Russischer Corona-Impfstoff Sputnik V fasst mehr und mehr in Europa Fuß

Ein „guter Impfstoff“ oder ein Mittel der „Propaganda“ - am russischen Impfstoff Sputnik V scheiden sich die Geister. Nun hat Russland nach eigenen Angaben Vereinbarungen über die Produktion des Vakzins in Deutschland sowie in Frankreich, Spanien und Italien geschlossen. Damit trifft das Land offenbar Vorsorge für eine mögliche Zulassung in der EU.

red/Agenturen

Wie wirkt Sputnik V?

Bei dem vom russischen Gamaleja-Zentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelten Vakzin handelt es sich wie bei dem in der EU bereits eingesetzten Mittel von Astrazeneca um einen Vektorimpfstoff. Dabei werden sogenanntes Adenoviren, die üblicherweise Schimpansen befallen, als Vektoren genutzt. Die Viren lösen beim Menschen normalerweise eine gewöhnliche Erkältung aus, wurden jedoch so verändert, dass sie sich nicht vermehren können.

Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, hob in der vergangenen Woche in der „Rheinischen Post“ hervor, dass bei Sputnik V anders als beim Astrazeneca-Impfstoff „zwei unterschiedliche Vektorviren für die erste und zweite Dosis“ verwendet würden. „Das ist sehr klug, denn dadurch kann er potenziell auftretende Wirksamkeitsverluste durch Immunantworten gegen die Vektoren verhindern", sagte der Stiko-Chef.

Wie wird der Impfstoff bewertet und beworben?

Nach einer Studie, die Anfang Februar in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, schützt das Vakzin zu mehr als 90 Prozent vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Damit hätte Sputnik V eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Stiko-Chef Mertens sagt: „Das ist ein guter Impfstoff, der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen wird."

Der russische Staatschef Wladimir Putin hält Sputnik V für „den besten Impfstoff der Welt". Das Vakzin ist nach dem sowjetischen Satellitenprogramm benannt. 1957 hatte Moskau den ersten künstlichen Erdtrabanten Sputnik I gestartet und den Westen in einen „Sputnikschock“ versetzt.

Welche Vorbehalte und Kritik gibt es?

Russland hatte Sputnik V bereits im August zugelassen, noch vor dem Abschluss aller wissenschaftlichen Studien. Dies stieß international auf scharfe Kritik. Die Impfkampagne in Russland mit Sputnik V lief offiziell aber erst im Dezember an.

EU-Ratspräsident Charles Michel wirft Russland wie auch China vor, ihre Corona-Impfstoffe „für Propagandazwecke“ einzusetzen. Auch internationale Experten sehen diese Gefahr. Der New Yorker Think Tank The Soufan Center verglich das Vorgehen Russlands und Chinas gar mit einem „neuen Rüstungswettlauf".

Wie stehen die Chancen für Sputnik auf eine EU-weite Zulassung?

Nach russischen Angaben ist Sputnik V weltweit bereits in mehr als 50 Ländern zugelassen. Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) hat am 4. März mit der Prüfung für eine EU-weite Zulassung von Sputnik V begonnen. Erst wenn die EMA erste Ergebnisse wissenschaftlicher und klinischer Tests ausgewertet hat, kann das eigentliche Zulassungsverfahren beginnen. Dies dürfte einige Wochen bis Monate in Anspruch nehmen.

Sputnik V könnte der erste nicht-westliche Corona-Impfstoff werden, der in der EU eine Zulassung erhält. Als Reaktion auf den Start der EMA-Prüfung stellte Russland die Belieferung der EU mit 50 Millionen Impfdosen ab Juni in Aussicht.

Das EU-Mitglied Ungarn hat Sputnik V im Februar eine nationale Zulassung erteilt und setzt das Mittel bereits ein. Auch die Slowakei und Tschechien haben Sputnik-V-Dosen bestellt und angekündigt, für deren Einsatz nicht auf die EMA-Zulassung warten zu wollen.

Dies geschieht gegen die ausdrückliche Empfehlung der EU-Kommission, die auf ein Abwarten der EMA-Zulassung drängt. Auch Frankreich kritisierte das Vorgehen der einzelnen Länder, weil es die europäische Impfsolidarität unterlaufe. Wegen der schleppenden Impfstoffbeschaffung in der EU zeigten in letzter Zeit auch Länder wie Deutschland Interesse am Einsatz von Sputnik V - allerdings erst nach einer EU-weiten Zulassung.