Coronakrise

Hick-Hack um Corona-Cluster geht weiter

Weitgehend stabile Zahlen, aber ein großer Aufreger: Die Debatte um das Coronavirus wird  aktuell vom Hick-Hack um den Wiener Coronavirus-Cluster rund um die Post-Verteilzentren Hagenbrunn und Inzersdorf, einem Flüchtlingsheim in Erdberg und einer Leiharbeitsfirma beherrscht. In Hagenbrunn wurden nun Zuordnungsfehler bei einem Testergebnis festgestellt.  Wiener Ermittler sollen indes einen Anfangsverdacht wegen Verstößen gegen die Quarantänebestimmungen prüfen.

red/Agenturen

Das Wiener Landeskriminalamt ist beauftragt worden, einen Anfangsverdacht zu überprüfen, wonach mehrere Flüchtlinge die Quarantäne-Anordnung ignoriert haben und über die Leiharbeitsfirma trotz amtlichem Bescheid in den Verteilzentren der Post in Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg) und Inzersdorf gearbeitet haben sollen. Das sagte Polizeisprecher Paul Eidenberger zur APA. Medienberichten zufolge geht es dabei unter anderem um den Paragrafen 178 StGB - vorsätzliche Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten.

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) stellte bei der Präsentation der Kriminalitätsentwicklung während des Lockdowns Wien als weißen Fleck auf einer roten Österreich-Karte dar, in dem als einzigen keine „Überwachung von Quarantänemaßnahmen durch die Polizei“ stattfindet. Er mache der Stadt Wien neuerlich das Angebot, Contact Tracing mit Hilfe der Polizei durchzuführen, um „rasch Infektionsketten durchzubrechen“. Da 60 Prozent der Neuinfektionen in Wien passieren, brauche es „einen Wellenbrecher“, damit eine zweite Welle „uns nicht wieder die Normalität nimmt“. Die Gefährlichkeit des Virus sei noch nicht vorbei.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) forderte daraufhin einen Ordnungsruf von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ein. Man werde sich diesen Umgang nicht gefallen lassen, so der Stadtchef. Die in den vergangenen Tagen verwendete Terminologie sei aus Wiener Sicht nicht nachvollziehbar. „Wenn die selbst ernannte Flex des Bundeskanzlers davon spricht, er muss Wien vor einem Tsunami bewahren oder er möchte jetzt einen Wellenbrecher vor Wien errichten, frage ich mich: Aufgrund welcher Indizien, aufgrund welcher Zahlen wird eine solche Terminologie verwendet?“, zeigte sich Ludwig verärgert.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) versuchte bereits zu vermitteln: Er lädt das Innenministerium zur nächsten gemeinsamen Arbeitssitzung zum Infektions-Cluster Wien/Niederösterreich ein. „Aus meiner Sicht ist die Bekämpfung der Krise weiterhin vielfach wichtiger als Parteipolitik“, appellierte Anschober an die Streitparteien, ohne diese konkret zu nennen.

Hagenbrunn weiterhin im Fokus

Unterdessen wird das Bundesheer neben dem Einsatz im Logistikzentrum der Post in Hagenbrunn ab Donnerstag auch im Postzentrum Wien-Inzersdorf Dienst versehen. 250 Grundwehrdiener, Berufssoldaten und Zivilbedienstete werden für zwei Wochen den gesamten Betrieb übernehmen, sagte Bundesheer-Sprecher Michael Bauer der APA. 

In Hagenbrunn ist zwischenzeitlich bei den Tests auf Coronavirus-Infektionen im Logistikzentrum der Post ein Zuordnungsfehler passiert. Einem Labor in Wiener Neustadt zufolge geht es konkret um zwei Fälle, die ursprünglich negativ gemeldet und nunmehr auf positiv korrigiert worden seien. Zwei zunächst positiv zugeordnete Fälle seien auf negativ gestellt worden.

Nach den ersten bestätigten Infektionen in Hagenbrunn sind dem Labor zufolge mehrere Testreihen zur Überprüfung aller Mitarbeiter durchgeführt worden. Der Zuordnungsfehler betreffe eine Testreihe, die etwa zwei Wochen nach den ersten Fällen in dem Logistikzentrum durchgeführt worden sei.

„Der Fehler entstand beim Eintrag der Testergebnisse in die Arbeitsliste“, teilte das Labor den Behörden des Landes Niederösterreich und der Stadt Wien mit. Von den Mitarbeitern seien in den vergangenen Wochen Tausende Tests fehlerfrei durchgeführt worden. „In diesem absoluten Ausnahmefall“ sei dem Team ein Fehler unterlaufen, „den wir zutiefst bedauern“. Durch die laufenden Evaluierungen sei die menschliche Fehlleistung am Dienstag entdeckt und unverzüglich gemeldet worden.

Der Einsatz der 250 Grundwehrdiener, Berufssoldaten und Zivilbediensteten in Inzersdorf beginnt Donnerstagfrüh. Zuerst werden Einheiten der ABC-Abwehr das rund 12.000 Quadratmeter große Areal desinfizieren. Ab 14.00 Uhr folgt dann der eigentliche umfassende Arbeitseinsatz im Schichtbetrieb. „Die gesamte Post-Belegschaft des Zentrums ist in Quarantäne“, sagte Bauer.

Lockdown reduzierte Gesamtkriminalität um fast die Hälfte

Die Corona-Zahlen sind unterdessen stabil. Bis Mittwochfrüh waren in Österreich 632 Personen an oder mit Covid-19 verstorben. Die Krankenhausaufenthalte wegen des Virus lagen bei 182. Die Zahl der Intensivpatienten ging dabei von 45 auf 39 zurück. Die Zahl der jemals positiv Getesteten liegt in Österreich bei 16.275, 14.678 Menschen sind wieder genesen.

Der Coronavirus-Lockdown hat seit 16. März die Gesamtkriminalität in Österreich im Vergleich zum Vorjahr um 46,4 Prozent reduziert. Steigerungen gab es jedoch bei häuslicher Gewalt und Cybercrime. Unterdessen sank die Zahl der Covid-19-Patienten in den Spitälern kontinuierlich weiter. Im Bereich der strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben gab es einen Rückgang von 37,3 Prozent auf insgesamt 2.838 Delikte. In einzelnen Bereichen, wie etwa Einbrüche, Kfz-Diebstähle oder Taschendiebstähle ist das Minus noch deutlicher.

Einen Anstieg gab es bei Betretungs- und Annäherungsverboten wegen häuslicher Gewalt - jedoch erst gegen Ende der Covid-Beschränkungen, sagte der amtsführende Direktor des Bundeskriminalamts (BK), Gerhard Lang. 4.410 Betretungs- und Annäherungsverbote wurden 2020 bis 17. Mai verhängt. Im Schnitt sind es in Österreich 30 pro Tag, im April und Mai waren es knapp 35 täglich.

Nachdem Italien am Montag mehrere Corona-Beschränkungen gelockert hat, ist die Zahl der Covid-19-Todesopfer am Dienstag wieder gestiegen. Die Zahl der Verstorbenen kletterte in 24 Stunden auf 162, am Montag waren noch 99 Todesopfer gemeldet worden, teilte der italienische Zivilschutz mit. Die Zahl der Verstorbenen seit Beginn der Pandemie in Italien am 20. Februar stieg auf insgesamt 32.169.

Die Zahl der aktiv Infizierten fiel in 24 Stunden von 66.553 auf 65.129. Die Zahl der Covid-19-Patienten in Italiens Spitälern sank unter die 10.000-Schwelle auf 9.991. Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen fiel auf 716, das sind 33 weniger als am Vortag. In Heimisolation befinden sich noch 54.422 Personen. Die Zahl der Genesenen stieg auf 129.401.

In Deutschland sind bis Dienstagnachmittag über 175.500 Infektionen mit dem Coronavirus registriert worden. Mindestens 8.036 mit dem Erreger SARS-CoV-2 Infizierte sind den Angaben zufolge bisher deutschlandweit gestorben. Das ging aus einer Auswertung der Deutschen Presse-Agentur hervor, die die neuesten Zahlen der Bundesländer berücksichtigt.

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