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„16 Tage gegen Gewalt“

Steiermark verpasst sich Gewaltschutzstrategie

Gewalt an Frauen und Mädchen findet statt - in allen gesellschaftlichen Schichten: Sie reicht von extrem kontrollierendem Verhalten, über verbale Attacken, Drohungen und Einschüchterung bis hin zu körperlichen Gewalthandlungen und Tötung. In der Steiermark wurde in den vergangenen Monaten mit Expertinnen und Experten eine Gewaltschutzstrategie erarbeitet. Sie soll dem Bundesland als „Kompass für neue Maßnahmen“ dienen, hieß es im Pressegespräch in Graz.

red/Agenturen

Gewalt in der Familie wird oft tabuisiert, allerdings ist das Thema aktueller denn je: „In den steirischen Familien ist nicht alles gut: Eine Krise jagt die nächste, der soziale und psychische Druck ist gestiegen, die Gewalt hat zugenommen. Damit dürfen wir uns nicht abfinden“, sagte Soziallandesrätin Doris Kampus (SPÖ) bei der Präsentation der rund 30-seitigen Gewaltschutzstrategie des Landes am Mittwoch. Die Strategie basiert auf dem Zusammenspiel von Opferschutz, Kinderschutz und Täterarbeit und zeichnet die Leitlinien der künftigen Gewaltschutzarbeit in fünf Handlungsfeldern (Vernetzung, Opferwürde, Soziale Absicherung, Fokus auf Kinder und Jugendliche, Regionale Perspektive). Im Dezember soll sie im Landtag debattiert werden.

„Frauen, die von Gewalt betroffen sind, müssen es nicht alleine schaffen“, betonte Kampus. „Bitte, wenn Sie betroffen sind, holen Sie sich Hilfe. Sie sind nicht alleine“, machte die Soziallandesrätin den Steirerinnen Mut. „Gewaltschutz ist nicht Privatsache“, hob auch Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) hervor. „Wir müssen alle hinschauen, nur dann können wird das Leben jener verbessern, die davon betroffen sind“, sagte die Landesrätin. Michaela Gosch von den Frauenhäusern Steiermark war - neben anderen - bei der Erstellung der Strategie einbezogen. Die Strategie bezeichnete sie als „Meilenstein für den steirischen und wohl auch österreichweiten Gewaltschutz“.

In den beiden Frauenhäusern in Graz und Kapfenberg finden insgesamt 72 Personen (Frauen und ihre Kinder) Zuflucht. Davon stehen 45 Plätze in Graz und 27 im obersteirischen Kapfenberg zur Verfügung. „Im Moment sind die Frauenhäuser gut belegt, wir pendeln generell ganzjährig bei einer Auslastung von 90 bis 100 Prozent“, so Gosch.

Krisen-Wohnungen eingerichtet

Anstatt weiterer Frauenhäuser hat das Sozialressort des Landes Steiermark in den vergangenen Jahren für die steirischen Regionen sogenannte Krisen-Wohnungen eingerichtet. Betrieben werden sie aktuell - neben Graz - in Feldbach, Gröbming, Knittelfeld, Leibnitz, Weiz und Voitsberg. In der Steiermark gibt es ein eigenes Gewaltschutzeinrichtungsgesetz, das einen Rechtsanspruch für Opfer von häuslicher Gewalt auf Schutz (etwa in einem der beiden Frauenhäuser) festschreibt. In den vergangenen vier Jahren wurden auch ein Gewaltschutzbeirat gegründet und Maßnahmenpakete zur Ausweitung der Kinderschutzzentren in der gesamten Steiermark, Krisenwohnungen in allen Regionen, Übergangswohnungen in Graz und breit angelegte Sensibilisierungskampagnen mit Stakeholdern beschlossen, fasste Kampus zusammen.

Bei der internationalen Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ wird weltweit jährlich im Zeitraum vom internationalen Gedenktag für Opfer von Gewalt gegen Frauen und Mädchen (25. November) bis zum internationalen Tag der Menschenrechte (10. Dezember) auf das Recht auf ein gewaltfreies Leben aufmerksam gemacht. Das wird auch in der Steiermark genützt, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen: So wird etwa am 25. November ab 10.00 am Lendplatz eine „Stimmencollage“ mit Grazer Stimmen gegen Gewalt zu hören sein. Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) lädt um 10.30 zu einer „Solidaritätsaktion mit den Frauen im Iran“ in den Rathaushof ein. U.a. werden Besucher dort auf einer Plakatwand ihre persönlichen Botschaften in schriftlicher Form hinterlassen können.

UN: Fünf Frauen pro Stunde von Angehörigen getötet

Mehr als fünf Frauen und Mädchen sind im vergangenen Jahr einem UN-Bericht zufolge durchschnittlich pro Stunde von Partnern oder Familienmitgliedern in ihrem Zuhause getötet worden. Rund 56 Prozent aller Morde an Frauen und Mädchen - 45.000 von insgesamt 81.000 - seien 2021 von Partnern oder Familienmitgliedern verübt worden, hieß es in dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der UN-Organisationen UNODC und UN Women, die sich mit Kriminalität beschäftigen.

Bei den Morden an Männern waren es elf Prozent. Insgesamt hätte sich die „alarmierend hohe“ Zahl der Morde an Frauen und Mädchen in den vergangenen Jahren kaum verändert, hieß es weiter. Es sei aber eine hohe Dunkelziffer möglich. Die UN-Organisationen riefen zu einem besseren Schutz von Frauen und Mädchen auf. „Wir brauchen eine gemeinsame Handlungsanstrengung der Gesellschaft, die die Rechte von Frauen und Mädchen erfüllt, sich sicher zu fühlen und sicher zu sein - zu Hause, auf den Straßen und überall“, sagte die Direktorin von UN Women, Sima Bahous.