Coronavirus

Ein Jahr Covid-19 - wie das Virus Wien veränderte

Vor gut einem Jahr hat das Coronavirus in Wien Einzug gehalten. Die Pandemie hat zwar tiefe Spuren hinterlassen, aber die Stadt ist bis dato gut durch die Krise gekommen. Das Gesundheitssystem war zwar durchaus gefordert, es kam aber zu keiner Überlastung der Spitäler - und bis auf eine Ausnahme entwickelten sich die großen Cluster abseits der Millionenmetropole. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind allerdings massiv und werden noch lange zu spüren sein.

red/Agenturen
„Uns ist klar, dass wir starke arbeitsmarktpolitische Initiativen setzen müssen. AMS-Wien-Chefin Petra Draxl

Der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Wien wurde am 27. Februar 2020 publik. Dabei handelte es sich um einen damals 72 Jahre alten Anwalt, der bereits seit mehreren Tagen mit klassischen Grippe-Symptomen in der Klinik Landstraße (früher: Rudolfstiftung) lag. Ein routinemäßiger Covid-19-Test brachte die Infektion schließlich ans Tageslicht.

Mittlerweile haben sich in der Bundeshauptstadt 87.332 Personen mit dem Coronavirus infiziert, 1.626 Menschen sind verstorben (Stand: Mittwoch). Zuletzt wurden im Schnitt 299 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden vermeldet. Zur Einordnung: Im November gab es im Schnitt täglich 921 neue Fälle. Der absolute Höchststand ist am 11. November 2020 mit 2.151 eingemeldeten positiven Befunden dokumentiert. Die meisten Ansteckungen in Wien erfolgen nach wie vor in Familien bzw. unter Personen, die in gleichen Haushalten leben, bei privaten Treffen und am Arbeitsplatz.

Aktuell befinden sich rund 360 Covid-Patientinnen und -Patienten in den Spitälern, davon benötigen rund 90 ein Intensivbett. In der bisher dramatischsten Phase der Pandemie waren 756 Betten, davon 157 Intensivbetten belegt (17. November 2020). Das Wiener Gesundheitssystem war zwar gefordert, kollabierte aber nicht. Die Versorgung war zu jeder Zeit gesichert, es musste nicht triagiert werden.

Zwei Post-Cluster sorgten für Aufsehen

Zu vermehrter Clusterbildung kam es bis dato in Wien nicht - was die Stadt auf ihre offensive Teststrategie zurückführt. Einzig im Mai sorgte der sogenannte Wien-Niederösterreich-Cluster für größeres Aufsehen. Im Zentrum standen dabei zwei Post-Standorte, das Postzentrum in Wien-Inzersdorf und das Logistikzentrum im niederösterreichischen Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg), an denen Dutzende Beschäftigte erkrankt waren. Schließlich musste gar das Bundesheer ausrücken, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie waren anfangs - wie so vieles - nicht abschätzbar. Ein Jahr nach dem Ausbruch sind sie da und massiv zu spüren. Seit dem Höhepunkt im April mit 178.725 Arbeitslosen sinken die Zahlen zwar, sie sind aber immer noch sehr hoch: Mit Anfang Februar waren 154.688 Menschen auf Arbeitssuche. Das ist um mehr als ein Viertel mehr als im Februar des Vorjahres.

Außerdem befinden sich aktuell, in der Phase des soften Lockdowns, 100.000 Wienerinnen und Wiener in Kurzarbeit. Zum Höhepunkt Mitte Mai 2020 waren es 275.000 Personen. Einige Bereiche wurden dabei von der Pandemie besonders schwer getroffen: der Tourismus, die Gastronomie und das Veranstaltungswesen, sowie Kunst und Kultur. Diese Branchen werden noch länger unter der Situation leiden, prognostizierte das AMS.

Pandemie für Weiterbildungen nützen

AMS-Wien-Chefin Petra Draxl sieht für das heurige Jahr sowohl Herausforderungen als auch Chancen: „Uns ist klar, dass wir starke arbeitsmarktpolitische Initiativen setzen müssen. Das können wir auch mit der Corona Job- und Weiterbildungsoffensive der Bundesregierung. Auf der anderen Seite gibt es bei Präsenzschulungen sehr restriktive Bedingungen durch Corona. Das heißt, die Menschen zu motivieren, eine Schulung oder Weiterbildung zu machen, um die Zeit der Krise gut zu nützen, ist eine Herausforderung für uns. Chancen sehe ich in der Digitalisierung, in der Ökologie. Diese Tendenzen und Richtungen müssen für die Wirtschaft und Menschen angepasst und genützt werden.“

Auch in den Sozialeinrichtungen in der Stadt ist die größer gewordene Not der Menschen sichtbar. Vor Suppenküchen bilden sich lange Warteschlagen, immer mehr Wienerinnen und Wiener sind auf Sozialmärkte angewiesen, die Schuldnerberatung hat eine Flut neuer Kundinnen und Kunden.

„Je länger die Krise dauert, desto größer wird der Druck, der auf den Menschen lastet. Die Gesundheitskrise ist nicht nur eine medizinische Krise, sie ist auch eine wirtschaftliche und soziale Krise geworden, wir erleben aber auch eine psychosoziale und Bildungskrise. Jobverlust und Kurzarbeit setzen rund eine Million Menschen in Österreich zu. Allein in Wien haben sich in Spitzenzeiten doppelt so viele Menschen in Not an unsere Sozialberatungsstelle gewandt, auch in anderen Bundesländern ist die Situation sehr fordernd“, berichtete Klaus Schwertner, der geschäftsführende Direktor der Caritas der Erzdiözese Wien, der APA.

Eltern, die nicht mehr ausreichend für die Kinder sorgen konnten, Menschen, die die Miete nicht mehr zahlen können: Hilfe suchen laut Schwertner vor allem Selbstständige, Menschen in der Veranstaltungsbranche oder im Gastronomiebereich, aber auch Kulturschaffende, Alleinerziehende und Familien mit Kindern. Die überwiegende Mehrheit von ihnen hatte zuvor ein Einkommen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten - durch die Corona-Krise verloren sie ihre Existenzgrundlage.

Kosten der Krise noch unklar

Wie viel die Krise kosten wird, ist noch nicht bezifferbar. Was aber schon jetzt fix ist, ist das tiefe Budgetloch, das deswegen aufgerissen wurde. Eigentlich waren für das Vorjahr wie auch für das heurige Jahr jeweils ein Nulldefizit bzw. sogar Schuldenrückzahlungen geplant gewesen. 2020 musste ein Minus von 1,3 Milliarden Euro hingenommen werden, für heuer ist ein Defizit von 1,9 Milliarden Euro veranschlagt. „Die Kosten der Pandemie sind hoch, Nichthandeln wäre aber wesentlich teurer“, sagte Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ) kurz vor Jahreswechsel bei der Präsentation des Budgets für 2021.

Bis dato gab es rund 50 Corona-Maßnahmen und vier Hilfspakete in der Stadt, die sich insgesamt auf rund 500 Millionen Euro summieren. Zu den prominentesten Aktionen zählten die Gastro- und Taxigutscheine oder die Beteiligungsgesellschaft „Stolz auf Wien“, die sich an Unternehmen beteiligt, die in der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten sind. So stieg die Stadt beispielsweise beim Restaurant Vestibül, beim Schmuckhersteller Frey Wille und bei Adamol Motorenöle ein.

Gefordert war im vergangenen Jahr auch die Politik. Diese schaltete am Anfang der Pandemie auf Krisenmodus - dabei zogen Bund und Wien zunächst demonstrativ an einem Strang. Das Verhältnis wurde aber immer konfliktbeladener, was wohl auch der Gemeinderats- und Landtagswahl im Herbst geschuldet war. Nachdem die ÖVP laufend das Krisenmanagement der SPÖ-geführten Landesregierung kritisiert hatte, machte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) Anfang Dezember die Regierung für die hohen Infektionszahlen am Land verantwortlich. Wohl im Sinne des Krisenmanagements schlossen die Verantwortlichen aber dann einen Burgfrieden. Dies führte sogar dazu, dass sich Ludwig und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Zuge der Massentests im Dezember gemeinsam und medienwirksam testen ließen.

Massive Testoffensive in der Hauptstadt

Nicht nur die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen hielten bzw. halten Wien in Atem, sondern auch Zahl der Neuinfektionen, die es in Griff zu behalten gilt. Dabei wird neben dem sukzessiven und massiven Ausbau der Testinfrakstruktur auch auf durchaus innovative Methoden gesetzt. Mittlerweile bringen etwa Fahrradkuriere die Testkits vor die Haustür, zusätzlich wird stetig an neuen Testmethoden geforscht. Bereits im Standard- Einsatz ist der Gurgeltest, eine angenehmere Alternative zum herkömmlichen Rachenabstrich. Außerdem kann er auch von weniger geschultem Personal durchgeführt werden. Derzeit wird an einem Lutscher-Test für Kleinkinder gearbeitet.

Viel Arbeit macht auch die Corona-Impfplanung. Diese muss teilweise stündlich angepasst werden, da sich die Mengen an fix zugesagten Liefermengen der Wirkstoffe stets ändern. Hier liegt aus Sicht der Stadt auch die aktuell größte Herausforderung. „Wir haben zu wenig Impfstoff, um das Tempo, das wir gerne fahren würden, zu fahren. Was wir aber schon sehen, ist, dass die Impfungen in den Pflegewohnhäusern wirken. Wir haben jetzt nur noch ein Drittel der aktiven Fälle in dem Bereich also noch vor einem Monat. Das ist eine sehr gute Nachricht“, hieß es dazu aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ).

In die Impfung werden große Hoffnungen gesetzt - aber wie lange das Coronavirus tatsächlich das Leben und den Alltag in der Stadt weiter beeinflussen wird, dazu gibt es keine Prognosen. Was man weiß: Der erste Wiener Fall, der Anwalt, hat die Coronavirus-Infektion mittlerweile überstanden und ist wieder gesund.

 

Wien Österreich
Der erste bestätigte Coronavirus-Fall in Wien wurde am 27. Februar 2020 publik.
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