Coronavirus

Heimischer BIP-Verlust von 569 Mio. Euro erwartet

Der von der Industriellenvereinigung berechnete BIP-Verlust wird durch die Auswirkungen des Coronavirus auf die Handelsbeziehungen zu China 569 Mio. Euro betragen. Dies entspricht 0,15 Prozent der Bruttowertschöpfung im Jahr 2020. Somit fällt der zu erwartende reale BIP-Zuwachs (IV-Prognose: 1,0 bis 1,25 Prozent) um rund 12 Prozent geringer aus, so Christian Helmenstein, IV-Chefökonom.

red/Agenturen

„Kurzfristig führt die COVID-19-Epidemie zu einem auch in Österreich spürbaren Verlust an wirtschaftlicher Dynamik“, sagte der Fachmann am Dienstag zur APA. Falls man die Ausbreitung der Infektion in den kommenden Wochen wirksam eindämmen und in weiterer Folge überwinden kann, sei die in Europa derzeit nur mäßig dynamische Konjunktur dennoch ausreichend, diesen exogenen Negativ-Schock zu absorbieren, ohne dass die österreichische Volkswirtschaft in eine Rezession abgleitet. Eine erhöhte Sensibilität der Bevölkerung für hygienische Maßnahmen könnte zudem weniger Fälle der üblichen Wintergrippe zur Folge haben, was den wirtschaftlichen Coronavirus-Schaden erheblich mildern würde.

Nicht berücksichtigt ist in diesen IV-Berechnungen, falls sich die Situation in Italien, immerhin gleichauf mit den USA der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs, noch verschärfen würde. Und wirklich dramatisch wären die Folgen eines epidemischen Ausbruchs in Österreich selbst mit entsprechenden Auswirkungen auf den Tourismus, der laut Helmenstein 16 Prozent der Wirtschaftsleistung beisteuert.

Die Berechnungen im Detail: Die Produktionseinbußen in China lösen laut IV ein Minus der direkten Bruttowertschöpfung in Österreich in Höhe von 105 Mio. Euro oder 0,03 Prozent aus. Unter Einbeziehung der indirekten Effekte in China sowie in Österreich beläuft sich der zu erwartende Effekt auf insgesamt minus 316 Mio. Euro oder 0,08 Prozent des BIP.

„Unfreiwilliges Realexperiment“ für China

Österreichs Unternehmen beziehen chinesische Vorleistungen (für 2020 geschätzte 4,5 Mrd. Euro), davon in vier Branchen (Pharmazeutik, Elektro/Elektronik, Automobilwirtschaft und Luftverkehrswirtschaft) unmittelbar 388 Mio. Euro. Unter der Annahme, dass kurzfristig keine Substitutionsmöglichkeiten zum Bezug der betreffenden Vorleistungen aus anderen Ländern bestehen, erreicht der Rückgang des Bruttoproduktionswertes in Österreich 86 Mio. Euro, der gesamte Effekt rund 133 Mio. Euro. Daraus leitet sich bei einem durchschnittlichen inländischen Wertschöpfungsanteil in den betreffenden Branchen in Höhe von 48 Prozent ein Rückgang der Bruttowertschöpfung von 64 Mio. Euro oder ein Minus von gerundet 0,02 Prozent der Bruttowertschöpfung in Österreich insgesamt ab.

Tourismus: Bei einem angenommenen Rückgang von 80 Prozent entspricht dies einem Minus von 236 Mio. Euro bei den Gesamtausgaben chinesischer Touristen. Dieser Wert korrespondiert mit einem Rückgang der direkten Bruttowertschöpfung in Österreich in Höhe von 124 Mio. Euro. Inklusive indirekter Effekte errechnet sich daraus ein Rückgang der Bruttowertschöpfung in Höhe von insgesamt 189 Mio. Euro beziehungsweise von 0,05 Prozent.

Neben all diesen Auswirkungen sieht Helmenstein aber noch weitreichendere Folgen: „Die Epidemie führt in China zu einer erheblichen Veränderung von Prozessen der Leistungserbringung.“ Das Land durchlaufe etwa ein unfreiwilliges „Realexperiment“, inwieweit sich Schulunterricht virtualisieren lässt. Unter gewissen Umständen gilt dies auch für bestimmte Produktionsabläufe in der Industrie und in anderen Bereichen der Volkswirtschaft. „China wird einen markanten Schub an Prozessinnovation durch Digitalisierung/Virtualisierung erleben. Hieraus erwächst mittel- bis langfristig gesehen das eigentliche Risiko für die europäische und die österreichische Wirtschaft: In Sachen Digitalisierung gegenüber China zurückzufallen“, so der Ökonom.