Coronavirus

Österreichs Covid-19-Opfer sterben „altersgerecht“, es bleibt eine Dunkelziffer

Mehr als 240 Menschen sind bisher in Österreich an Covid-19 gestorben. Martin Posch vom Zentrum für Medizinische Statistik der MedUni Wien und sein Team haben erstmals die Alters- und Geschlechterverteilung analysiert. Fazit: Die Covid-19-Opferkurve entspricht in Österreich etwa der „normalen“ Mortalität bei Männern und Frauen in den einzelnen Altersklassen. Ob es auch in Österreich eine Dunkelziffer etwa bezüglich der zuhause mit Covid-19 Verstorbenene wie in Italien gibt, ist laut Experten noch unklar.

red/Agenturen

Die Wissenschafter gründen ihre Analyse auf 112 Verstorbenen mit SARS-CoV-2-Infektion, die bis 31. März (15.00 Uhr) in das epidemiologische Meldesystem des Gesundheitsministeriums eingetragen waren (von insgesamt bis dahin 118 Covid-19-Opfern). „Unter den Verstorbenen waren fast zwei Drittel Männer (69; 43 Frauen; Anm.)“, stellen die Fachleute fest.

Aus der Verteilung von Alter und Geschlecht sei ersichtlich, dass der Großteil der Verstorbenen über 60 Jahre alt sei. Die Experten: „Die meisten Verstorbenen sind in den Altersklassen 61 bis 70 Jahre (Männer) und 71 bis 80 Jahre (Frauen). Jedoch müssen die absoluten Zahlen zur Bevölkerungsgröße in der jeweiligen Altersgruppe in Bezug gesetzt werden.“

Vergleicht man das mit den „normalen“ Sterbetafeln in der österreichischen Bevölkerung, zeigt sich bei SARS-CoV-2 bzw. Covid-19, dass die Mortalität bei Männern und Frauen nicht wesentlich anders als jene sonst auch ist. Die Wissenschafter: „Das (Sterbe-)Risiko der Männer bleibt bis ins hohe Alter höher als das der Frauen und nähert sich erst am Ende der Kurve dem der Frauen an.“

Mortatlitätsraten verlaufen ohne und mit Covid-19 parallel

Fazit: „Vergleichen wir dieses normale Sterberisiko mit den bisherigen Covid-19-Mortalitätsraten, so sehen wir, dass die Kurven nahezu parallel verlaufen. (...) Dies legt nahe, dass das Risiko, mit Covid-19 zu versterben, im Wesentlichen proportional zum normalen Risiko für die jeweilige Altersklasse ist, und die Altersabhängigkeit des Risikos daher ähnlich.“

Wie hoch die Sterblichkeit bei den insgesamt mit SARS-CoV-2-Infizierten ist, ließe sich nur sehr schwer beurteilen. Das hänge von der Zahl der Tests und von der Dunkelziffer an Infektionen ab. „Diese Dunkelziffer kann aber zu einer Überschätzung der Todesfallrate führen und erklärt wohl einen Teil der Unterschiede zwischen in den verschiedenen Ländern beobachteten Sterberaten“, stellen Posch und seine Mitarbeiter fest. „Einen Anhaltspunkt bieten die Fälle auf der 'Diamond Princess', dem Kreuzfahrtschiff, auf dem alle Passagiere getestet wurden und eine Sterberate von 1.5 Prozent (11 von 712 positiv Getesteten) beobachtet wurde.“

Nicht zu beantworten könnten die Statistiken die Frage, ob das Risiko, durch Covid-19 zu sterben, ein zusätzliches Risiko ist, oder ob zum Großteil jene Menschen daran stürben, die in diesem Lebensjahr ohnehin verstorben wären. Die Wissenschafter: „Wie viele Lebensjahre man (im Mittel) durch eine Covid-19 Infektion verliert, ist unbekannt. Da aber viele Schwerkranke mit bereits verkürzter Lebenserwartung betroffen sind, scheint es naheliegend, dass der zusätzliche Effekt auf die allgemeine Lebenserwartung geringer ausfallen wird, als es aus den Mortalitätsraten alleine ableitbar wäre.“

Zwar würden Berichte aus der Schweiz und Italien derzeit darauf hinweisen, dass dort in einigen Regionen die Todeszahlen in der jüngsten Vergangenheit höher gewesen seien als im langjährigen Durchschnitt, doch eindeutige Aussagen ließen sich so nicht treffen: „Inwieweit die Todesfälle alle tatsächlich Personen betreffen, die auch ohne Covid-19 in diesem Jahr verstorben wären, wird sich wohl in der Jahresstatistik zeigen.“

Keine validen Aussagen über zuhause Verstorbene

Bezüglich einer möglichen Dunkelziffer bei Covid-19-Toten gibt es, der Name sagt es, noch viel Unklarheit. „Zur Zeit lassen sich noch nicht wirklich allzu valide Aussagen über Veränderungen im Sterbegeschehen in Österreich aufgrund von Covid-19 treffen“, erklärte Erich Striessnig vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf Anfrage der APA. Bei den Gesamttodeszahlen würde sich bisher nicht viel zeigen. Das liege einerseits an der hierzulande bisher sehr geringen Anzahl an mit dem Virus assoziierten Todesfällen.

Andererseits lasse sich aufgrund der Tatsache, dass Covid-19 größtenteils bei älteren Patienten mit Vorerkrankungen tödlich endet, nicht sagen, ob diese Menschen nicht auch ohne das Virus gestorben wären. Wenn man aber die Veränderungen in wesentlich stärker von der Pandemie betroffenen Ländern wie Italien, Spanien, Frankreich oder Großbritannien beobachte, „kann man doch schlussfolgern, dass die frühzeitig getroffenen Quarantänemaßnahmen Österreich vor Schlimmerem bewahrt haben dürften“.

Zufallsstichproben sollen Dunkelziffer erhellen

Man könne natürlich nicht ausschließen, dass ein Todesfall aufgrund einer bereits bestehenden Vorerkrankung mit einer Covid-19 Infektion in Zusammenhang stehe. Dazu müssten flächendeckende Obduktionen durchgeführt werden, um die genaue Todesursache zweifelsfrei festzustellen. Die derzeit vom Sozialforschungsinstitut SORA durchgeführte Zufallsstichprobe werde helfen, zumindest für die Anzahl der Erkrankten die Dunkelziffer besser abschätzen zu können.

Für die Todeszahlen werde sich das aber wohl erst im Nachhinein sagen lassen, verweist Striessnig auf die monatlich exakte Erfassung der Sterbefälle in allen europäischen Ländern. „Wenn es hier eine Erhöhung über die offiziell bestätigten Covid-19 Toten hinaus gibt, dann geht dies vermutlich auf die Dunkelziffer zurück“, so der Demograph.

Er gibt auch zu bedenken, dass es durch die Quarantänemaßnahmen beispielsweise zu einer starken Reduktion des Straßenverkehrs gekommen sei, wodurch es auch weniger Verkehrsunfälle mit Todesfolge gebe. Das würde einen eventuellen Anstieg in den Todeszahlen aufgrund der Pandemie ebenfalls zumindest teilweise verschleiern. Dasselbe gelte auch für die verringerte Gefahr einer Ansteckung mit der gewöhnlichen Grippe. „Umso wichtiger ist es, dass der Wissenschaft möglichst bald der bestmögliche Zugang zu den vorhandenen Daten gewährt wird“, so Striessnig.

 

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