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WHO meldet deutlichen Anstieg häuslicher Gewalt wegen Corona-Beschränkungen

Rettungsdienste in ganz Europa verzeichnen vor dem Hintergrund der Corona-Beschränkungen einen starken Anstieg an Notrufen wegen häuslicher Gewalt. Aus den verschiedenen europäischen Ländern sei im April eine Zunahme von Notrufen von Frauen um bis zu 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gemeldet worden, die von Gewalt durch ihre Partner betroffen seien, sagte der Europa-Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Hans Kluge, am Donnerstag bei einer von Kopenhagen aus geleiteten Online-Pressekonferenz.

 

red/Agenturen
„Viele Frauen und Mädchen sind dort am meisten bedroht, wo sie am sichersten sein sollten: Bei sich zuhause“, warnt UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

Milliarden von Menschen sind wegen der Corona-Pandemie weltweit von Ausgangsbeschränkungen betroffen. Experten zufolge sind Frauen und Kinder während des Lockdowns in besonderem Maße Misshandlungen ausgesetzt. Laut WHO nehmen Fälle häuslicher Gewalt in Krisenzeiten zu; durch die Eindämmungsmaßnahmen in der Corona-Pandemie habe sich dies noch verschärft. "Wir haben erhöhte Meldezahlen aus fast allen Ländern", sagte die für Geschlechterfragen und Gesundheit zuständige WHO-Vertreterin für Europa, Isabel Yordi.

Sollten die Beschränkungen weitere sechs Monate andauern, rechnet der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) mit 31 Millionen weiteren Fällen häuslicher Gewalt weltweit.

Europa ist von der Pandemie besonders schwer betroffen: Rund 1,6 Millionen Infektionen und mehr als 150.000 Todesfälle wurden nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP registriert. Vor der Pandemie waren laut WHO ein Viertel der Frauen und ein Drittel der Kinder in der Region in ihrem Leben schon einmal von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen.

UN-Generalsekretär warnt vor Gewalt gegen Frauen in Corona-Krise

Zuletzt hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat vor einer „schrecklichen Zunahme“ häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie gewarnt. In einer am Sonntag (Ortszeit) auf Twitter verbreiteten Videobotschaft rief er die Regierungen weltweit dazu auf, dagegen vorzugehen.“

Wir wissen, dass Ausgangssperren und Quarantäne entscheidend sind, um Covid-19 zu bekämpfen. Aber sie können Frauen mit Partnern, die sie missbrauchen, einsperren“, sagte Guterres. „Viele Frauen und Mädchen sind dort am meisten bedroht, wo sie am sichersten sein sollten: Bei sich zuhause.“

In einigen Ländern habe sich die Zahl der Frauen, die deswegen Hilfsdienste anriefen, verdoppelt. Gesundheitsdienste und Polizei würden überschwemmt und seien unzureichend ausgestattet. Örtliche Hilfsgruppen seien „paralysiert“ und knapp bei Kasse, warnte der UN-Generalsekretär. Er rief die Regierungen weltweit auf sicherzustellen, dass Gewalttäter weiter verfolgt würden. Zudem sollten Warnsysteme in Apotheken und Geschäften eingerichtet werden. Zufluchtsorte sollten zu unverzichtbaren Einrichtungen erklärt werden.

Kampagne in Österreich gestartet, noch kein signifikanter Anstieg bei Gewaltdelikten

Angesichts eines leichten Anstiegs von Fällen häuslicher Gewalt präsentierten Nehammer und Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) am Sonntag eine weitere Kampagne, die betroffenen Frauen Hilfestellung bieten soll. Bundesweit sind im März 961 Betretungs- und Annäherungsverbote verhängt worden. Im Monat davor war dieser Schritt gegen häusliche Gewalt 874 Mal gesetzt worden.

„Gott sei Dank ist es kein signifikanter Anstieg. Wir müssen sehr wachsam sein“, kommentierte Raab die Entwicklung. Experten würden allerdings davon ausgehen, dass es bei Anzeigen wegen Gewaltdelikten zu leichten Verzögerungen kommen kann, stellte die Frauenministerin fest. Einerseits würden Frauen befürchten, dass es nicht genug Platz in Frauenhäusern gibt - was, wie Raab versicherte, nicht der Fall ist - , andererseits seien Frauen unsicher, was mit ihren gewalttätigen Partnern passiert. Für diese gebe es im Falle einer Wegweisung ausreichend Plätze in Notschlafstellen und sonstigen Einrichtungen.

Insgesamt sind im heurigen Jahr bisher 2.816 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen worden. In der Corona-Krise und den damit einhergehenden Ausgangsbeschränkungen seien Frauen in problematischen, gewaltbeladenen Beziehungen gefährdet, wobei das Risiko, Gewalt zu erfahren, mit der Dauer der Ausgangsbeschränkungen steige, erläuterte Raab. Die aktuelle Rekordarbeitslosigkeit und damit verbundene Existenzängste seien weitere Risikofaktoren, warnte die Ministerin.

Der Notruf der Frauenhelpline ist im März über 1.500 Mal kontaktiert worden. 95 Prozent der Anrufe waren Frauen, der Rest Männer, die in Sorge waren, Frauen in ihrem Umfeld könnten Gewalt erfahren. Nach einem Mitte März erlassenen juristischen Maßnahmenpaket zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt seien die Anrufe in den ersten fünf Tagen um 57 Prozent gestiegen, berichtete Raab. Broschüren und Info-Material, das Betroffenen Hilfestellung bieten kann, liege bereits in mehr als 800 Supermärkten auf, „und es werden täglich mehr“, verriet Raab.

Gewalt
Ausgansbeschränkungen, der fehlende Zeithorizont für ein Ende der Krise und wegbrechende Strukturen: All das sorgt für große psychische Belastungen und nicht zuletzt steigende häusliche Gewalt.
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