Veränderung der Blutgruppe soll in Transplantationsmedizin helfen

Ein Durchspülen von Spenderorganen mit zwei Enzymen soll deren Blutgruppe als immunologisches Charakteristikum ändern und in Zukunft Transplantationen über bisherige Verträglichkeitsgrenzen hinweg erleichtern. Kanadische Wissenschafter haben im Fachblatt „Science Translational Medicine“ entsprechende Studienergebnisse publiziert. Die Auswirkungen auf die Transplantationsmedizin könnten groß sein.

red/Agenturen

Die Blutgruppen sind nicht nur eine Eigenschaft von roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Praktisch alle Zellen des Organismus haben auf ihrer Oberfläche dieselben Mehrfach-Zuckermoleküle (Oligosaccharide), welche die Blutgruppen A, B oder AB charakterisieren. „Wenn sie fehlen, liegt die Blutgruppe 0 vor. Sie ist bei Bluttransfusionen begehrt, weil die Erythrozyten durch die Antikörper gegen A und B nicht angegriffen werden können“, hieß es jetzt im Deutschen Ärzteblatt mit Verweis auf die neuen Studienergebnisse.

Schwere Abstoßungsreaktionen sind die Folge von Organtransplantationen über Blutgruppen hinweg. Mit der Blutgruppe 0 ist man potenzieller Spender für die anderen Blutgruppen. Umgekehrt entwickeln Menschen mit der Blutgruppe 0 Antikörper gegen die Blutgruppen A und B.

Marcelo Cypel vom University Health Network in Toronto will die Blutgruppen A und B auf 0 umwandeln. „Für die Blutgruppe A haben die Forscher ein Mittel gefunden. Es besteht aus einer Vorbehandlung der Organe mit zwei Enzymen, die Teammitglied Stephen Withers von der Universität in Vancouver vor einigen Jahren im Darm von Menschen entdeckt hat. Das Bakterium Flavonifractor plautii produziert dort die Enzyme FpGalNAc-Deacetylase und Fp-Galactosaminidase, die in zwei Schritten das A-Antigen von der Oberfläche der Zellen entfernen. Die Forscher bezeichnen sie als Azyme“, schrieb die Zeitschrift der deutschen Ärztekammer am Mittwoch in ihrer Online-Ausgabe. Die Machbarkeit eines solchen Vorgehens wurde vor kurzem in „Science Translational Medicine“ (DOI: 10.1126/scitranslmed.abm7190) publiziert.

Ähnliches Prinzip könnte auch für die Zellmarker der Blutgruppe B möglich

Die Forscher haben rote Blutkörperchen und Gewebeproben von Körper-Hauptschlagadern (Aorta) im Labor mit den Enzymen behandelt. Bei den roten Blutzellen wurden mehr als 99 Prozent der A-Antigene entfernt, bei den Blutgefäßen (Aorta) kam es zu einem Rückgang um mehr als 90 Prozent, so die Studie. Erprobt wurde das Prinzip auch mit möglichen Spenderlungen. Dazu wurde ein Gerät zum Durchspülen des Organs mit den Enzymen unter Sauerstoffzufuhr entwickelt. Dadurch konnte man fast alle A-Antigene binnen einiger Stunden aus der Gefäß-Innenschicht der Blutgefäßproben entfernen.

Ein ähnliches Prinzip könnte auch für die Zellmarker der Blutgruppe B möglich sein. Das Enzym Alpha-Galactosidase könnte verwendet werden, um sie von Zellen zu entfernen.

Die neuen Erkenntnisse sind nur ein erster Schritt. Jetzt geht es an Experimente in Tiermodellen. Mit Enzymen behandelte Lungen von Tieren - auch innerhalb von Säugetierarten gibt es unterschiedliche Blutgruppen - sollen transplantiert werden. Die gleichen Blutgruppen wie der Mensch haben jedenfalls Menschenaffen, verschiedene Blutgruppen gibt es auch zum Beispiel bei Hunden und Katzen.

Eine Frage ist allerdings, ob der Effekt einer „Behandlung“ von Spenderorganen mit den Enzymen langfristig für Verträglichkeit über Blutgruppen-Grenzen hinweg sorgt. Das „Konditionieren“ von Spenderorganen durch bestimmte Spüllösungen hat allerdings in der Transplantationsmedizin bereits Tradition. Dabei geht es bisher aber vor allem um eine längere Konservierungszeit für Organe, um Schäden bis zur Transplantation zu verhindern.