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Terror

Anschlag in Wien: Ein-Täter-Theorie durch Videos bestätigt

Der Wiener Terroranschlag dürfte tatsächlich nur durch den einen - erschossenen - Täter erfolgt sein. Die mehr als 20.000 der Polizei übermittelten Videos seien fertig ausgewertet, die Ein-Täter-Theorie habe sich dadurch bestätigt, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) Mittwoch in einer Pressekonferenz. Die erhöhte Sicherheitsstufe für Wien bleibt dennoch aufrecht, erfuhr die APA im Innenministerium.

red/Agenturen

Die Polizei hatte mehr als ein Terabyte an Daten von dem Anschlag in der Wiener Innenstadt am Montagabend auszuwerten. Für die Übermittelung der Videos war ein eigener Upload eingerichtet worden.

Nach dem Anschlag werden derzeit noch elf verletzte Personen im Spital behandelt. Am heutigen Mittwoch konnten zwei weitere Personen in häusliche Pflege entlassen werden. Das berichtete eine Sprecherin des Wiener Gesundheitsverbunds der APA. Drei Betroffene befinden sich noch auf Intensivstationen.

Bei dem Terrorattentat wurden vier Personen getötet, mehr als 20 Menschen wurden verletzt. Sie wurden mit Schuss- und Stichverletzungen in insgesamt sechs Wiener Spitälern versorgt.

Nationaler Sicherheitsrat tagt

Am Mittwochnachmittag um 16 Uhr hat zudem die Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates zum Terroranschlag in der Wiener Hofburg begonnen. Neben Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) nehmen daran u.a. auch Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Vertreter der Parlamentsfraktionen teil.

Vor Sitzungsbeginn im Parlaments-Ausweichquartier äußerte sich beim Eintreffen keines der Regierungsmitglieder. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner zeigte sich erneut betroffen vom Terroranschlag. Damit seien nicht nur unschuldige Menschen angegriffen, getötet und verletzt worden, sondern auch der Staat, die Demokratie und die ganze Gesellschaft. Dadurch lasse man sich aber nicht einschüchtern. Wichtig sei jetzt eine „ehrliche, ernsthafte und sachliche Aufklärung“. Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt für Schuldzuweisungen, sondern für eine lückenlose Aufklärung und darum, aus dem Geschehenen die richtigen Schlüsse zu ziehen, „damit der Schutz für die Bevölkerung gewährleistet ist“.

Rendi-Wagner verwies auch auf die Informationen rund um den versuchten Munitionskauf des Attentäters in der Slowakei, über den das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) informiert wurde. Man erwarte sich eine Antwort darauf, was mit diesen Informationen passiert ist. Und auch auf die Frage, ob der Täter observiert wurde und wie er sich unbemerkt eine automatische Waffe besorgen konnte. Zur Aufklärung verwies Rendi-Wagner auf die Instrumente des Parlamentes, etwa den Innenausschuss.

Nehammer: Vor Attentat „einiges schief gegangen“

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) eingestanden, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) von der slowakischen Polizei über den versuchten Munitionskauf des 20-jährigen Wiener Terrorattentäters informiert wurde - aber „in weiteren Schritten ist offensichtlich in der Kommunikation etwas schief gegangen“. Der Minister will jetzt eine Unabhängige Untersuchungskommission einrichten.

Es müsse geklärt werden, „gab es Dinge, die passiert sind, die so nicht hätten passieren dürfen und wo gilt es Nachschau zu halten, dass wir in unserem Gesamtsystem uns besser vor Gefährdern schützen können“, sagte Nehammer. Der Verfassungsschutz, sowohl LVT als auch BVT, „hat die notwendigen Abklärungen vorgenommen und Rückfragen getätigt in der Slowakei“, sagte der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Ruf. Weitere Ermittlungsschritte wurden offenbar nicht getätigt, auch wurde die Justiz nicht darüber informiert. Es müsse nun erst geklärt werden, ob dies „optimal verlaufen ist“. Auch Nehammer betonte, dass „wo und warum etwas schief gegangen ist“ von der Untersuchungskommission geklärt werden müsse. Der Informationsvorgang sei auf nachrichtendienstlicher Ebene abgelaufen, sagte Ruf.

Wer am Anschlag schuld ist, sei aber „ganz klar zu beantworten - es ist immer der Täter“, konstatierte der Innenminister. Die Polizei habe auch in diesem Fall „hervorragend gearbeitet“ und binnen neun Minuten den Attentäter ausgeschaltet, die Probleme habe es im Vorfeld gegeben. Offensichtlich sei in diesem Zusammenhang geworden, dass „der Verfassungsschutz alt, das BVT“, durch seinen Amtsvorgänger, FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl „nachhaltig geschädigt worden ist, um nicht zu sagen, in dieser Zeit zerstört“, konstatierte Nehammer. Dass ausgerechnet Kickl nun „am Lautesten schreie“, damit qualifiziere er sich selbst ab.

Erste Infos zu den 14 Festgenommenen

Bei der Pressekonferenz wurden außerdem erste Details zu den 14 festgenommenen Personen bekanntgegeben. Sie sind alle zwischen 18 und 28 Jahren alt und haben alle Migrationshintergrund, sagte Nehammer. Es handelt sich nicht nur um Österreicher, sondern auch um Männer aus Bangladesh, Mazedonien, der Türkei und der Russischen Föderation. Einige hätten die Doppelstaatsbürgerschaft, so wie der Attentäter. Schriftliche Unterlagen und Datenträger der Verdächtigen werden jetzt ausgewertet. Weitere Informationen dazu will das Innenministerium am Donnerstag bekanntgeben.

Die insgesamt 18 Hausdurchsuchungen und 14 Festnahmen stünden aber definitiv unmittelbar im Zusammenhang mit dem Terroranschlag, hieß es aus dem Innenministerium. Zuvor hatte es Spekulationen darüber gegeben, dass diese im Rahmen der Anti-Terror-Operation „RAMSES“ durchgeführt wurden. Auch Ex-Innenminister Kickl stellte dies am Mittwoch in den Raum.

Die Polizei will das genaue Bewegungsprofil des Täter klären. Das liegt auch zwei Tage nach dem Attentat noch nicht vor, „und das hat seine guten Gründe“, sagte der Wiener Polizeipräsident, Gerhard Pürstl. Denn es müssen 20.000 Videos ausgewertet werden. Dies gestaltet sich mühsam, weil die Ermittler nicht wissen, ob die Zeitlaufwerke überall gleich sind. Diese Videos müssen auch mit den Zeugenaussagen in Einklang gebracht werden, so Pürstl.

Die Frage ist, woher ist der Täter gekommen, wohin ist er gelaufen und wo sind die Schüsse abgegeben worden. Unklar ist, wie der 20-Jährige zum Tatort gekommen ist. Fest steht, dass er nicht mit der U-Bahn gekommen ist, wie die Auswertung der Überwachungskameras der Wiener Linien ergab.

Täter schwört in einem Video IS Treue

Geklärt werden muss auch ein Video, das am 3. November aufgetaucht ist, worauf der Täter einen Treueschwur auf den IS geleistet hat. Denn es ist fraglich, ob die Botschaft vom Täter selbst gesprochen wird, da es sich um ein perfektes Arabisch oder eine nordafrikanische Sprache gehandelt hat, sagte Pürstl. Aufgrund des Lebenslaufes des 20-Jährigen ist auszuschließen, dass er diese Sprachen perfekt gekonnt hat. Die Frage ist, ob der Text von jemand anderen auch nachträglich hinzugefügt wurde.

Ruf gab bei der Pressekonferenz Details zum Terroristen bekannt. Dieser wurde in Wien geboren und besuchte die Volksschule, die Hauptschule, eine Fachmittelschule und zum Schluss eine HTL. Er hatte bis vor kurzem noch bei den Eltern gelebt. Am 22. August 2018 wollte er nach Afghanistan ausreisen, um sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen. Er konnte allerdings nicht ausreisen, weil er kein Visum hatte und wurde laut Ruf wieder zurückgewiesen. Am 1. September 2018 erfolgte der nächste Versuch. Über die Türkei wollte er weiter nach Syrien, wurde jedoch von den türkischen Behörden festgenommen und in Schubhaft genommen. Von dort wurde er am 9. Jänner 2019 entlassen.

Am 10. Jänner 2019 reiste er per Flugzeug nach Wien, wo er von den österreichischen Sicherheitsbehörden am Flughafen als sogenannter „Foreign Terrorist Fighter“ erkannt und festgenommen wurde. In einem Strafverfahren wurde er deshalb wegen der Paragrafen 278a (Mitglied einer kriminellen Organisation) und 278b (Mitglied einer terroristischen Vereinigung) verurteilt. Am 5. Dezember 2019 erfolgte die bedingte Entlassung.

Jüdische Einrichtungen wieder geöffnet

Mit dem heutigen Mittwoch haben alle Synagogen, jüdische Schulen, koscheren Supermärkte sowie andere jüdische Einrichtungen wieder ihren Betrieb aufgenommen. Zwar bestehe nach wie vor eine erhöhte Alarmbereitschaft, „aber wir haben uns bewusst für ein schnellstmögliches Aufsperren entschieden, um damit auch ein Zeichen zu setzen“, so Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in einer Aussendung.

Er betonte auch die „entschlossene und professionelle Reaktion“ der Einsatzkräfte. Unmittelbar nachdem am Montag gegen 20 Uhr in der Wiener Innenstadt geschossen wurde, sei die Polizei mit der Sicherheitsabteilung der IKG in Kontakt getreten.

Ein leitender Mitarbeiter dieser habe kurze Zeit später mit vier Polizeibeamten das Sicherheitszimmer in der Seitenstettengasse betreten, um gemeinsam die Aufzeichnungen aus den Überwachungskameras zu sichten. Jene Sequenz, in der der Attentäter auf einen Passanten schoss, sei von Beamten vom Bildschirm abgefilmt worden. Diese Aufnahme habe der Polizei möglicherweise bei der zu diesem Zeitpunkt im Gang befindlichen Alarmfahndung geholfen, schreibt Deutsch. Die IKG habe den später in Sozialen Netzwerken verbreiteten Videoclip, auf dem besagte Sequenz auf einem Bildschirm zu sehen ist, weder erstellt noch wurde es Medien oder anderen Dritten zur Verfügung gestellt, betont der Präsident.

Bestimmte Bereiche noch gesichert

Vor dem Stadttempel in der Seitenstettengasse, dem koscheren Restaurant an der Ecke zur Seitenstettengasse sowie vor Gasthäusern in den umliegenden Straßenzügen sind nach wie vor die gelben Markierungen der Tatortermittler zu sehen. Ein Großaufgebot der Polizei und des Bundesheeres sichere auch diesen Bereich. Was martialisch klinge, sei aber ein Ausdruck einer wehrhaften Demokratie, so Deutsch: „Es ist ein Bild der Vielfalt, des Zusammenstehens. Es ist das vielfältige Österreich.“

Auch die Rettungskräfte, Sanitäter, Zivildiener, Ärzte sowie jene Menschen, die anderen Schutz geboten und geholfen hätten, seien Helden - und auch die politisch Verantwortlichen in Stadt und Bund, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, hätten sich professionell und vorbildlich verhalten: „In dieser schwierigen Situation haben alle zusammengehalten. Bewahren wir das“, lautet Deutschs Appell.