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Praevenire Gesundheitstage

Enormer Lernprozess durch Covid-19

In der Bekämpfung der Covid-Pandemie war von Beginn an extrem schnelles Handeln notwendig. „Wir mussten ständig lernen und tun das jetzt noch, was zum Beispiel die langfristige Wirkung der Impfung betrifft“, sagte die Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) bei den Praevenire Gesundheitstagen in Seitenstetten. Stefan Ferenci, Vizepräsident und Obmann der Kurie Angestellte Ärzte, machte aber auch auf die enorm gestiegene Belastungen der Spitalsärzte in den letzten beiden Jahren der Corona-Pandemie aufmerksam.

red/Agenturen

Bei der Expertenrunde ging es Donnerstagvormittag unter anderem um Wissenschaft und öffentliche Gesundheit. Mit dem Aufkommen der Pandemie zu Beginn des Jahres 2020 war plötzlich eine weltweite Krise gegeben. „Der Erreger musste identifiziert werden. Die Entwicklung von Impfstoffen wurde begonnen, gleichzeitig musste eine Impfstrategie entwickelt werden. Lernen mussten wir aber auch, wie Covid-19 übertragen wird“, sagte die Expertin.

Die Entwicklung der Covid-19-Vakzine binnen weniger Monate war ein enormer Erfolg. Gleichzeitig stellte sich aber auch heraus, dass es sich bei SARS-CoV-2 um ein „bewegliches Ziel“ handelt. Die ständig auftretenden Mutationen veränderten das Virus. „Beim Wuhan-Virus steckte eine Person im Durchschnitt 2,3 bis 2,6 andere Menschen an. Bei der Delta-Variante waren es schon fünf bis acht, bei Omikron 18 weitere Infizierte. Das ist infektiös wie die Masern. Damit haben sich die Rahmenbedingungen für Entscheidungen ständig geändert. Covid-19 ist ein Chamäleon“, sagte die Leiterin des Nationalen Impfgremiums Österreichs.

Schon am Beginn der Pandemie war klar, dass es zunächst um den Schutz der am meisten Gefährdeten, betagte Menschen und Personen Risikofaktoren gehen müsse. An zweiter Stelle sei der Schutz des Gesundheitspersonals gestanden, schließlich habe man eine Priorisierung bei den Impfungen nach dem dringendsten Bedarf durchführen müssen. „Wir haben zunächst nicht gewusst, wann es welche Impfstoffe geben wird und wie groß die zur Verfügung stehenden Mengen sind“, sagte Ursula Wiedermann-Schmidt.

Dritte Impfung schützt zu 86 Prozent vor Hospitalisierung

Auch zu Fehleinschätzungen sei es bei allen Bemühungen um möglichst exaktes Wissen gekommen. Die Vakzinologin: „Mit der Zulassung des ersten Impfstoffes und der Erhältlichkeit ab 27. Dezember 2020 hat man gerechnet, die Pandemie sei bald vorbei.“ Es kam anders - und die Menschheit musste auch lernen, dass die Vakzine bei drei Teilimpfungen im richtigen Abstand weiterhin hoch wirksam in der Verhinderung von schweren Covid-19-Erkrankungen und Todesfällen ist, jedoch beim Schutz vor einer Infektion Schwächen aufweisen.

„Die dritte Impfung schützt weiterhin zu 86 Prozent vor einer Hospitalisierung bei einer Erkrankung. Drei Teilimpfungen sind notwendig, um eine stabile und breite Immunantwort zu bekommen. Aber das ist bei den meisten anderen Impfungen auch so der Fall“, sagte die Expertin.

Ein mögliches Manko des österreichischen Systems: In Österreich entscheidet die Politik über die Impfungen. Ursula Wiedermann-Schmidt: „Das Nationale Impfgremium ist ein reines Beratungsgremium. Wir haben nicht die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Die Ständige Impfkommission Deutschlands kann Entscheidungen treffen. Die Politik hat sie umzusetzen.“

Was sich allerdings verändert hat, ist die Einstellung vieler Menschen zu den Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 inklusive der Impfungen. Hier ist es zu einer eindeutigen Polarisierung von Befürwortern und Skeptikern bzw. Impfgegnern gekommen, wie die Psychologin Barbara Schober (Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung/Universität Wien) erklärte. Die beiden Gruppen würden einander oft zutiefst abwertend gegenüber stehen.

Komplexes Gemisch bei Impfskeptikern

Eine Änderung der Einstellungen dürfte schwierig zu erreichen sein. Barbara Schober: „Es gibt nicht 'den einen Grund', sich nicht impfen zu lassen.“ Fehlendes Vertrauen, empfundene praktische Hindernisse für Impfungen, fehlendes Risikobewusstsein, unerfülltes Informationsbedürfnis, mangelndes Bewusstsein für Gemeinschaftsschutz, Defizite in der Bereitschaft, Regeln einzuhalten, und Verschwörungstheorien seien ein komplexes Gemisch.

Ob das Aufbrechen einmal eingerasteter Meinungen möglich ist, wird erst die Zukunft weisen. Dazu gibt es allerdings durchaus bedenklich stimmende Daten aus Österreich, welche die Psychologin darstellte: 2021 sagten noch 76 Prozent der nicht gegen Covid-19 Geimpften, sie würden sich keinesfalls immunisieren lassen. Im Februar 2022 waren es bereits 87 Prozent. 41 Prozent dieser Menschen gaben an, sich in Zukunft überhaupt keine Impfungen mehr geben zu lassen. Das Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger hat in Österreich laut Umfragen offenbar mehr gelitten als in vielen anderen europäischen Staaten.

Freilich, Covid-19 hat auch einige positive Effekte gebracht. So kam es zu einem Schub in der Digitalisierung der Arbeitswelt und des Gesundheitswesens. Ursula Wiedermann-Schmidt: „Es hat zum Beispiel dazu geführt, dass wir endlich den elektronischen Impfpass etabliert haben. Ohne die Pandemie hätte das noch einmal zehn Jahre gedauert.“

Belastungen der Spitalsärzte massiv gestiegen

Im Zuge der Praevenire Gesundheitstage verwies Vizepräsident und Kurienobmann der Angestellten Ärzte Stefan Ferenci im Rahmen einer Keynote aber auch auf die enorm gestiegenen Belastungen der Spitalsärzte in den letzten beiden Jahren der Corona-Pandemie und nutzte die Plattform, um Forderungen zu formulieren. „Wir Ärzt:innen brauchen mehr Zeit! Zeit für Patient:innen, Zeit für Ausbildung und Zeit für Regeneration. Wenn wir nicht zu 100 Prozent fit sind, können wir die uns anvertrauten Patient:innen nicht optimal behandeln! Es ist höchst an der Zeit, dass die Ärzteschaft endlich die Wertschätzung bekommen, die sie sich verdient haben. Ohne diese Wertschätzung und attraktive Arbeitsbedingungen wird der Exodus aus den Spitälern und der eklatante Versorgungsmängel, wie beispielsweise in meinem Fach, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, weiter zunehmen. Es ist an der Zeit, dass die politisch Verantwortlichen endlich aufwachen und handeln“, so der neu gewählte Vizepräsident mit seinem Apell an Gesundheitspolitiker und Stakeholder im Gesundheitswesen.

 

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