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Coronavirus

Wissenschafter erwarten beschleunigte Durchseuchung

Omikron „schreibt gerade die Spielregeln für den Umgang mit der Pandemie neu“. Die neue Corona-Variante werde zur beschleunigten Durchseuchung führen und erfordere daher einen neuen Umgang mit der Pandemie, heißt es in einem „Policy Brief“ des Complexity Science Hub Vienna. Die Modellrechner fordern die Politik auf, rasch zu entscheiden, ob die Durchseuchung langsam oder ungebremst erfolgen soll. Letzteres wäre aus ihrer Sicht „eine riskante Wette mit enorm hohem Einsatz“.

red/Agenturen

Die Politik müsse der Bevölkerung klar kommunizieren, was auf sie zukommt und erklären, dass es nun vermehrt um die Eigenverantwortung jedes einzelnen gehe, heißt es im „Policy Brief“ des Complexity Science Hub. Grundlage der Einschätzung ist eine Modellrechnung, laut der Omikron den Immunschutz der Bevölkerung deutlich reduziert: Während Impfung und Genesung noch über 70 Prozent gegen eine symptomatische Infektion durch die Delta-Variante geschützt haben, sind gegen Omikron nur noch 40 Prozent der Bevölkerung geschützt.

Die CSH-Wissenschafter Peter Klimek und Stefan Thurner halten in dem „Policy Brief“ fest, dass das Zeitfenster, in dem man ein Eindämmen der sich gerade aufbauenden Omikron-Welle noch hätte versuchen können, bereits verstrichen ist. „Somit bleibt wieder einmal nur die Frage, ob man die Durchseuchung langsam oder schnell geschehen lassen will. Die gewählte Strategie sollte von der Politik jedoch umgehend kommuniziert werden, damit sich die Bevölkerung darauf mit individuellen Schutzmaßnahmen vorbereiten kann“, heißt es in dem Dienstag veröffentlichten Papier.

Bisher verfolgte Österreich eine Strategie der Abflachung in der Pandemiebekämpfung. Dabei wurde das Infektionsgeschehen erst nachhaltig mit nicht-pharmazeutischen Maßnahmen (Lockdowns) gesenkt, als in den Spitälern definierte Kapazitätsgrenzen in den Intensivstationen erreicht wurden. Mit Omikron könnte der Fall eintreten, dass dieser Ansatz obsolet wird, da andere Kapazitätsgrenzen in kritischen Infrastrukturen früher erreicht werden könnten. Eine Neuausrichtung im Pandemiemanagement müsse daher angedacht werden, so die Wissenschafter.

Durchseuchung laut Experten „englisches Roulette“

Im Falle eines Durchlaufenlassens sei davon auszugehen, dass sich etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung mit Omikron infizieren, bevor sich die Welle verlangsamt. In diesem Fall wäre mit Personalausfällen in dieser Größenordnung im Gesundheitssystem, aber auch in anderen kritischen Infrastrukturen zu rechnen. Für Klimek wäre diese Variante „englisches Roulette“, wie er gegenüber der APA sagte: „Eine riskante Wette mit unbekannter Wahrscheinlichkeit zu gewinnen und enorm hohem Einsatz.“

Im Falle des ungebremsten Durchlaufens wäre erst mit einer Verlangsamung der Dynamik zu rechnen, wenn etwa zehn Prozent der Bevölkerung infiziert wurden und weitere zehn Prozent in Quarantäne sind oder ihre Kontakte freiwillig reduzieren. In Österreich wären das bei knapp neun Millionen Einwohnern zwischen 900.000 und 1,8 Millionen Menschen.

Neben den Spitälern sollten sich daher auch alle anderen öffentlichen und privaten Unternehmen darauf einstellen, dass bis zu 20 Prozent des Personals durch Krankheit oder Quarantäne ausfallen könnten. Die Quarantäneregeln müssten daher dynamisch und antizyklisch an die Infektionsdynamik angepasst werden, um die Funktionalität kritischer Infrastrukturen sicherstellen zu können, also bei hohen Fallzahlen kürzere Quarantäne.

Ein Übertreffen des bisherigen Höchststandes an Covid-Spitalspatienten sei durchaus wahrscheinlich. In welchem Bereich diese Überlastung zuerst eintritt (Personal, Normalpflege, Intensivpflege), sei aber nicht klar. Berichten aus Großbritannien zufolge seien dort etwa ein Drittel der Spitalsaufenthalte nicht „wegen“ sondern „mit“ Covid-19, d.h. die Patienten werden eigentlich aus einem anderen Grund als Covid behandelt und wurden zufällig positiv getestet oder steckten sich im Spital an. Dieser Umstand führt zu zusätzlichen Ressourcenproblemen, warnen die Experten.

„Verhindern der Welle täglich unwahrscheinlicher“

„Zusammenfassend zwingt uns Omikron, unseren Zugang in der Pandemiebekämpfung zu überdenken. Betrüblicherweise besteht dafür kaum noch Zeit. Da ein Verhindern der Welle täglich unwahrscheinlicher wird, sollte in der Bevölkerung baldmöglichst Klarheit in dieser Frage geschaffen werden, um die Gelegenheit zu geben, sich eigenverantwortlich zu schützen“, schreiben die Wissenschafter. Die Impfung bleibt dabei das wesentlichste Instrument, auch wenn sie zunehmend so verstanden werden muss, dass sie einen länger dauernden Schutz vor schwerer Erkrankung und nur einen kurzfristigen Schutz vor symptomatischer Infektion bietet.

Kürzlich veröffentlichte Daten aus Großbritannien zeigen, dass die Schutzwirkung einer dritten Dosis vor einer Infektion mit Omikron nach zehn Wochen von über 70 auf 40 Prozent zurückgeht. Die Impfung bleibe trotzdem eine der wesentlichen Maßnahmen. Es werde aber zunehmend deutlicher, dass die Impfung langfristigeren Schutz vor schwerer Erkrankung bietet, aber nur einen kurzfristigen Schutz vor symptomatischer Infektion.

Ein dauerhaftes Eindämmen der Pandemie mit Hilfe der Impfung werde damit schwerer und schwerer erreichbar. „Dauerhafte Auffrischungsimpfungen in entwickelten Ländern unterlaufen auch zu einem gewissen Grad Bemühungen, das globale Ungleichgewicht in der Verteilung der Impfstoffe zu bekämpfen“, heißt es weiter in dem Schreiben.

Omikron lässt Neuinfektionen auf 5.496 anwachsen

Mit 5.496 Neuinfektionen hat die seit dem Ende des Vorjahres in Österreich dominante Corona-Variante Omikron, die den Immunschutz auf Stand Ende Juni zurückwirft, für mehr als eine Verdoppelung der Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche gesorgt. Vergangenen Dienstag waren es noch 2.416 Neuansteckungen gewesen, bei einer PCR-Test-Positivrate von 0,1 Prozent der rund 1,96 Millionen Tests. Aktuell waren es nur rund 365.000 Tests, die jedoch eine Positivrate von 1,5 Prozent aufwiesen.

Über 5.000 Neuinfektionen gab es mit 5.663 zuletzt am 8. Dezember als die vorangegangene Delta-Welle langsam zu Ende ging. Die heute vermeldeten 5.496 Fälle der sich aufbauenden Omikron-Welle liegen jedenfalls klar über dem Siebentages-Schnitt von 3.687 und sorgt für eine Siebentages-Inzidenz von 288,9 pro 100.000 Einwohner. Die aktiven Fälle stiegen 3.432 auf 37.762, jene der Krankenhauspatienten um 21 auf 1.038 Personen, während der Intensivbelag um vier auf 316 Menschen sank.

25 Todesfälle gab es seit gestern, 112 waren es innerhalb der vergangenen Woche. Insgesamt wurden seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie in Österreich 13.784 Tote in Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet, pro 100.000 Einwohner sind das 154,3 Menschen.

Die Zahl der Impfungen stieg nach dem Silvesterwochenende auf 41.828 Stiche, die am Montag durchgeführt worden sind - 18.093 waren es noch am Sonntag gewesen. Die Zahl der Erststiche lag gestern dabei knapp unter zehn Prozent, insgesamt haben 70,9 Prozent der Österreicher einen gültigen Impfschutz. Im Burgenland (76,4 Prozent) und in Niederösterreich (72,8 Prozent) liegt der Wert über dem Durchschnitt, Schlusslicht bleibt Oberösterreich mit gerade einmal 66,5 Prozent.

Bei den Inzidenzen liegen im Bundesländervergleich derzeit Tirol mit 581,6, gefolgt von Salzburg, Wien und Vorarlberg (440, 372,1 bzw. 308,6) ganz vorne. In diesen vier Bundesländern liegen die Werte auch jeweils über dem Österreichschnitt von 288,9.

Omikron wirft Immunschutz auf Stand Ende Juni zurück

Omikron hat den Immunschutz der Bevölkerung deutlich reduziert. Laut einer Dienstag veröffentlichten Modellrechnung des Complexity Science Hub sind nur vier von zehn Menschen in Österreich durch Impfung oder Genesung vor einer Omikron-Erkrankung geschützt. Zum Vergleich: Gegen das Delta-Virus waren zuletzt gut sieben von zehn Österreichern geschützt. Allerdings sehen die Wissenschafter auch Hinweise darauf, dass Omikron weniger schwere Erkrankungen auslösen könnte.

Grundsätzlich gehen die Modellrechner davon aus, dass der Immunschutz gegen Omikron deutlich geringer ist als gegen die Delta-Variante. Demnach waren zuletzt 72 Prozent der Menschen in Österreich vor einer symptomatischen Infektion durch Delta geschützt (47,4 Prozent durch die Impfung, 24,2 Prozent durch eine Genesung). Ganz anders die Situation mit Omikron: Hier gehen die Modellrechner davon aus, dass nur knapp 42 Prozent gegen eine Erkrankung geschützt sind (30 Prozent durch die Impfung, 11,8 Prozent durch eine Genesung). Während mit der Delta-Variante also nur noch gut 28 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner eine Erkrankung drohte, bedroht Omikron wieder 58,2 Prozent. So gering war der Immunschutz der Bevölkerung zuletzt Ende Juni.

Omikron bringe geringeres Risiko

Allerdings legen erste Forschungsergebnisse auch nahe, dass das Risiko einer schweren Erkrankung durch Omikron geringer ausfällt als bei der Delta-Variante. Die Virologin Dorothee Van Laer sprach am Dienstag von einem um 50 bis 60 Prozent geringeren Risiko. Sie appellierte im Ö1-Mittagsjournal“ dennoch an die Ungeimpften, sich nicht darauf zu verlassen, sondern sich die Impfung zu holen - zumal die Delta Variante möglicherweise auch neben Omikron weiterbestehen und zu neuen Infektionen führen könnte. Außerdem gab sie zu bedenken, „dass wir auf den Intensivstationen noch nicht viel Luft nach oben haben“. Die Intensivpatienten seien nach dem Lockdown im Dezember zwar gesunken (auf zuletzt 316 nach 650 im Dezember, Anm.), aber eine normale Arbeit sei auf den Stationen noch lange nicht möglich.

Auch die Wissenschafter vom Complexity Science Hub verweisen auf Studien, wonach Omikron zu weniger Spitalsaufenthalten führe. Demnach müssten bei Delta 1,4 Prozent der Erkrankten ins Spital, bei Omikron aber nur etwa 0,5 Prozent. Wie viele Omikron-Erkrankte wirklich in den Spitälern landen, hänge aber davon ab, ob die Infektionswelle gebremst werde und welche Altersgruppen sie betreffe. Außerdem warnt Komplexitätsforscher Peter Klimek gegenüber der APA davor, dass die anhaltend hohe Zahl an Corona-Erkrankten die Versorgung anderer Patientinnen und Patienten gefährde. Er betont, „dass die Normalversorgung seit Wochen und Monaten hinuntergefahren ist“. Dies dürfte aus seiner Sicht auch eine Ursache für die zuletzt trotz geringer Corona-Todesfallzahlen registrierte Übersterblichkeit gewesen sein.

 

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