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WHO warnt vor „Impfstoff-Nationalismus“ - Fonds braucht Geld

Bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu mehr globaler Zusammenarbeit aufgerufen. Das sei auch im Eigeninteresse der Länder, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Donnerstagabend in Genf. Die Weltwirtschaft könne sich erst nachhaltig erholen, wenn das Virus überall besiegt sei.

red/Agenturen

Dazu müsse an möglichst vielen Impfstoffen geforscht werden, statt auf einzelne Kandidaten zu setzen. „Übermäßige Nachfrage und Wettbewerb um das Angebot schafft bereits jetzt Impfstoff-Nationalismus und das Risiko von Wucher“, sagte Tedros. „Das ist die Art von Marktversagen, die nur globale Solidarität, öffentliche Investitionen und Engagement lösen können.“

Neun der weltweit aktuell klinisch getesteten Impfstoffe stünden Staaten im Rahmen eines unter dem Dach der WHO geschaffenen Fonds zur Verfügung. Der sogenannte „ACT Accelerator“ - ACT steht für Access to Covid-Tools, also Zugang zu Covid-19-Werkzeugen - braucht laut WHO 31,3 Milliarden Dollar. Schon im Juni hatte der Fonds von Regierungen, Stiftungen und Privatwirtschaft gewarnt, dass die Staatengemeinschaft erst einen Bruchteil des nötigen Geldes zugesagt habe. Neben Impfstoffen soll der Fonds auch bei der Erforschung und Herstellung von Tests und Medikamenten gegen Covid-19 helfen.

EU will sich Impfstoff von Johnson & Johnson sichern

Die EU will auch von einem Pharmaunternehmen des US-Konzerns Johnson & Johnson 200 Millionen Dosen eines möglichen Impfstoffs zum Schutz vor Covid-19 kaufen. Vorgespräche für einen entsprechenden Rahmenvertrag mit Janssen Pharmaceutica NV seien am Donnerstag abgeschlossen worden, teilten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Gesundheitkommissarin Stella Kyriakides am Abend mit.

Er sehe auch ein Vorkaufsrecht für weitere 200 Millionen Dosen vor, hieß es. „Für die Leben unserer Bürger und für unsere Wirtschaft brauchen wir einen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus“, kommentierte von der Leyen. „Die heutigen Gespräche bringen uns dem näher.“

Ähnliche Gespräche hatte die Kommission zuvor bereits mit einem Joint Venture von Sanofi und GSK abgeschlossen. Bei ihnen ging es um den Kauf von 300 Millionen Dosen eines möglichen Impfstoffs. Finanziert werden sollen die Geschäfte über ein im Kampf gegen die Coronakrise geschaffenes Soforthilfeinstrument. Es ist mit insgesamt 2,7 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt ausgestattet.

Großbritannien sichert sich 90 Millionen Impfdosen 

Indes hat sich die britische Regierung weitere 90 Millionen Dosen verschiedener potenzieller Impfstoffe gesichert. Wie die Regierung in London am Freitag mitteilte, schloss sie Verträge über 60 Millionen Dosen mit dem US-Impfstoffhersteller Novavax und über weitere 30 Millionen Dosen mit dem belgischen Pharmaunternehmen Janssen, das zum US-Konzern Johnson and Johnson gehört. Im Gegenzug vereinbarte London, Infrastruktur und finanzielle Mittel für Studien mit den Impfstoffen bereitzustellen.

Zusammen mit früheren Verträgen hat sich das Land mit seinen etwa 66,6 Millionen Einwohnern nun etwa 340 Millionen Dosen von sechs verschiedenen Impfstoffkandidaten gesichert. Unklar ist jedoch, ob sich einer der Stoffe als wirksam erweisen wird. „Die Strategie der Regierung, ein Portfolio vielversprechender Impfstoffkandidaten aufzubauen, wird sicherstellen, dass wir die besten Chancen darauf haben, einen zu finden, der funktioniert“, sagte Wirtschaftsminister Alok Sharma einer Mitteilung zufolge.

Vietnam will russischen Impfstoff „Sputnik V“ kaufen

Unterdessen wurde bekannt, dass sich Vietnam für den Kauf des russischen Corona-Impfstoffs „Sputnik V“ registriert hat. Das südostasiatische Land wolle für eine großangelegte Kampagne 50 bis 150 Millionen Impfdosen ankaufen, berichtete die staatliche Zeitung „Tuổi Trẻ“ am Freitag. In der Zwischenzeit werde man aber weiter an der Entwicklung eines eigenen Impfstoffs arbeiten, berichtete das nationale Fernsehen am Freitag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium in Hanoi.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Dienstag die Zulassung des Impfstoffs „Sputnik V“ zur breiten Verwendung in der Bevölkerung bekanntgegeben. Sie erfolgte vor dem Vorliegen der Ergebnisse sogenannter Phase-III-Studien - ein Vorgehen, das international viel Kritik ausgelöst hat. Dennoch gibt es bereits Interessenten für das Mittel: Der brasilianische Bundesstaat Paraná hat angekündigt, ein Abkommen mit Russland zu schließen, um den Impfstoff selbst zu produzieren. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel sollen interessiert sein.

Vietnam galt lange als erfolgreich im Kampf gegen die Corona-Pandemie und war von der Weltgesundheitsorganisation wiederholt gelobt worden. Nach Monaten ohne lokale Neuinfektionen gab es in der Küstenstadt Da Nang Ende Juli einen neuen Ausbruch. Seither ist die Zahl der Neuansteckungen rapide gestiegen und das Land hat seine ersten Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet. Am Freitag lag die Zahl der bestätigten Fälle bei 911, 21 Menschen sind gestorben.

5 Spritzen im Halbkreis
Der Status-quo in Sachen Corona-Impfstoff: Mehr als zehn von knapp 50 Projekten in entscheidender Phase-3
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