Aufregung um Remdesivir-Aufkauf durch USA

Nach ähnlichen Aktionen bei Impfstoffen gibt es offenbar einen weiteren - versuchten - Alleingang der US-Regierung rund um Covid-19-Medikamente. Das Gesundheitsministerium hat sich beim US-Pharmakonzern Gilead 500.000 Covid-19-Behandlungszyklen des Arzneimittels Remdesivir gesichert. In Österreich ist genug vorhanden. An einem gemeinsamen Beschaffungssystem der EU wird gearbeitet.

red/Agenturen

Für die nächsten Tage wird die formelle Zulassung von Remdesivir zur Behandlung von Covid-19 durch die EU-Kommission erwartet. Die Produktion für das sogenannte SARS-CoV-2-Nukleotid-Analogon, das laut einer US-Studie die Dauer der Erkrankung reduzieren kann, ist allerdings begrenzt. Der US-Pharmakonzern Gilead gab beispielsweise für April dieses Jahres die Kapazität mit 30.000 Behandlungszyklen an (elf Dosen für zehn Tage Therapie bei doppelter Dosis am ersten Tag). Im Mai sollten es 140.000, im Oktober dann 500.000 sein. Bis zum Dezember 2020 sollen durch die Schaffung eines Netzwerkes auch externer Hersteller mehr als eine Million Patienten versorgt werden können.

Vor allem bei der aktuellen US-Covid-19-Krise sind die Remdesivir-Mengen allerdings international begrenzt. Deshalb sorgen Aktivitäten der Administration von Donald Trump weltweit für Aufsehen. Der von den offiziellen US-Stellen bestätigte Inhalt: Das US-Gesundheitsministerium hat sich bei Gilead mehr als 500.000 Remdesivir-Behandlungszyklen gesichert. Das gilt bis in den September dieses Jahres hinein und stellt fast die gesamte Produktionsmenge für Juli dieses Jahres und 90 Prozent für August und September dar. In den USA wird das Department für Health and Human Services (HHS) für die Verteilung an die Spitäler sorgen.

Gilead: In Österreich genug vorhanden

Remdesivir besitzt zwar einen Effekt auf die Dauer einer Covid-19-Erkrankung. Eine Verringerung der Mortalität von Patienten ist bisher nicht nachgewiesen. Wissenschafter haben mehrfach darauf hingewiesen, dass diese antivirale Therapie am ehesten früh eingesetzt werden sollte. Bei schwerstem Krankheitsverlauf sei keine Wirkung mehr zu erwarten, weil dann immunologische und entzündliche Komplikationen im Vordergrund stehen.

In Österreich wird Remdesivir im Rahmen eines sogenannten „Compassionate Use“-Programms von Gilead an spezialisierten Krankenhausabteilungen längst verwendet. Ein Engpass ist derzeit nicht in Sicht. Clemens Schödl, Gilead Österreich-Chef, am Mittwoch gegenüber der APA: „Wir haben noch Ware aus diesem 'Compassionate Use'-Programm, das nicht 'angegriffen' wurde. Wir haben auch an die Universitätsklinik in Graz und an das Wiener AKH geliefert. In der derzeitigen Situation sind wir gut aufgestellt.“

Die Sache geht aber weiter. Schödl: „Gilead arbeitet mit der EU-Kommission an einem zentralen Beschaffungssystem für Remdesivir für Europa.“ In Österreich könne dann in Zukunft die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) das weitere Management übernehmen. Man stehe seit Monaten auch in Kontakt mit dem Gesundheitsministerium.

Anschober: EU für Beschaffungssystem aktiv

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte zu der aktuellen Situation rund um den Remdesivir-Vertrag der US-Regierung am Mittwoch gegenüber der APA: „Das ist so ein Ding, wie es (Donald; Anm.) Trump eben versucht. Wir haben uns aber in der EU sehr gut 'aufgestellt', was die Impfungen und die Medikamente betrifft.“ Bei den - möglichen - künftigen Vakzinen gegen SARS-CoV-2 seien zunächst Deutschland, Italien, Frankreich und die Niederlande als Pressure Group aufgetreten. Mittlerweile sei man in der EU gemeinsam unterwegs, um für die Zukunft die Versorgung mit sich als effektiv erwiesenen Vakzinen in gerechter Weise sicherzustellen. Anschober: „Da geht es zum Beispiel auch um Vorverträge.“

Vor der Influenza-Pandemie 2009/2010 hatte Österreich beispielsweise einen solchen Vorvertrag mit dem US-Pharmakonzern Baxter auf Lieferung eines möglichen Pandemie-Impfstoffs für alle Österreicher abgeschlossen. Die Vakzine wurde in Österreich dann auch entwickelt, klinisch geprüft und zugelassen. Allerdings kam die Produktion nur langsamer und in geringerem Ausmaß in Gang, als es geplant gewesen war. Selbst das Gesundheitsministerium bremste damals die Erwartungen. Das Interesse an der Impfung war in der Bevölkerung damals nicht sehr groß.

Bei Remdesivir ist offenbar die Frage der Produktionskapazitäten zeitlich befristet. Gilead-Manager Schödl: „Wir erwarten, dass Ende des vierten Quartals dieses Jahres die Produktion den globalen Bedarf übersteigen wird.“ Dann sei die Sache erledigt. In den reichen Industriestaaten soll Remdesivir pro Behandlungszyklus rund 2.100 Euro kosten.

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