwickeln. Diese Kompetenzen will NGO-Gründer Strada jetzt in den Dienst Kalabriens stellen.

„Ich bin sicher, dass Gino Strada und Emergency einen wichtigen Beitrag leisten werden, damit Kalabrien einen Ausweg aus seiner schwierigen Situation findet. Strada stellt seine Erfahrung, seine Leidenschaft und Kompetenz in den Dienst der Bewohner Kalabriens“, schrieb Außenminister Luigi Di Maio auf Facebook.

Inkompetente Staatskommissare in Kalabrien

Das Gesundheitssystem der Zwei-Millionen-Einwohner-Region an Italiens Stiefelspitze wird schon seit zehn Jahren von zumeist unfähigen Staatskommissaren verwaltet. Kalabrien steht an letzter Stelle unter den Regionen, was die Qualität der Krankenhäuser betrifft. Strenge Sparpolitik und Korruption haben das regionale Gesundheitssystem schwer in Mitleidenschaft gezogen. Wer es sich leisten kann, lässt sich in Norditalien behandeln. Angesichts der zweiten Epidemiewelle wurden alle Mängel offen gelegt.

Seit Jahren steht das Gesundheitswesen Kalabriens unter Aufsicht eines von der Regierung ernannten Kommissars. In den vergangenen zehn Tagen wurden bereits zwei neue ernannt, beide traten aus unterschiedlichen Gründen zurück. Die Regierung ist deswegen in die Kritik geraten. Lega-Chef Matteo Salvini forderte den Rücktritt von Gesundheitsminister Roberto Speranza.

Immer mehr „rote Zonen“

Inzwischen steigt die Zahl der Regionen, die von der Regierung zur „roten Zone“ mit Teil-Lockdowns erklärt werden. Seit Mittwoch ist auch das mittelitalienische Abruzzen eine „rote Region“, in der alle Lokale und Geschäfte mit Ausnahme von Supermärkten und Apotheken geschlossen sind. Zusätzlich bestehen Einschränkungen bei der Reisefreiheit. Auch Apulien könnte bald zur „roten Zone“ erklärte werden, verlautete in Regierungskreisen.

Die Regionen sind mit dem sogenannten „Ampel“-System der Regierung nicht zufrieden, das Regionen in Risikogruppen eingeteilt. Statt den aktuell 21 Parametern sollten künftig nur noch fünf Kriterien bei der Einstufung berücksichtigt werden, verlangten die Präsidenten der Regionen. „Wir fordern einfache und transparente Kriterien, die der realen Situation der Region wirklich entsprechen“, sagte der Präsident Liguriens, Giovanni Toti.

In Italien ist am Dienstag die Zahl der Todesopfer in 24 Stunden stark gestiegen. 731 Tote wurden gemeldet, am Vortag waren es noch 503. Das ist der höchste Stand seit 3. April. Somit beträgt ihre Zahl seit Beginn der Epidemie 46.464. Der Präsident des Obersten Gesundheitsinstituts ISS, Silvio Brusaferro, bezeichnete die Epidemielage als „stabil“.