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Coronavirus

Steigende Infektionszahlen in ganz Europa

Angesichts sprunghaft steigender Corona-Zahlen greift Tschechien zu drastischen Maßnahmen, Polen verzeichnet erstmals mehr als 10.000 bestätigte Corona-Neuinfektionen an einem Tag und Sloweniens Gesundheitsminister plädiert für einen totalen Lockdown. Das Coronavirus breitet sich in ganz Europa massiv aus.

red/Agenturen

Die Zahl der Corona-Infektionen in Italien ist wieder sprunghaft angestiegen. 15.199 Neuansteckungen wurden am Mittwoch registriert, am Dienstag waren es noch 10.874 Fälle. Außerdem wurden 127 Todesopfer registriert, ab Vortag waren es 89. Die Zahl der Corona-Toten in Italien seit Beginn der Epidemie im Februar stieg somit auf 36.832. Innerhalb eines Tages wurden 177.000 Tests durchgeführt.

Die Zahl der bestätigten aktiven Fälle kletterte am Mittwoch auf 145.459, jene der in Spitälern behandelten Covid-19-Patienten erhöhte sich gegenüber Dienstag von 8.454 auf 9.057, teilte das italienische Gesundheitsministerium mit. In Quarantäne befanden sich 145.459 Personen. Auf den Intensivstationen lagen 926 Patienten, am Vortag waren es 870 gewesen.

Die Regionen Lombardei und Kampanien haben eine nächtliche Ausgangssperre von 23.00 Uhr bis 5.00 Uhr beschlossen. Die Lombardei und Piemont schließen am kommenden Wochenende die Einkaufszentren.

Tschechien schließt Geschäfte und verhängt Lockdown

In Tschechien steigt die Zahl der Corona-Infizierten weiter sprunghaft an. Mit knapp 15.000 neuen Fällen innerhalb von 24 Stunden vermeldeten die Behörden am Donnerstag einen Tagesrekord. Insgesamt befinden sich mehr als 4.400 Menschen im Krankenhaus in Behandlung. Die Gesamtzahl der Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung seit Beginn der Pandemie stieg auf 1.739.

Derweil traten drastische Maßnahmen gegen die Corona-Welle in Kraft. Die Bürger sollen das Haus oder die Wohnung nur noch verlassen, um zur Arbeit zu gehen, das Nötigste einzukaufen oder Arzt- und Familienbesuche zu erledigen. Auch Spaziergänge in Parks und Natur sind erlaubt. Die meisten Geschäfte müssen geschlossen bleiben. Ausgenommen sind unter anderem Supermärkte und Drogerien.

Die Regierung habe zum „stärksten Kaliber“ gegriffen, das ihr zur Verfügung stehe, sagte Innenminister Jan Hamacek der Zeitung „Pravo“. Der Sozialdemokrat versicherte, dass die Grenzen - anders als im Frühjahr - offen bleiben würden.

Erstmals mehr als 10.000 Neuinfektionen am Tag in Polen

Polen hat zum ersten Mal die Grenze von 10.000 bestätigten Corona-Neuinfektionen pro Tag überschritten. Am Mittwoch meldeten die Gesundheitsbehörden in Warschau mit 10.040 neuen Fällen binnen 24 Stunden einen Rekordzuwachs. Die Gesamtzahl der Infektionen in Polen seit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr kletterte damit bereits auf mehr als 200.000, wie Daten des Gesundheitsministeriums belegten. Die Zahl der Corona-Toten stieg innerhalb eines Tages um weitere 130 auf 3.851.

Polen führte in den vergangenen Wochen eine Reihe von Maßnahmen wieder ein, die die Ausbreitung des Virus eindämmen sollen. Dazu gehören das verpflichtende Tragen von Masken in der Öffentlichkeit sowie Begrenzungen der Teilnehmerzahl bei öffentlichen Veranstaltungen.

Am Donnerstag könnten neue Beschränkungen angekündigt werden, wie Regierungssprecher Piotr Mueller mitteilte. „Wir wollen nicht wieder einen Lockdown einführen, wie wir ihn schon im Frühjahr hatten, aber einige Einschränkungen werden unausweichlich sein“, erklärte Mueller einem örtlichen TV-Sender. Eine der erwartbaren Maßnahmen könnte nach Informationen der Nachrichtenagentur PAP die Einführung von Fernunterricht für ältere Volksschüler sein.

Slowenien mit Rekord von 1.503 Neuinfektionen

Slowenien hat zum ersten Mal seit der Beginn der Corona-Pandemie mehr als 1.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages verzeichnet. Am gestrigen Dienstag wurden insgesamt 1.503 Fälle registriert. Die Positivitätsrate der Testungen lag bei 25,5 Prozent, teilten die Behörden am Mittwoch mit. Ein Rekord-Tageswert wurde auch bei den Todesfällen gemeldet: acht Menschen starben an oder mit einer Covid-19-Erkrankung.

Die Infektionszahlen nehmen rasant zu: Denn der höchste Tageswert lag am vergangenen Freitag noch bei 898 Fällen. Seit Beginn der Pandemie im März haben sich in Slowenien 15.982 Menschen mit dem Virus SARS-CoV-2 angesteckt. In Zusammenhang mit dem Virus wurden insgesamt 200 Tote gemeldet.

Zur Eindämmung der Ausbreitung steht fast das gesamte Land bereits unter Teil-Lockdown. In elf von zwölf Regionen dürfen die Bewohner ihre jeweilige Region ohne triftigen Grund nicht verlassen, dazu wurde für ganz Slowenien eine nächtliche Ausgangsperre (von 21.00 bis 6.00 Uhr) verhängt. Die Gastronomie in „roten“ Regionen ist geschlossen, ab Donnerstag müssen auch Kinos, Theater und andere Kultureinrichtungen schließen. Davon ausgenommen sind Museen, Galerien und Bibliotheken bei Einschränkung auf eine Person pro 20 Quadratmeter. Auch Sporteinrichtungen werden für den Freizeitgebrauch geschlossen, Trainings für professionelle Sportler werden weiterhin zugelassen.

Der slowenische Gesundheitsminister Tomaz Gantar hat sich unterdessen für einen totalen Lockdown ausgesprochen. „Angesichts vom steigenden Trend bei Neuinfektionen bin ich der Meinung, dass wir das öffentliche Leben schnellstens komplett stilllegen sollten“, sagte Gantar zur Tageszeitung „Vecer“. Der Minister setzt sich für einen zweiwöchigen Lockdown ein. Die Zeit dafür sei günstig, betonte er mit Blick auf die Herbstferien, die am kommenden Montag beginnen. „Vor uns steht eine Woche Schulferien, so dass wird das Land ohne größeren Schaden runterfahren könnten. Wenn wir noch eine Woche dazulegen, könnte die Lage beherrscht werden“, so der Gesundheitsminister.

Italien: Hohe Strafen bei Ausgangssperre-Verstoß in der Lombardei

Die norditalienische Region Lombardei hat am Mittwoch eine Verordnung erlassen, mit der eine nächtliche Ausgangssperre von 23.00 bis 5.00 Uhr eingeführt wird. Bei Verstoß gegen die Verordnung ist eine Geldstrafe zwischen 400 Euro und 3.000 Euro vorgesehen. Wer aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen während der Ausgangssperre unterwegs ist, muss eine Bescheinigung bei sich tragen. Auch die Schließung von Einkaufszentren am Wochenende ist geplant.

Die Verordnung bleibt bis zum 13. November in Kraft, teilten die regionalen Behörden in der Region mit. Lokalinhaber protestierten gegen die nächtliche Ausgangssperre. Der Verband der Gastronomen bezifferte die finanziellen Auswirkungen in der Lombardei auf zwei Milliarden Euro monatlich. Dies sei ein weiterer schwerer Schlag für einen Wirtschaftssektor, der wegen der Pandemie bereits schwere Schäden erlitten hatte.

Zahlen in den Niederlanden und Dänemark ebenso kritisch

In den Niederlanden ist die Zahl der binnen 24 Stunden gemeldeten Corona-Neuinfektionen erstmals auf mehr als 9.000 gestiegen. 9.283 Fälle seien in diesem Zeitraum registriert worden, 526 mehr als am Vortag, teilte das Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM am Donnerstag mit. Die Niederlande gehören zu den am stärksten von der zweiten Welle der Pandemie getroffenen Ländern Europas.

Auch die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf den Intensivstationen steigt in den Niederlanden schnell. Inzwischen ist fast jedes zweite Intensivbett mit einem an Covid-19 erkrankten Patienten belegt. Am Freitag sollen erste Patienten in deutsche Spitäler verlegt werden. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hatten bereits Hilfe zugesagt.

Vor einer Woche war in den Niederlanden ein Teil-Lockdown verhängt worden. Unter anderem mussten alle Gaststätten schließen, Bürger dürfen nur noch drei Gäste am Tag empfangen und sollen öffentliche Verkehrsmittel nur in dringenden Fällen nutzen.

Auch in Dänemark hat die Zahl der Neuinfektionen ein Rekordhoch erreicht, wenngleich auf viel niedrigerem Niveau. Von Mittwoch auf Donnerstag wurden 760 neue Fälle von SARS-CoV-2-Infektionen registriert, teilte das Staatliche Seruminstitut mit. Virologen weisen aber darauf hin, dass die hohe Zahl nicht bedeuten muss, dass sich nun mehr Menschen infizieren als im Frühjahr, weil inzwischen sehr viel mehr getestet werde.

Die dänische Regierung hat angesichts der zunehmenden Neuinfektionen schärfere Maßnahmen in Aussicht gestellt. „Die nächsten zwei bis drei Tage werden entscheidend sein“, sagte Gesundheitsminister Magnus Heunicke am Donnerstag. Er werde sich strengeren Beschränkungen oder Regeln nicht in den Weg stellen. Schon jetzt muss man in großen Teilen des öffentlichen Lebens in Dänemark einen Mundschutz tragen. Es gilt ein Versammlungsverbot von 50 Personen.

Litauen vermeldet Höchststand Neuinfektionen

In Litauen haben die Corona-Neuinfektionen zum vierten Mal in diesem Monat einen Rekordwert erreicht. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Vilnius vom Mittwoch wurden 311 positive Tests innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Dies ist der höchste Anstieg binnen eines Tages seit Beginn der Pandemie. Der bisherige Höchstwert in dem baltischen EU-Land lag bei 255 Neuinfektionen.

Litauen mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern verzeichnete insgesamt bisher 8.239 bestätigte Infektionen und 120 Todesfälle in Verbindung mit dem Coronavirus. Dabei hatten die Infektionszahlen zuletzt deutlich zugenommen - seit Mitte vergangener Woche sind es täglich mehr als 200 neue Fälle. Es wurde aber auch mehr getestet.

Staatspräsident Gitanas Nauseda machte ein Gefühl der Entspannung für den Anstieg verantwortlich, das daraus resultiere, dass Litauen die erste Corona-Welle sehr gut überwunden habe. Noch sei Gegensteuern möglich. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir immer noch die Wahl haben, das Problem zu lösen, ohne die gesamte Wirtschaft herunterzufahren und das öffentliche Leben anhalten“, sagte Nauseda.

Deutschland: Über 11.000 Corona-Neuinfektionen 

In Deutschland hat das Robert-Koch-Institut (RKI) erstmals über 11.000 Neuinfektionen registriert. In den vergangenen 24 Stunden wurden nach Daten des Instituts 11.287 Menschen positiv auf das Virus getestet. Am Vortag waren es 7.595. Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle steigt demnach auf 392.049. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus steigt um 30 auf 9.905.

Maskenpflicht in Bulgarien auch im Freien 

In Bulgarien ist angesichts stark steigender Corona-Zahlen das Tragen von Schutzmasken auch im Freien ab Donnerstag wieder Pflicht. Ziel sei es, die Zahl der Neuerkrankungen zu reduzieren und das Klinikpersonal zu entlasten, erläuterte Gesundheitsminister Kostadin Angelow am Dienstag. Die bei Kritikern heftig umstrittene Maßnahme soll vorerst bis Ende November gelten. Lokale und Fitnesscenter bleiben geöffnet, sollen aber auf die Einhaltung der Corona-Auflagen kontrolliert werden, sagte der Minister.

Auch in Bulgarien ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen zuletzt massiv gestiegen. In dem südosteuropäischen Land mit 6,9 Millionen Einwohnern wurde am Dienstag mit 1024 neuen Corona-Fällen ein neuer Höchststand verzeichnet. Derzeit sind insgesamt 12 366 Menschen infiziert. Vor einer Woche waren es noch 8099.

Die angekündigte Maskenpflicht im Freien wurde am Dienstagabend von Protestlern kritisiert, die seit gut drei Monaten den Rücktritt der bulgarischen Regierung fordern. Auf einer Demonstration im Zentrum der Hauptstadt Sofia wurden Schutzmasken demonstrativ verbrannt.

Seit dem 22. Juni gilt in dem EU-Land Maskenpflicht nur in geschlossenen, gemeinschaftlich genutzten Räumen wie etwa Läden, Banken, Behörden sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Gesundheitsminister Angelow hatte erst am Freitag im Parlament erklärt, dass Bulgarien vorerst auf weitere Corona-Schutzmaßnahmen verzichten werde. Regierungschef Boiko Borissow bekräftigte immer wieder mit Rücksicht auf die Wirtschaft, dass es nun keinen neuen Lockdown wie zu Beginn der Corona-Pandemie geben werde.

Schweiz bei fast 6.000 Corona-Fällen in 24 Stunden

In der Schweiz und in Liechtenstein sind innerhalb von 24 Stunden insgesamt fast 6.000 neue Corona-Infektionen gemeldet worden. Das ist ein Rekord, die Zahl ist doppelt so hoch wie am Tag zuvor, wie aus Daten des Bundesamtes für Gesundheit hervorgeht. 5583 Fälle entfielen auf die Schweiz, 13 auf Liechtenstein. Die Schweizer Zahl lag für die vergangenen 24 Stunden gemessen an der Bevölkerungsgröße über siebenmal so hoch wie die von Deutschland.

Die Regierung prüft bereits, ob eine zeitlich begrenzte Schließung aller Geschäfte nötig ist, etwa für 14 Tage. Noch sei das nicht der Fall, sagte Gesundheitsminister Alain Berset. „Die nächsten zwei bis drei Wochen sind entscheidend für uns. Es gibt keinen Grund zur Angst, aber jetzt bitte Engagement,“ sagte er als Aufforderung an die Bevölkerung, Maßnahmen wie Masken, Handhygiene und Abstand halten konsequent umzusetzen.