Coronavirus

Angst hält Menschen im Jemen von Krankenhäusern fern

Auch wenn im Bürgerkriegsland Jemen bisher offiziell nur rund 1.500 Covid-Fälle registriert wurden, macht die Coronakrise dem ohnehin schwer gebeutelten Land zu schaffen. Es werden dringend mehr Ressourcen benötigt - für Covid-Patienten, aber auch für Menschen mit anderen Krankheiten, appelliert die medizinische Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in einer Aussendung.

red/Agenturen

Im Moment beobachte man, dass die weitverbreitete Angst vor dem Virus viele Menschen im Jemen davon abhalte, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, warnte Ärzte ohne Grenzen. „Wir sind besorgt über das, was wir im Krankenhaus sehen, aber eine noch größere Sorge sind die Patientinnen und Patienten, die wir nicht sehen - diejenigen, die sich erst dann in ärztliche Behandlung begeben, wenn sich ihr Zustand erheblich verschlechtert hat“, sagte Caroline Ducarme, MSF-Einsatzleiterin im Jemen.

Ähnlich wie auch in Österreich betrachtet die Bevölkerung Krankenhäuser als Infektionsquelle. Zudem kursierten Gerüchte und Menschen hätten Angst, stigmatisiert zu werden, wenn sie positiv auf Corona getestet werden. „Wir sehen aus erster Hand die schädlichen Auswirkungen von Fehlinformationen, die im ganzen Land verbreitet werden und die Angst vor dem Virus in der Gesellschaft verstärken“, so Dr. Abdulrahman, der für Ärzte ohne Grenzen arbeitet.

Alle Betten auf Intensivstation belegt

Viele Jemeniten suchten erst dann medizinische Hilfe, wenn ihr Zustand ernst ist. In dem neuen Covid-19-Behandlungszentrum im Sheikh-Zayed-Krankenhaus in der Hauptstadt Sanaa, das Ärzte ohne Grenzen seit Kurzem unterstützt, sind etwa nur die Hälfte der zwanzig Betten für Patienten mit moderaten Coronavirus-Symptomen belegt. Auf der Intensivstation dagegen seien alle Betten belegt.

Die Testmöglichkeiten im Jemen sind laut Ärzte ohne Grenzen derzeit äußerst begrenzt, so dass sich das neuartige Virus unbemerkt im ganzen Land ausbreitet. „Nach Jahren des Krieges ist das Gesundheitssystem bereits vor der Pandemie extrem unzureichend. Nun scheint es, dass die Menschen das Vertrauen in das Gesundheitssystem und das Gesundheitspersonal verloren haben“, warnte die Hilfsorganisation.

Ducarme forderte eine „massive Aufstockung der allgemeinen Gesundheitsmaßnahmen“ im Jemen, um dringend auf alle Bedürfnisse eingehen zu können. „Anstatt die Unterstützung in einer so kritischen Zeit zu kürzen, sollte die internationale Gemeinschaft ein Maximum an Ressourcen mobilisieren, um die humanitären Interventionen im Jemen aufrechtzuerhalten, während die lokalen Behörden alle Anstrengungen unternehmen müssen, um die Durchführung lebensrettender Programme zu erleichtern und sicherzustellen, dass die Menschen sicher Zugang zu humanitärer Hilfe haben“, forderte sie.

Laut der Johns-Hopkins-Universität gibt es im Jemen derzeit knapp 1.500 bestätigte Corona-Fälle, rund 420 Personen sind demnach mit oder an dem Virus gestorben.

Im Jemen auf der arabischen Halbinsel tobt seit fast sechs Jahren ein Bürgerkrieg. Die Houthi-Rebellen kämpfen gegen die international anerkannte Regierung, die von Saudi-Arabien unterstützt wird. Eine von Riad angeführte Koalition fliegt im Jemen regelmäßig Angriffe. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Krise der Neuzeit. Nach UNO-Angaben brauchen im Jemen 24 Millionen Menschen - rund 80 Prozent der Bevölkerung - Hilfe.

Coronavirus - Krankenhausbett - Medizinische Versorgung - iStock
Ärzte ohne Grenzen fordert mehr Ressourcen für Gesundheitssystem in Bürgerkriegsland.
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