Coronavirus

Schweizer Kellnerin in Ischgl war „Patientin null"

Die Frau war am 5. Februar in Ischgl erkrankt, hatte allerdings nur leichte Symptome. Positiv getestet wurde sie erst mehr als einen Monat später - am 9. März. Das sagte Franz Allerberger, Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), am Donnerstag.

red/Agenturen

Die AGES hat mittlerweile mehr als 40 sogenannte Coronavirus-Cluster in Österreich analysiert. Unter dem Namen „Cluster S Ischgl“ wurden die Fallhäufungen ausgehend von der Region Paznaun analysiert. Allein in Österreich lassen sich 611 Infektionen direkt auf Ischgl zurückführen. Betroffen sind alle Bundesländer, „Hauptpunkt ist natürlich Tirol“, erläuterte der Infektiologe. Dort sind es insgesamt 199 Infektionen, gefolgt von 127 in Oberösterreich und 102 in Vorarlberg.

Immerhin sechs Fälle aus dem „Cluster S“ gibt es auch im Burgenland, in Wien sind es fünf. Wie Allerberger bei einer Pressekonferenz erläuterte, stellen von den 611 Personen 573 die sogenannte Primärgeneration dar, also Personen, die die Infektion im Paznauntal selbst erworben haben. 38 Fälle gab es in den Folgegenerationen, also etwa Personen, die zurück zu Hause „die Ehefrau anstecken“ und die selbst nicht in Ischgl, St. Anton, Serfaus, Galtür oder St. Christoph waren. Der Infektiologe betonte auch, dass sich mindestens die gleiche Zahl, wenn nicht doppelt so viele im Ausland aufhalten, also Touristen, die nach dem Winterurlaub heimgekehrt sind. Der „Cluster S“ habe sich „erstaunlicherweise nur über drei Generationen“ gezogen.

„Kitzloch“ - Kellner nicht Primärquelle

Bisher war einem Barkeeper des Apres-Ski-Lokals „Kitzloch“ in Ischgl unterstellt worden, als erster Infizierter zahlreiche weitere Personen angesteckt zu haben. Primärquelle ist aber laut der AGES-Analyse die Schweizer Kellnerin des gleichen Lokals. Sie hatte jedoch nur leichte Symptome und war nicht beim Arzt gewesen. Erkrankt war die Frau bereits am 5. Februar. Wo sie sich selbst angesteckt hat, ist nicht klar. Bei der amtsärztlichen Untersuchung im März kam dann heraus, dass sie positiv war. Der Barkeeper wiederum wurde als erstes diagnostiziert, „er ist als einziger zum Arzt gegangen“, erläuterte Allerberger. Daraufhin habe er fälschlicherweise die Rolle des angeblichen Weiterverbreiters „umgehängt bekommen“, betonte Allerberger. Wichtig für das Contact tracing sei „der Tag des Erkrankungsbeginns, der Tag der Diagnose muss in vielen Fällen nichts aussagen“, betonte Allerberger. Ansteckend sind Infizierte laut dem Experten „nur acht Tage“.

Eine weitere Kellnerin des Apres-Ski-Lokals zeigte am 8. Februar erste Symptome. Der Barkeeper selbst erst am 2. März. Dazu kamen weitere Mitarbeiter dieser Bar, darunter auch der Geschäftsführer oder auch der DJ. Neben den „Kitzloch“-Mitarbeitern gab es bereits am 26. Februar in Ischgl auch zwei erkrankte Erasmus-Studenten aus Norwegen, die in Bologna studierten und sich beim Skifahren in Ischgl „mit Sicherheit nicht“ dort angesteckt hätten, erläuterte Allerberger. Die Patientin Null ist laut Angaben des Experten „pumperlgesund“, ebenso die weiteren Angestellten der Bar, die alle maximal 50 Jahre alt sind. In Tirol selbst sind ungefähr acht Personen des „Cluster S“ auf der Intensivstation.

Virus nicht „extrem anstreckend“

Allerberger betonte bei der Pressekonferenz, dass das Coronavirus nicht „extrem ansteckend ist“, die Infektionen passieren in Apres-Ski-Lokalen, wo Menschen in einer Distanz weniger als einen Meter zumindest 15 Minuten Kontakt haben. „Das Virus hat keine Flügel. Es fliegt weder in einem Bundesgarten noch auf der Skipiste auf 2.000, 3.000 Meter Höhe“, sagte Allerberger. Die Infektionen passieren in Apres-Ski-Lokalen, dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenstehen. „Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und hab keine Angst, solange die Menschen zumindest einen Meter Abstand halten“, bekräftigte der Experte.

Er wies zudem darauf hin, dass man „mit Rückschlüssen vorsichtig sein“ müsse. „Das ist kein Kriminalprozess, es sind Indizien, die für uns wichtig sind, weil sie Anleitungen für künftige Maßnahmen sind“, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). „Die Betroffenen können in der Situation nichts dafür, ihnen ist überhaupt kein Vorwurf zu machen“, sagte der Minister. „Wir sind keine Gerichtsbehörde“, konstatierte Anschober.

Die Experten der AGES haben bereits mehr als 40 Cluster in Österreich untersucht. Der erste mit dem Buchstaben A war jener in Wien und Niederösterreich, wo aus Italien zurückgekehrte Personen mehrere Menschen im Umfeld angesteckt hatten. Den Experten gingen mittlerweile die Buchstaben für die Cluster-Reihung aus, „die Kollegen müssen sich ein neues System einfallen lassen“, sagte der Leiter des Bereichs Humanmedizin der AGES.