Medizinhistorische Streifzüge – Folge 13

Die Unterbringung der „Irren“

Welche okkulten Zahlen verbergen sich hinter der Aufmachung des ehemaligen „Narrenturms“, was hat es mit dem sogenannten „Brünnlfeld“ auf sich und welche Ikonographie verwendete Otto Wagner beim Bau der Anstaltskirche „Am Steinhof“? Regelmäßig begibt sich Hans-Peter Petutschnig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin. Dabei gibt es viel zu entdecken, längst Vergangenes, mitunter Skurriles, Schockierendes oder auch Prägendes, oft gut verborgen unter baulichen Veränderungen der letzten Jahrhunderte. In dieser Folge: Ein Spaziergang zu den Stätten früher Unterbringung psychisch kranker Menschen.

Hans-Peter Petutschnig

Wer den Gebäudekomplex des alten AKH von der Alserstraße aus betritt, muss die Höfe 1 bis 3 durchwandern, um direkt zum ehemaligen „Narrenturm“ zu kommen. Seit 1971 befindet sich die Pathologisch-anatomische Sammlung mit ungefähr 50.000 Exponaten. Seine ursprüngliche Bestimmung aber war die Unterbringung psychisch Erkrankter, der er auch seinen Namen im Volksmund verdankte.

Für den heutigen Besucher mag der Bau abschreckend und menschenverachtend wirken. Für das Ende des 18. Jahrhunderts jedoch war es ein fortschrittlicher Bau, denn normalerweise sperrte man die „Irren“ und „Wahnwitzigen“ ins Gefängnis und lies sie dort verkommen, oder man deportierte sie gleich auf unbesiedelte Inseln.

Geplant und errichtet wurde der Narrenturm 1784 vom Architekten Josef Ignaz Gerl, der aus einer bekannten österreichischen Baumeisterfamilie stammte. Seine Projekte waren stilistisch außergewöhnlich und der josephinischen Periode angepasst.

Der fünfstöckige, festungsähnliche Rundbau umfasst 139 Einzelzellen mit schlitzartigen vergitterten Fenstern. Jede Zelle hatte starke Gittertüren und Ringe zur Ankettung unbändiger Insassen. 1789, also wenige Jahre nach der Eröffnung, inspizierte ein Reisender auch diese „Sehenswürdigkeit“ bei seinem Wien-Besuch: „Ein großer Theil der Unglücklichen, hier Eingesperrten, sind Soldaten. Viele sind nicht in die Behältnisse eingekerkert, sondern sitzen und laufen in den Gängen umher. Manche liegen an Ketten in ihren Kerkern, und sind an die Wände angeschlossen.“

Narrenturm Wien
Der Narrenturm auf dem Gebäudekomplex des alten AKH. Für den heutigen Besucher mag der Bau abschreckend und menschenverachtend wirken. Für das Ende des 18. Jahrhunderts jedoch war es ein fortschrittlicher Bau.


© Stefan Seelig

 

Von seiner Rundform leitet sich die in Wien übliche umgangssprachliche Bezeichnung „Gugelhupf“ für Irrenhäuser beziehungsweise psychiatrische Kliniken ab.

Josef II. hatte als Mitglied der Freimaurer ein großes Interesse daran, dieses Projekt durchzuführen. Er hat den Bau mit seinem Privatgeld finanziert und sich auch in die Planung stark eingebracht. Seine Vorliebe zum Okkultismus zeigt sich hier ebenso wie das Geheimwissen und die Symbolik der Geheimbünde. Zu erkennen ist das beispielsweise anhand der fünf Stockwerke – angeblich gibt es bei den Rosenkreuzern fünf Stufen zur Erleuchtung – sowie den 28 Zellen pro Stockwerk – 28 bedeutet in der jüdischen Kabbala „Gott, der die Kranken heilt“. In der arabischen Tradition ist 66 die Zahl Gottes – der Umfang des Gebäudes umfasst 66 Klafter.

Der Narrenturm war, wie bereits erwähnt, für das Ende des 18. Jahrhunderts fortschrittlich, dennoch veränderte sich die Sicht auf die Irrenfürsorge innerhalb einer Generation dramatisch. 1822 wurden daher Flächen um das sogenannte „Brünnlfeld“ angekauft, ein Areal zwischen dem Krankenhaus und dem Linienwall, heute Lazarettgasse 14, um eine zeitgemäße Anstalt zu errichten. Ab 1853 wurden in der NÖ Landesirrenanstalt am Brünnlfeld Kranke aufgenommen. Als um 1900 auch diese Anstalt zu klein wurde – Wien war inzwischen auf 2,2 Millionen Einwohner angewachsen –, entschloss man sich für einen Neubau. Das Areal sollte groß und im Pavillonsystem angeordnet sein. Und alle bereits geplanten Objekte für das Brünnlfeld, wie Gesellschaftshaus und Theater, sollten auf einem 144 Hektar großen Grundstück realisiert werden: die NÖ Landesheilanstalt für Nervenkranke auf der Baumgartner Höhe im 14. Bezirk. Mit ihren 2.200 Betten galt sie damals als die größte und modernste diesbezügliche Anstalt in Europa. Architektonischer Höhepunkt des Spitals ist die zwischen 1904 und 1907 von Otto Wagner erbaute Anstaltskirche „Am Steinhof“. Im modernsten Jugendstil berücksichtigte Wagner dabei die Bedürfnisse der Patienten und des Pflegepersonals. Jedes Detail wurde nach Nützlichkeit und Funktionalität konzipiert. Die gesamte Ikonographie steht im Zusammenhang mit der Heilung und der Tröstung des Erkrankten und der Bewusstseinsbildung der Verantwortung für die Gesunden.

Otto Wagner Kirche Steinhof
Architektonischer Höhepunkt des Spitals auf der Baumgartner Höhe ist die zwischen 1904 und 1907 von Otto Wagner erbaute Anstaltskirche „Am Steinhof“.


© Privat

 

Wer den Narrenturm im alten AKH besichtigt, sollte übrigens einen Abstecher zum ebenfalls in Hof 6 befindlichen Denkmal „Marpe Lanefesch“ (hebräisch: „Heilung für die Seele“) machen. Es wurde 2005 eröffnet. Die Künstlerin Mina Antova gestaltete das zerstörte ehemalige jüdische Bethaus neu, das 1903 von Max Fleischer errichtet worden war.

Marpe Lanefesch
Das Denkmal „Marpe Lanefesch“ (hebräisch: „Heilung für die Seele“) wurde 2005 eröffnet. Die Künstlerin Mina Antova gestaltete das zerstörte ehemalige jüdische Bethaus neu.


© Stefan Seelig

 

Um 1900 waren 10 Prozent der Bevölkerung in Wien jüdisch. Aufgrund des Staatsgrundgesetzes von 1867 – freie Wahl des Wohnorts für alle Bürger, unabhängig von Geschlecht, Religion, Stand und Einkommen – suchten viele ihr Glück in Wien, so auch viele Juden aus den Kronländern. Jüdischen Kindern war es nun möglich, Universitäten zu besuchen. Viele von ihnen studierten Medizin und wurden Ärztinnen und Ärzte. Als nach dem Anschluss von 1938 die Nürnberger Rassengesetze auch in Österreich zur Anwendung kamen und Juden wieder alle ihre Bürgerrechte verloren, hatte Wien Probleme mit der medizinischen Versorgung. Jüdische Ärztinnen und Ärzte hatten ihre Zulassung verloren, somit fiel ungefähr die Hälfte der Ärzteschaft für Behandlungen aus. Den Aderlass, den der Rassenwahn der Nationalsozialisten in Wien hinterließ, kann man daran erkennen, dass 173 Professoren und Assistenten an der Medizinischen Fakultät entlassen und 23 Prozent der Studierenden vom Studium ausgeschlossen wurden.

Heute ist der Platz des ehemaligen jüdischen Gebetshauses eine Stätte des Gedenkens und Bedenkens der Universität.

 

 

Hans-Peter Petutschnig ist seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich. Er ist zudem stellvertretender Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien und organisiert zahlreiche kulturelle Veranstaltungen für Ärztinnen und Ärzte. Zusammen mit der staatlich geprüften Wiener Fremdenführerin sowie Kunst- und Kulturvermittlerin Bibiane Krapfenbauer-Horsky hat er das Buch „Auf den Spuren der alten Heilkunst in Wien – Medizinische Spaziergänge durch die Stadt“ verfasst.

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Hans-Peter Petutschnig
Hans-Peter Petutschnig, seit vielen Jahren für die Pressearbeit und den Verlag der Wiener Ärztekammer verantwortlich, begibt sich nun regelmäßig bei medinlive auf eine Zeitreise zu den Spuren der alten Wiener Medizin.
Stefan Seelig
„Ein großer Theil der Unglücklichen, hier Eingesperrten, sind Soldaten. Viele sind nicht in die Behältnisse eingekerkert, sondern sitzen und laufen in den Gängen umher. Manche liegen an Ketten in ihren Kerkern, und sind an die Wände angeschlossen.“