Coronavirus

Wien will Epidemie mit „gezielten Regeln“ beeinflussen

Wien sieht sich gut gerüstet, sollte es zu einem weiteren Anstieg bei den Coronavirus-Infektionen kommen. An der Strategie im Umgang mit der Pandemie wurde weiter gefeilt, das Lager ist mit Schutzmaterialien gefüllt. „Wir sind in die Steuerungsfähigkeit gekommen, können die Epidemie wirklich stark mit gezielten Regeln beeinflussen“, so ein Sprecher von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ).

red/Agenturen

Die Verantwortlichen der Stadt rechnen damit, dass die Zahlen - jedenfalls im Herbst - wieder steigen werden. „Das war auch zu erwarten und muss nicht per se zum Problem werden, wenn man richtig und rasch reagiert.“ Wobei man mit dem derzeit in diesem Zusammenhang oft verwendeten Begriff „zweite Welle“ nicht besonders glücklich ist: „Es wird uns nichts überrollen. Was wir die letzten Wochen beobachtet haben, sind einzelne Cluster.“

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde aus Erfahrungen gelernt und das Handling mit dem Coronavirus verbessert, hieß es. „Wir machen mit großer Überzeugung die Contact-Tracing-Strategie, wo wir jetzt schon viel besser darin sind, Fälle zu finden. Wir hatten vor ein paar Tagen 42 Fälle in 24 Stunden. Von diesen waren nur neun mit Symptomen. Wir sind konstant bei 2.000 Tests am Tag. Die Gesamtzahl österreichweit wird aber weniger. Wenn sich das Virus wieder mehr verbreitet, ist das aber die entscheidende Strategie, weil wir dann bereits wissen, wo wir am ehesten suchen müssen und wie wir dann reagieren müssen“, unterstrich der Sprecher des Stadtrats.

Schwerpunkt liegt auf Umfeldscreenings

Zuletzt wurde in Wien auch die Zahl der Testungen nach oben geschraubt. Dabei wurde im Verlauf der Pandemie der Fokus verschoben: Zentrale Anlaufstelle für Wiener und Wienerinnen, die den Verdacht haben, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, ist weiterhin die Hotline 1450. Doch über diesen Weg werden nur 8,8 Prozent aller Testungen durchgeführt. Mittlerweile liegt der Schwerpunkt auf Umfeldscreenings und Kontaktpersonen-Testungen.

Vor allem die Testungen jener Personen, die in einem engen Kontakt mit dem Erkrankten gestanden sind, spielen eine wichtige Rolle, wurde betont. Die Betroffenen werden in Wien nämlich unabhängig davon getestet, ob sie Symptome aufweisen oder nicht. Dadurch wurden alleine im Mai und Juni 909 Fälle (65,2 Prozent) diagnostiziert, die sonst unentdeckt geblieben wären.

Sollte es tatsächlich zu einem erneutem Anstieg bei den Infektionszahlen kommen und wieder mehr Spitalsbetten gebraucht werden, so soll wieder der Stufenplan zur Freimachung von Betreuungskapazitäten und Einrichtung von COVID-19-Stationen in den Spitälern des Wiener Gesundheitsverbundes zum Einsatz kommen. „Dieser hat den Praxistest bestanden“, so der Sprecher. Konkret handelt es sich um vordefinierte Abteilungen in den Kliniken Favoriten, Hietzing, Donaustadt und Penzing.

Was die Zukunft der Messe Wien als Betreuungszentrum für Coronavirus-Erkrankte betrifft, so stellte der Sprecher klar, dass der Vertrag mit der Messe am 31. Juli ausläuft und die Einrichtung aller Voraussicht nach nicht mehr benötigt werde. „Wir haben in der Zwischenzeit aber 30 Unterkünfte gescreent, die im Herbst je nach Bedarf aktiviert werden können.“

Wiener Gesundheitsverbund erledigt Einkauf zentral

Auch in einen weiteren Punkt ist vorgesorgt: In den Frühlings-Monaten gab es immer wieder Kritik und Klage über zu wenig Schutzausrüstung für Ärzte und Krankenhaus-Mitarbeiter. Aktuell ist das Pandemielager gut gefüllt, wurde betont. So liegen dort unter anderem rund 1,35 Mio. FFP2-Masken, 235.000 FFP3-Masken oder 1,02 Mio. Overalls und Schutzmäntel. Die Bestände reichen je nach Produktgruppe für zwei bis sechs Monate.

Neu ist: Den Einkauf erledigt der Wiener Gesundheitsverbund nun zentral für alle Spitäler, den niedergelassenen Bereich, für den Pflege- und Sozialbereich sowie für das Land Burgenland. Für Material-Nachschub sei gesorgt, wurde betont. „Wir haben über die chinesische Botschaft eine dauerhafte Versorgungslinie aufgebaut, die im Bedarfsfall abrufbar ist“, erklärte der Stadtrats-Sprecher. Es handelt sich dabei um Kontakte zu mehreren chinesischen Firmen.

Zusammengefasst setzt die Stadt Wien auf drei wesentliche Punkte: Mit einer offensiven Teststrategie sollen Cluster und infizierte Kontaktpersonen schnell gefunden werden. Die 1450-Hotline dient als zentrale Kommunikationsstelle. Dort können Menschen sich über konkrete Symptome erkundigen und Testungen anfragen. Und schlussendlich bleibe der Schutz der Spitäler wichtig, wurde betont: „Das ist uns sehr gut gelungen. Deshalb haben wir österreichweit zum Beispiel immer noch die strengsten Besuchsregelungen in Spitälern und Pflegewohnhäusern. Im Ernstfall müssen alle Patientinnen und Patienten dort sicher und risikofrei behandelt werden können. Aber alle Besuchsbeschränkungen immer mit Maß und Ziel.“

Straßenbahn
Zu vermehrter Clusterbildung kam es bis dato in Wien nicht. Für Aufsehen sorgte im Mai der sogenannte Wien-Niederösterreich-Cluster.
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