Männergesundheit

Aktenzeichen XY, ungelöst

Der November steht traditionell im Zeichen der Männergesundheit, Stichwort Movember-Moustache. Hauptsächlich geht es dabei darum, unpopuläre Themen wie Prostataerkrankungen und Vorsorgeuntersuchungen ins Rampenlicht zu rücken. Aber ganz grundsätzlich gibt es in Sachen Gesundheit einiges an Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, oftmals zum Nachteil der Männer und vieles davon noch immer durchaus rätselhaft.

red

Gesundheitsrisiken und Gesundheitsverhalten: Darin unterscheiden sich Männer und Frauen laut Österreichischem Gesundheitsbericht ganz enorm voneinander.

Frauen und Männer erkranken an bestimmten Erkrankungen unterschiedlich häufig oder einfach anders. Sie nutzen das Gesundheitssystem anders. Und sie sind vor allem was psychische Erkrankungen angeht, ganz unterschiedlich gepolt. Suizide sind ein eindeutig männlich besetzes Thema, während Depressionen öfters bei Frauen diagnostiziert werden:7,5 Prozent sind dabei weiblich und 3,9 Prozent männlich. Bei Selbsttötungen klafft die Schere sogar noch weiter auseinander, mit 25,5 männlichen Suiziden je 100.000 Einwohnern und 7,1 weiblichen Selbsttötungen je 100.000 Einwohnern. Aber der Reihe nach.

Frauen: Älter, aber kränker

Mit durchschnittlich 83,7 Lebensjahren weisen Österreichs Frauen dabei eine um rund fünf Jahre längere Lebenserwartung auf als Österreichs Männer. Allerdings verbringen Frauen dieses Plus an Jahren großteils in mittelmäßiger oder gar schlechter Gesundheit (17,1 vs. 13,0 Lebensjahre).

Männer nutzen im Laufe ihres Lebens das Gesundheitssystem dabei ganz anders als Frauen. Sie gehen dabei seltener zum Hausarzt  bzw. zur Hausärztin (74 Prozent vs. 79 Prozent ) und deutlich weniger zu niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten als Frauen (63 vs. 85 Prozent).

Gesundheitsindikatoren, in denen sich Männer und Frauen deutlich unterscheiden, sind zum Beispiel Myokardinfarkte (Männer: 336, Frauen: 148 pro 100.000 Einwohner) sowie Übergewicht oder Adipositas (Männer: 55 Prozent, Frauen: 39 Prozent). Auch beim  Alkoholkonsum liegen Männer vorne: 10 Prozent trinken fast täglich Bier und Co., während Frauen hier nur bei drei Prozent liegen.

Bei Lifestylefaktoren wie Bewegung und Ernährung lassen Frauen vor allem rund um das Thema gesundes Essen Männer weit hinter sich. 44 Prozent der Frauen essen nämlich täglich Obst und Gemüse, während das nur 26 Prozent der Männer tun. Weniger weit auseinander sind Männer und Frauen bei der täglichen Bewegung: 29 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen haben diese in ihrem Alltag, zumindest moderat, fix eingeplant.

Stichwort Gesundheitssystem: Während die Männer also seltener Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung aufsuchen, liegen sie in einem anderen Bereich deutlich vorne: Dem akutstationären Bereich nämlich. So werden sie etwa deutlich häufiger aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (2.900 Patienten vs. 2.100 Patientinnen pro 100.000 EW, altersstandardisiert), Verletzungen und Vergiftungen (2.700 vs. 2.100), Krankheiten des Verdauungssystems (2.500 vs. 2.100) und Atemwegserkrankungen (1.700 vs. 1.200) versorgt als Österreichs Frauen.

Diese Zahlen zeigen schon, dass Gesundheit und Krankheit bei mann und Frau eklatant ungleich auftreten bzw. behandelt werden. Männer und Frauen suchen auch schlicht in unterschiedlichem Ausmaß und an unterschiedlichen Orten Hilfe, wenn gesundheitliche Probleme auftauchen. „Gesundheit und Krankheit variieren natürlich auch innerhalb von Geschlechtergruppen, junge Männer sind etwa gesünder als alte Männer, Männer mit hohem Einkommen leben deutlich länger als Männer mit niedrigem Einkommen..die Effekte verhalten sich wiederum unterschiedlich im Fall von Frauen. Unabhängig davon ist dennoch deutlich sichtbar, welch relevanten Einfluss das Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit hat.“ so der Gender-Gesundheitsbericht.

Männer mit deutlich erhöhtem Suizidrisiko

Vor allem das Thema psychische Gesundheit zeigt noch einmal recht präzise, dass es eine große Genderkluft gibt. Acht Prozent der österreichischen Bevölkerung (rund 550.000 Personen) haben dabei eine ärztlich diagnostizierte Depression oder geben von sich selbst an, depressiv zu sein. Dies trifft auf Frauen viel häufiger zu als auf Männer (9,5 Prozent vs. 5,7 Prozent). Der Unterschied bei diagnostizierten Depressionen ist dabei höher als bei selbsteingeschätzten Depressionen.

Schätzungen zufolge verursachen Depressionen mit 92 Mio. Euro rund ein Drittel aller Gesamtkosten psychischer Erkrankungen. Depressionserkrankungen sind damit laut dem Depressionsbericht aus 2018 die teuerste psychische und neurologische Erkrankung in Europa.

Wiewohl Depressionen bei Männern nicht so häufig diagnostiziert werden wie bei Frauen, sterben sie trotzdem viel öfter durch eigene Hand. Laut Suizidbericht 2016 starben im Jahr 2015 in Österreich 1.249 Personen durch Suizid, davon waren 960 Männer und 289 Frauen. Die Suizidrate liegt bei Männern bei 22,7 Suizide pro 100.000 Einwohnern und bei Frauen bei 6,6 Fällen pro 100.000 Einwohnern.Europaweit liegt die Suizidrate bei Männern drei- bis zehnmal so hoch als die der Frauen, was auch die stark verkürzte Lebenserwartung miterklären dürfte, die eine Spanne von fünf bis 15 Jahren umfasst.

Laut Gender-Gesundheitsbericht sind „negative Befindlichkeiten und Krankheiten sowie klassische Symptome der Depression wie Gedrücktheit, Anhedonie, Antriebsver-lust und deren metaphorische Überfrachtung wie Schwäche oder Hilfsbedürftigkeit werden eher Frauen zugeordnet und gelten dementsprechend als unmännlich. Aggressivität, Ärger und Feindseligkeit werden als sozial akzeptierte Kodierung männlicher Emotionalität gesehen und nicht mit Depressionssymptomen assoziiert. Diese unterschiedlichen Zuordnungen sind dabei für eine deutliche Unterdiagnose bei Männern und für eine Überdiagnose bei Frauen verantwortlich.“

Experten betonen, dass jeder Suizid bzw. Suizidversuch auf eine Vielzahl von Ursachen zurückzuführen ist. Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen: Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken findet man unter www.suizid-praevention.gv.at.

Telefonische Hilfe im Krisenfall gibt es auch bei
● Telefonseelsorge 142, täglich, von 0 bis 24 Uhr.
● Kriseninterventionszentrum 01/406 95 95 (Montag bis Freitag, 10-17 Uhr);
auch persönliche und E-Mail-Beratung: www.kriseninterventionszentrum.at.
● Sozialpsychiatrischer Notdienst / PSD täglich, 0 bis 24 Uhr, Tel.: 01/31330
Angehörige finden Informationen und Materialien unter www.suizidpraevention.at

Ein anonymes Hilfsprogramm für Mediziner wurde kürzlich vom staatlichen britischen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) lanciert. Bei dem „Practitioner Health Programme“ können sich Ärztinnen und Ärzte mit ihren psychischen Problemen, Ängsten oder Depressionen vertraulich an Spezialisten wenden, um dort fachärztliche Hilfe zu erhalten.

Österreichischer Gesundheitsbericht

Gender-Gesundheitsbericht

 

Maske
Männer sind gerade beim Thema psychische Gesundheit zurückhaltender als Frauen, wenn es um Hilfsangebote geht.
John Noonan_Unsplash