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Coronavirus

Boris Johnson dankt Krankenhausmitarbeitern

Der britische Premierminister Boris Johnson hat den Mitarbeitern des Londoner Krankenhauses gedankt, in dem er nach einer Infektion mit dem Coronavirus mehrere Tage auf der Intensivstation verbracht hatte. „Ich kann ihnen nicht genug danken. Ich verdanke ihnen mein Leben“, sagte Johnson in einer knappen Mitteilung am späten Samstagabend.

red/Agenturen

Johnson hatte zuvor nach Angaben der Regierung in London auch am Samstag „gute Fortschritte“ bei der Genesung von seiner Covid-19-Erkrankung gemacht. Wie die britische Nachrichtenagentur PA unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, erhielt Johnson im Krankenhaus täglich Briefe und Baby-Ultraschallbilder von seiner schwangeren Verlobten Carrie Symonds sowie Tausende Karten mit Genesungswünschen. Zudem habe er sich mit Filmen die Zeit vertrieben.

Der 55 Jahre alte Politiker war am vergangenen Sonntag ins Krankenhaus gebracht worden. Er verbrachte zwischenzeitlich drei Tage auf der Intensivstation des St. Thomas' Hospital in London, nachdem sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Am Donnerstag war er wieder auf eine normale Station verlegt worden.

Johnson wird derzeit von Außenminister Dominic Raab vertreten. Die Kompetenzen des Premierministers hat Raab aber nicht. Großbritanniens ungeschriebene Verfassung sieht keine klare Regelung für den Fall vor, dass der Regierungschef ausfällt. Es wird damit gerechnet, dass Johnson noch mehrere Wochen fehlen könnte.

Studie rechnet mit 66.000 Toten in Großbritannien

Geht es nach einer Studie  des IHME-Instituts der University of Washington wird es in Großbritannien europaweit die meisten Todesopfer während der ersten Welle der Corona-Pandemie geben. Wie die Untersuchung zeigte, sind in dem Land bis Juli 66.000 Tote möglich. Das wären weit mehr als in Italien, das demnach bis dahin 20.000 Tote zu verzeichnen hätte. Europaweit rechnen die Forscher mit 151.680 Toten. 

Für die Untersuchung hat das IHME Daten zu Fallzahlen sowie Daten zur Sterblichkeit nach Alter der Bevölkerung in Italien, China und den USA zusammengetragen und die erwarteten Todeszahlen auf Basis jedes einzelnen Landes berechnet. Ein wichtiger Gesichtspunkt waren dabei auch die Kapazitäten auf den Intensivstationen der Länder. In Großbritannien stößt das Gesundheitssystem bereits jetzt an seine Grenzen.“ „Wir haben eine düstere Vorahnung für die kommenden Wochen für Menschen in vielen Teilen Europas“, sagte IHME-Chef Christopher Murray. 

Queen würdigte Mitarbeiter im Gesundheitssystem

Unterdessen musste sich auch Staatsminister Michael Gove in eine Selbstisolation begeben. Ein Familienmitglied leide unter milden Corona-Symptomen, teilte Gove im Kurznachrichtendienst Twitter mit. „Ich habe keine Symptome und arbeite normal weiter.“ Gesundheitsminister Matt Hancock und der medizinische Berater der Regierung, Chris Whitty, haben ihre Infektion bereits überstanden. Auch Johnsons schwangere Verlobte Carrie Symonds verbrachte nach eigenen Angaben eine Woche mit Symptomen der Lungenkrankheit im Bett. Der Premier und Symonds hatten Ende Februar ihre Verlobung bekanntgegeben. Das Baby soll im Frühsommer auf die Welt kommen.

Die Queen würdigte anlässlich des Weltgesundheitstages am Dienstag ausdrücklich die Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Sie danke allen für ihren „selbstlosen Einsatz und ihren Fleiß“, teilte die 93 Jahre alte Monarchin mit. Die Hilfsbereitschaft unzähliger Krankenpfleger, Hebammen und anderer Mitarbeiter im Gesundheitsbereich sei unter diesen herausfordernden Umständen ein Vorbild für alle, sagte sie mit Blick auf die Pandemie. Die Queen und ihr Mann Prinz Philip (98) sind wegen ihres hohen Alters besonders gefährdet. Sie haben sich auf Schloss Windsor in der Nähe von London zurückgezogen.

Neuer Labour-Chef: Regierung hat schwere Fehler gemacht

Die britische Regierung steht im Kampf gegen die Pandemie unter erheblichem Druck: Durch einen Schlingerkurs verlor sie wertvolle Zeit, um den Ausbruch einzudämmen. Im chronisch unterfinanzierten Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) gibt es zudem nicht genügend Tests, Schutzausrüstungen und Beatmungsgeräte. Erste Kliniken meldeten nach britischen Medienberichten sogar einen Mangel an Sauerstoff für die Beatmung der Lungenkranken.

Zuletzt hat der frisch gewählte Chef der britischen Labour-Partei, Keir Starmer, den Druck auf Premierminister Boris Johnson in der Coronavirus-Pandemie erhöht. „Es sind schwere Fehler gemacht worden“, schrieb Starmer in einem Gastbeitrag in der „Sunday Times“.

Zu spät habe die konservative Regierung eingestanden, dass Großbritannien bei der Zahl der Tests hinter anderen Ländern hinterherhinke, so der neue Oppositionschef. Nun müsse das Versprechen, täglich 100.000 Tests durchzuführen, rasch eingelöst werden. Vor allem Krankenhausmitarbeiter müssten getestet und mit der notwendigen Schutzkleidung ausgerüstet werden, forderte Starmer, der erst am Samstag zum neuen Chef der britischen Sozialdemokraten gekürt worden war.

Keinen ausreichenden Zugang zu Schutzkleidung

Eine Umfrage des Royal College of Physicians, die am Sonntag veröffentlicht wurde, ergab, dass derzeit rund 20 Prozent des medizinischen Personals in Großbritannien der Arbeit fernbleibt. Als Grund dafür nannten die meisten eine vermutete, aber nicht bestätigte Covid-19-Erkrankung bei sich selbst oder bei Angehörigen. Knapp ein Viertel der Befragten gab zudem an, keinen ausreichenden Zugang zu Schutzkleidung zu haben.

Starmer forderte auch Klarheit über die Pläne der Regierung für eine schrittweise Aufhebung der Einschränkungen in dem Land. Bereits jetzt müsse zudem an der Infrastruktur gearbeitet werden, um die Bevölkerung mit einem Impfstoff zu immunisieren, sobald dieser verfügbar sei. Der 57 Jahre alte Politiker machte aber auch deutlich, dass er die Krise nicht dafür nutzen will, um politisch zu punkten. „Ich will, dass die Regierung erfolgreich ist, um Leben zu retten und den Lebensunterhalt (der Bürger) zu sichern. Das ist eine nationale Anstrengung und wir sollten uns alle fragen, was wir zusätzlich beitragen können“, schrieb Starmer.

Expertin: Großbritannien Lage kann sich im Herbst normalisieren

Das Leben in Großbritannien dürfte sich nach Expertenangaben frühestens in etwa einem halben Jahr normalisieren. Ein zu schnelles Aufheben der Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie könnte eine zweite Infektionswelle auslösen, warnte Jenny Harries, die die Regierung in Medizinfragen berät, am Sonntagabend in London.“

Das bedeutet aber nicht, dass wir sechs Monate lang eine komplette Ausgangssperre haben werden“, sagte Harries. Die Maßnahmen müssten regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Das britische Gesundheitsministerium verzeichnete am Samstag mit 708 Toten die bisher höchste Zahl an Sterbefällen innerhalb eines Tages. Darunter war auch ein fünf Jahre altes Kind. Insgesamt starben nach Angaben des Ministeriums vom Sonntag in britischen Kliniken 4.934 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19. Positiv auf das Coronavirus getestet wurden bis dahin 47.806 Menschen.

Regierungsitz Großbritannien
Die Regierung in Großbritannien steht in der Corona-Krise unter starkem Druck, weil sie nach Ansicht vieler Kritiker zu spät und zu lasch auf den Ausbruch reagiert habe.
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