Psychotherapie
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Mehr Prävention gegen Suizid gefordert

Im Straßenverkehr haben Vorbeugemaßnahmen wie Gurten- und Helmpflicht die Todesraten seit den 1970er-Jahren um das siebenfache reduziert, die Selbstmordraten sanken nur um ein Drittel. Für Menschen mit Suizidgefahr und ihre Angehörigen bräuchte es mehr Aufklärung und unbürokratische Hilfe, betonten Psychotherapeuten anlässlich des Welttags der Suizidprävention (10. September) vor Journalisten.

red/Agenturen

„In Österreich sterben dreimal so viele Menschen an Suizid, wie im Straßenverkehr“, sagte Barbara Haid vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP). Im Jahr des jüngsten offiziellen Berichts (2018) forderte Suizid in Österreich 1209 Todesopfer, im Straßenverkehr waren es damals 409.

Das Suizidrisiko steigt mit fortgeschrittenem Alter. In der Gruppe der 75- bis 79-Jährigen ist es fast zweieinhalbmal, bei 85- bis 89-Jährigen fast fünfmal so hoch wie das der Durchschnittsbevölkerung. „Viele Menschen verlieren in dieser Zeit ihr soziales Umfeld, wenn etwa der Partner stirbt, die Menschen in ihrer Umgebung immer weniger werden, und Einsamkeit nimmt zu“, so Psychotherapeut Wolfgang Schimböck (ÖBVP). Hier sei es wichtig, dass für sie ein gutes soziales Umfeld geschaffen wird.

Zu wenig kassenfianzierte Psychotherapie

Bei Betroffenen jeden Alters spielen die Angehörigen und Freunde eine wichtige Rolle in der Suizidprävention, erklärte Christian Haring von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Landeskrankenhauses Hall (Tirol): „Sie sind in der Nähe von Leuten in Krisen, die suizidale Krisen werden können“. Oft hätten sie Angst, eine nahestehende Person anzusprechen, ob sie selbstmordgefährdet ist, weil sie diese erst auf die Idee bringen könnten, sich das Leben zu nehmen. „Das ist falsch, man soll die Betroffenen zum Beispiel fragen, ob sie etwa ihres Lebens müde sind, oder manchmal Gedanken haben, dass sie am nächsten Tag gar nicht mehr aufwachen wollen“, sagte er.

Umso früher man eingreift, umso eher kann man sie dazu bewegen, ein Hilfsangebot anzunehmen, berichtete Haring: „Es führt sonst zur Einengung der Gedanken bei den Betroffenen, bis sie keinen anderen Ausweg mehr finden“. Es gäbe weiters schnelle Hilfe etwa bei der Telefonseelsorge (Notruf 142), und Rat auf Draht (147). Im Herbst würde ein mit Psychotherapeuten besetztes Krisentelefon eingerichtet. Die Betroffenen können sich auch an niedergelassene Therapeuten und psychotherapeutische Abteilungen in Spitälern wenden und Rehatherapien in Anspruch nehmen. Es gäbe aber derzeit zu wenige, kassenfinanzierter Psychotherapieplätze, weil diese kontingentiert sind, so Schimböck. Er fordert, dass für alle Betroffenen möglich wird, dass sie rasch und unbürokratisch zu einem Kassenplatz kommen.

Die Rolle von sozialen Internetplattformen bezüglich der Suizidgefahr sehen die Experten ambivalent: „Einerseits können sie durchaus eine bestimmte Gefahr darstellen, andererseits bieten sie die Möglichkeit für Hilfestellungen, Kontakte und der Kommunikation, und haben damit wohl teils auch suizidpräventive Effekte“, sagte Haring.

 
© medinlive | 05.12.2020 | Link: https://medinlive.at/index.php/gesundheitspolitik/mehr-praevention-gegen-suizid-gefordert