Aussage zu Alltagsmasken:

Kritik an deutschem Ärztepräsident

Als Ärztepräsident ist Klaus Reinhardt in der Corona-Pandemie ein gefragter Mann – wohl auch, weil er dabei oft mit klaren Worten Position bezieht. Mit seinen jüngsten Äußerungen zum Nutzen von Alltagsmasken zog er nun aber viel Kritik und Unmut auf sich. Sogar ein Rücktritt wurde dem 60-Jährigen nahegelegt, der seit knapp eineinhalb Jahren an der Spitze der Bundesärztekammer steht.

red/Agenturen

Auslöser war ein Auftritt Reinhardts am Mittwochabend in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“, bei dem er sich skeptisch über den Nutzen einfacher Alltagsmasken im Freien äußerte. „Ich glaube, dass man den Mund-Nasen-Schutz tragen kann, da wo man den Abstand nicht wahren kann“, sagte er. Vorschriften für Masken auf Marktplätzen halte er medizinisch aber für „Unsinn“.

Es gebe nach seiner persönlichen Auffassung keine „wissenschaftliche Evidenz“ über den Nutzen von Alltagsmasken, sagte Reinhardt. Diese hätten eine „gewisse mechanische Wirkung“ und seien in bestimmten Situationen „richtig“. Reinhardt hob zugleich hervor, er wolle nicht „Galionsfigur der Maskengegner“ sein.

Das hinderte ihn aber nicht daran, gewagte Vergleiche zu ziehen: Mit Blick auf das Vermummungsverbot in den 70er Jahren im Zuge der Antiterror-Gesetzgebung sprach er bei den Alltagsmasken von einem „Vermummungsgebot“.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte diesen Vergleich in einer ersten Reaktion im Kurzbotschaftendienst Twitter „für den ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär unentschuldbar“. Aus seiner Sicht sei dies ein Rücktrittsgrund, wenn Reinhardt das nicht sofort zurücknehme.

Kritik kam auch aus den Reihen der Ärzte. „Sowohl Alltagsmasken als auch chirurgische Masken schützen jeden selbst und auch andere“, sagte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, im Norddeutschen Rundfunk. Der Chef der bayerischen Ärztekammer, Gerald Quitterer, nannte die Äußerungen Reinhardts „nicht glücklich“. Sie konterkarierten die Bemühungen, Patienten vom Sinn eines Mund-Nasen-Schutzes zu überzeugen, sagte er dem „Münchner Merkur“.

Für Aufsehen sorgten Äußerungen Reinhardts über die Corona-Pandemie schon zuvor. So sagte er etwa Anfang der Woche zu einem eindringlichen Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), zur Eindämmung der Pandemie weniger Menschen zu treffen, im Deutschlandfunk: „Ganz so ernst kann ich die Lage aktuell nicht nachvollziehen, wenn ich ehrlich bin. „Er wolle keine Entwarnung geben oder fälschliche Gelassenheit verbreiten, aber ich finde, man kann den Menschen nicht in einer Tour Angst machen.“

Im Ruf, keine Konflikte zu scheuen, stand Reinhardt schon vor seiner Wahl zum Präsidenten der Bundesärztekammer. Im Mai 2019 setzte sich der Bielefelder Allgemeinmediziner denkbar knapp mit drei Stimmen Vorsprung im dritten und letzten Durchgang bei der Wahl auf dem Ärztetag durch.

Reinhardt kam am 22. Mai 1960 als Sohn eines Ärzteehepaares in Bonn zur Welt. Er machte in Bielefeld Abitur, zog dann zum Studium von Philosophie und Jura 1980 nach Bonn, bevor er sich zum Medizinstudium entschloss. Dieses absolvierte er von 1982 bis 1989 im italienischen Padua. Reinhardt arbeitete zunächst in der Schweiz, bevor er 1993 die Praxis seiner Eltern in Bielefeld übernahm.

Parallel zu seiner Arbeit als Arzt setzte sich Reinhardt bald auch gesundheitspolitisch in Verbänden ein. Er übte Ehrenämter bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, bei der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe, im Verband Freier Berufe und in der Akademie für medizinische Fortbildung aus. Die größte Präsenz erreichte er im Hartmannbund, bei dem er 2011 Bundesvorsitzender wurde.

Seit fast eineinhalb Jahren ist er nun der deutsche Ärztepräsident - und steht damit gerade in der Corona-Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit. Dass seine Worte deshalb ein besonderes Gewicht haben, dürfte Reinhardt wissen.
 

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