Coronakrise

Zurück zum sanften Lockdown

Österreich setzt nach dem harten Corona-Lockdown kommenden Montag erste Lockerungsschritte. Schulen und Kindergärten nehmen wieder den Regelbetrieb auf, der Handel und die Friseure dürfen wieder aufsperren. Der Lockdown ist damit aber noch lange nicht zu Ende: die Gastronomie, Hotellerie und der Kulturbetrieb - außer Museen - bleiben einen weiteren Monat geschlossen. Sie dürfen erst ab 7. Jänner wieder öffnen. Bis 6. Jänner gelten auch nächtliche Ausgangsbeschränkungen.

red/Agenturen

Die Oberstufen und die Unis bleiben ebenfalls weiter im Distance Learning. Der Regelbetrieb wird nur in Kindergärten, Volksschulen, für die Unterstufe und für Maturaklassen wieder aufgenommen. Kinder ab zehn Jahren müssen dabei in der Klasse Masken tragen. Die Ausgangsbeschränkungen gelten ab Montag, 7. Dezember wieder von 20.00 bis 6.00 Uhr. Ausnahmen gibt es für die Weihnachtsfeiertage und Silvester, da dürfen sich zehn Personen treffen und die Ausgangsbeschränkungen sind aufgehoben, gab die Regierung am Mittwoch bekannt.

Ab Montag dürfen in Österreich auch Museen und Bibliotheken wieder öffnen. Kulturveranstaltungen bleiben aber weiterhin untersagt, auch Kinos bleiben zu. Der Indoor-Sport ist weiter nicht erlaubt, Fitnessstudios dürfen nicht betreten werden. Ab 24. Dezember wird Einzel-Outdoor-Sport wie Skifahren oder Eislaufen erlaubt und die Zoos dürfen outdoor ebenfalls wieder öffnen.

Ab Mitte Dezember neue Einreisebeschränkungen

Die Lockerungen gelten ab 7. Dezember. Ab da dürfen sich zwei Haushalte - je bis zu sechs Erwachsene und sechs Kinder- treffen, mit den Ausnahmen zu den Weihnachtsfeiertagen und Silvester, wo bis zu zehn Personen erlaubt sind. Der Handel darf ebenso wie Dienstleistungen - auch die körpernahen wie Friseure oder Masseure - ab Montag wieder aufsperren. Es gilt die Beschränkung eines Kunden pro zehn Quadratmeter und die Maskenpflicht. Bei körpernahen Dienstleistungen dürfen keine Speisen und Getränke an Kunden verabreicht werden.

Spätestens ab Mitte Dezember gibt es Einschränkungen für Einreisende, die aus Staaten mit einer 14-Tages-Inzidenz von mehr als 100 (pro 100.000 Einwohner) nach Österreich kommen. Sie müssen zehn Tage in Quarantäne und können sich nach fünf Tagen freitesten. Die Quarantäne-Pflicht gilt nur für die Einreisenden, nicht für deren Familienmitglieder, auch wenn sie im gleichen Haushalt wohnen.

Gastronomiebetriebe und Hotels müssen bis 6. Jänner geschlossen bleiben. Weihnachtsmärkte sind ebenfalls nicht erlaubt, ebenso bedeuten die neuen Regelungen das Aus für Punschstände. Es dürfen keine offenen alkoholischen Getränke per Abholung verkauft werden. Zur Unterstützung der geschlossenen Betriebe werden die Hilfsmaßnahmen der Regierung verlängert. Der Umsatzersatz wird sich allerdings nicht wie bisher auf 80 Prozent, sondern auf 50 Prozent belaufen, teilte Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) mit. Die Kosten bezifferte er mit rund einer Milliarde Euro.

Harter Lockdown effizient

Für alle anderen Bereiche gilt, was bisher gegolten hat: Maskenpflicht in allen öffentlichen Verkehrsmitteln, keine Hochzeitsfeiern, Begräbnisse mit höchstens 50 Personen und Sicherheitsvorkehrungen in Kirchen.

Der harte Lockdown, der seit rund zwei Wochen gilt, habe Wirkung gezeigt, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Die Überforderung der intensivmedizinischen Kapazitäten sei abgewendet worden. Die Infektionszahlen seien aber noch immer auf so hohem Niveau, dass nur „behutsame Öffnungsschritte“ möglich seien. „Die Pandemie ist nicht vorbei“, konstatierte der Bundeskanzler. Er rechnet auch damit, dass die Ansteckungszahlen rund um Weihnachten und Silvester wieder steigen werden.

„Perspektivisch werden wir im Sommer zur Normalität zurückkommen, aber bis dahin sind es noch sechs Monate“, warnte Kurz. „Die Öffnungsschritte gehen nur mit Einschränkungen und Tests.“ Das bevorstehende Weihnachtsfest werde anders sein als man es gewohnt sei, „aber es soll würdevoll sein“, so Kurz. Der Regierungschef appellierte an die Bevölkerung, die sozialen Kontakte weiter auf ein Minimum reduziert zu lassen.

Experte hält sanften Lockdown für sinnvoll

„Wir gehen quasi vom harten auf mehr oder weniger den soften Lockdown zurück.“ So beurteilte auch der Komplexitätsforscher Peter Klimek das Maßnahmenbündel zur Lockerung. Das mache Sinn, denn mit dem „Maßnahmen-Setup“ von 3. November wurde die Covid-19-Entwicklung eingebremst, wie sich nun rückblickend zeige. Auch der Simulationsforscher Niki Popper erwartet unter diesen Bedingungen Rückgänge bis Ende des Jahres.

Aufgrund der jetzt gegenüber Ende Oktober günstigeren Gesamtsituation sei es „realistisch, davon auszugehen, dass wir bis Weihnachten keine stärkeren Zuwächse haben werden“, sagte Klimek zur APA. In der aktuellen Lage mache es Sinn, „mit diesen Öffnungsschritten vorzugehen“, so der Forscher vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien. Da immer noch viele Menschen auf den Intensivstationen liegen und es weiter relativ viele Neuansteckungen gibt, sei es insgesamt „keine Selbstverständlichkeit, jetzt irgendetwas zu öffnen“.

Bis Mitte Dezember wirke auch noch der harte Lockdown nach, sagte Popper. Die Massentests helfen einerseits punktuell Infizierte aus den Ausbreitungsnetzen zu holen, kurzfristig werden aber andererseits dadurch deutlich mehr Fälle registriert. Da wird es wichtig sein, zwischen Ursache und Wirkung zu unterschieden. Es sei aber davon auszugehen, dass wir „zu Weihnachten niedrige Zahlen haben werden. Entscheidend ist, wie es dann weitergeht“.

Bündel könnte „relativ gut wirken“

Die Wirkung der nun angekündigten Öffnungsschritte zeige sich erst frühestens kurz vor den Feiertagen und vor allem danach. Da aber viele Maßnahmen zur Kontaktreduktion aufrecht bleiben, dürfte dieses Bündel „relativ gut wirken“. „Entscheidend wird aber sein, wie wir dann Mitte Jänner dastehen“, denn dann sehe man wie sich die Weihnachtsfeiertage unter den heute kommunizierten Bedingungen tatsächlich auswirken, betonte der Forscher von der TU Wien im APA-Gespräch.

Dass, wie von der Regierung verlautbart, an den Feiertagen bis zu zehn Personen aus verschiedensten Haushalten zusammenkommen dürfen, überraschte Gerald Gartlehner, Experte für Evidenzbasierte Medizin von der Donau-Universität Krems, ein Stück weit: „Das erscheint mir fast etwas zu großzügig.“ Führe man sich die jetzige Situation vor Augen, könnten hier durchaus wieder vermehrt Cluster entstehen, so seine erste Einschätzung.

Wie die Regulierungen im Handel gestaltet werden, um Massenansammlungen in Einkaufszentren zu vermeiden, werde sich noch weisen. Man müsse Bilder, wie vor wenigen Wochen jedenfalls vermeiden. „Es wäre absurd, wenn wir drei Wochen im Lockdown sind, und dann haben wir wieder so etwas“, sagte Gartlehner, der sich gegenüber der APA erfreut zeigte, dass die Schulen großteils wieder offen sind.

Insgesamt habe die Bundesregierung eine „Güterabwägung“ anstellen müssen, bei der Theater und andere Kultureinrichtungen gegenüber den Geschäften offenbar den Kürzeren gezogen haben. Rein epidemiologisch begründbar sei das nicht, „das ist wahrscheinlich eine reine politische Entscheidung“, so Gartlehner: „Dass nicht alles geöffnet werden kann, war aber klar. Das wäre auch das falsche Signal gewesen.“

 

 

 

Sebastian Kurz Bundeskanzler
Bundeskanzler Sebastian Kurz spricht von „behutsamen Öffnungen", mehr sei momentan nicht möglich.
BKA / Dragan Tatic