Interview

„Auf die gründliche Untersuchung wird in der Politik momentan vergessen!"

Sei es die Gratis-Impfaktion für Wien, Antigen-Tests bei Coronaverdachtsfällen oder die massiven Umsatzeinbußen während des ersten Lockdowns:  Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung kommen momentan nicht zur Ruhe. medinlive hat Johannes Steinhart, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, zu diesen Themen befragt.

red

medinlive: Im niedergelassene Bereich ist momentan eine große Unsicherheit spürbar, wie man mit der aktuellen Pandemiesituation umgehen soll. Was ist Ihr Zugang, was empfehlen Sie den Kolleginnen und Kollegen?

Johannes Steinhart: Zunächst möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen, die seit Beginn der Pandemie vor acht Monaten an vorderster Front zum Funktionieren des Gesundheitsbereichs unter persönlichem Gesundheitsrisiko und auch mit finanziellen Einbußen beigetragen haben, meinen Dank aussprechen. Nur durch ihren Einsatz ist unser Gesundheitssystem nicht zusammengebrochen und wir sind vor italienischen Verhältnissen während des ersten Lockdown verschont geblieben. Jetzt stehen wir gerade mitten in der zweiten Welle und ich verstehe die Ängste vieler Kolleginnen und Kollegen. Im Gegensatz zur ersten Welle sind wir jetzt aber zumindest in punkto Schutzausrüstung besser gerüstet. Diesbezüglich sollte es keine Engpässe geben.

Die existenziellen Ängste von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sind aber indes nicht kleiner geworden. Anders als andere schwer betroffene Berufsgruppen konnten und können niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ihre Ordinationen aber nicht schließen, sondern müssen zur gesetzlich geregelten Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems offenhalten. Sie müssen ihr Personal weiterbezahlen und die Ordinationsinfrastruktur weiterlaufen lassen – das aber bei drastisch zurückgegangenem Patientenaufkommen.

Durch das Ausbleiben von Patientinnen und Patienten, die auf Grund der Empfehlungen der Bundesregierung Ordinationen nur in Notfällen aufsuchten, kam es zum Teil zu existenzbedrohenden Umsatzeinbußen im niedergelassenen Bereich. Während des ersten Lockdown ging das Patientenaufkommen bei manchen Fachgruppen um bis zu 90 Prozent zurück. Diese Angst haben jetzt viele Kolleginnen und Kollegen berechtigterweise wieder.

Die Ungerechtigkeit des Systems liegt nämlich leider darin, dass für alle anderen Berufsgruppen Auffangnetze geschaffen wurden, nur für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte bisher nicht. Wir sind mittlerweile seit Monaten in intensiven Gesprächen mit der Sozialversicherung und dem Gesundheitsministerium, damit diese Ungerechtigkeit beseitigt wird und auch die Ärztinnen und Ärzte, entsprechend und gerecht für ihre finanziellen Ausfälle entschädigt werden.

medinlive: Die heuer implementierte Gratisimpfaktion in Wien ist für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte dem Vernehmen nach oftmals ein Ärgernis. Sie beklagen zu wenig Impfstoffdosen in den Praxen und einen ausufernden bürokratischen Aufwand ohne zufriedenstellende Lösungen. Woran liegt das? Was könnte man bei der nächsten Impfaktion adaptieren und verbessern?

Steinhart: Das Positive an der Aktion der Stadt Wien ist, dass die Influenza-Durchimpfungsrate in diesem Winter deutlich von ursprünglich etwa acht Prozent auf über 20 Prozent gesteigert wird. Es ist davon auszugehen, dass die über 400.000 Impfdosen, die in Wien in Summe zur Verfügung stehen, tatsächlich verimpft werden.

Der Wermutstropfen der Aktion ist aber, dass auf Grund der intransparenten Planung der zuständigen MA15 viele Patientinnen und Patienten, die sonst jedes Jahr von ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt die Influenza-Impfung bekommen haben, heuer womöglich leer ausgehen. Das liegt leider daran, dass von der MA15 viel zu wenig Impfstoffen für den niedergelassenen Bereich eingeplant wurden, sich aber gleichzeitig viele Ärztinnen und Ärzte auf das medial groß verkündete Versprechen der MA15 verlassen hatten, dass sie ihre eigenen vorbestellten Impfstoffe zurückgeben können, weil sie alle benötigten Impfstoffe über die Gratis-Aktion der Stadt Wien beziehen können. Dem ist nun aber leider nicht so.

Etwa drei Viertel der Impfdosen wurden von der MA15 für die Impfeinrichtungen der Stadt Wien reserviert. Nach derzeitigem Stand bekommen Kassenärzte von der MA15 nur 100 Impfdosen, Wahlärzte nur 50. Was man besser machen könnte? Die Stadt Wien sollte uns bei derartigen künftigen Aktionen die Planung überlassen, was diesmal leider nicht geschehen ist. Denn wir wissen sehr wohl, wie viele Impfstoffe unsere Ärztinnen und Ärzte benötigen und wo die Fallstricke liegen.

medinlive: Stichwort Corona: Antigentests, die bei den Hausärzten durchgeführt werden sollen, haben kürzlich für Aufregung gesorgt. Was halten Sie von der Idee?

Steinhart: Grundsätzlich sollte bei einem Covid-19-Verdachtsfall natürlich der Vertrauensarzt, also der persönliche Hausarzt, erster Ansprechpartner sein. Wichtig ist aber unbedingt die vorherige telefonische Kontaktaufnahme durch die Patientin oder den Patienten. Der Vertrauensarzt kennt seine Patienten am besten und kann gut einschätzen, ob es sich potentiell um eine Infektion mit Covid-19, einen grippalen Infekt oder eine andere Krankheit mit ähnlichen Symptomen handeln kann. Dadurch können Testkapazitäten freigehalten und auch die Hotline 1450 entlastet werden.

Wichtig ist, dass diese Corona-Tests nur auf freiwilliger Basis stattfinden, denn es wird aus den gebotenen Hygiene-und Sicherheitsvorschriften nicht in jeder Ordination möglich sein. Das geht vielleicht im ländlichen Bereich leichter, wenn die Ordination in einem Einfamilienhaus mit Garten liegt, wo CoV-Tests etwa im Freien abgenommen werden können. Im städtischen Bereich ist es bei engen Stiegenhäusern und kleineren Ordinationsräumlichkeiten unter Umständen aus logistischen Gründen gar nicht möglich.

medinlive: Es ist eine Debatte darüber entbrannt, warum die Ärztinnen und Ärzte zu spät von dieser Aktion erfahren haben. Wie haben Sie das Prozedere erlebt, wie sehr war die Kammer in Verhandlungen eingebunden und konnte mitverhandeln?

Steinhart: Wir waren in die Vorbereitungen nicht eingebunden und es fanden diesbezüglich keine echten Verhandlungen statt. Wir wurden von diesem unüberlegten Alleingang des Gesundheitsministers genauso überrascht wie auch die Sozialversicherung, mit der offensichtlich auch keine Gespräche im Vorfeld stattgefunden hatten. So wurden auch die Tarife ohne Rücksprache vom Gesundheitsminister einseitig bestimmt. Die Sozialversicherung musste erst im Nachhinein die entsprechenden Positionsnummern festlegen. Dieses Vorgehen des Gesundheitsministers ist äußerst unprofessionell und wie so vieles derzeit nur auf rasche Medienwirksamkeit ausgerichtet.

Wir leben in einer Zeit der unüberlegten Ankündigungspolitik, in der im Nachhinein dieses unausgegorene politische Stückwerk zurechtgebogen und repariert wird. Als Ärzte haben wir einen anderen Zugang zu jeder Art von Verantwortung. Wir müssen unsere Patientinnen und Patienten zuerst gründlich untersuchen, dann eine Therapie planen und diese gemeinsam mit ihnen begleiten. In der Politik wird derzeit auf die gründliche Untersuchung und Planung leider vergessen.

medinlive: Laut Verordnung soll bei den Testungen darauf geachtet werden, dass eigens festgelegte Testzeiträume und eine räumliche Trennung dafür eingerichtet werden sollen. Vor allem in den Städten und hier besonders Wien wird es dafür ein gutes Konzept für die teilnehmenden Ordinationen brauchen. Wie ist hier der Plan?

Steinhart: Wie ich schon erwähnt habe, stehen wir den CoV-Testungen im niedergelassenen Bereich auf freiwilliger Basis grundsätzlich positiv gegenüber. Jedoch wird es in vielen Ordinationen, vor allem im städtischen Bereich auf Grund nicht ausreichender räumlicher Kapazitäten, nicht möglich sein, diese durchzuführen. Um aber die Testkapazitäten in die Höhe zu fahren, sind wir gerade in Wien dabei ein neues Konzept zu etablieren, das für andere Ballungszentren, wie Graz oder Linz, durchaus kopierbar wäre. Ende dieser Woche wird gemeinsam mit der Gemeinde Wien die erste Checkbox eröffnet. Schrittweise sollen so bis zu 30 Container in der Stadt in Betrieb gehen.

Dort sollen jene Patientinnen und Patienten getestet werden, bei denen ein Covid-Verdacht besteht und die bereits entsprechende Symptome haben. Erst bei negativem Ergebnis soll dann die Hausärztin, der Hausarzt kontaktiert werden. Die gesamte dafür nötige Infrastruktur liefert die Stadt Wien, das nötige ärztliche Personal wird vom Ärztefunkdienst der Kurie Niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien zur Verfügung gestellt.

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Johannes Steinhart
Johannes Steinhart steht CoV-Testungen im niedergelassenen Bereich auf freiwilliger Basis grundsätzlich positiv gegenüber. Was ihm dabei Sorgen bereitet, ist der städtische Bereich, Stichwort Infektionsgefahr.
Stefan Seelig