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Coronavirus

Notstand in Italien, Südkorea spricht von „kritischem Moment"

Fünf Todesopfer und 219 Infizierte ist die vorläufige Bilanz der Coronavirus-Epidemie in Norditalien. 167 Fälle gab es allein in der Region Lombardei und dort vor allem in der Provinz Lodi. Betroffen war auch der Piemont. Außerhalb Europas spitzt sich die Lage etwa auf der koreanischen Halbinsel zu: Die Regierung Südkoreas rief wegen des rasanten Anstiegs der Fallzahlen (derzeit 600) die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten aus.

red/Agenturen

Damit ist Italien weltweit auf Platz drei, in Europa gar auf Platz eins in der Liste der Länder mit den meisten Coronavirus-Erkrankungen aufgerückt. 55 infizierte Personen wurden ins Krankenhaus eingeliefert, 26 davon befinden sich auf der Intensivstation. 4.000 Tests wurden landesweit durchgeführt. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile auf sechs gestiegen, wovon fünf die Lombardei betreffen und ein 78-jähriger Pensionist in Venetien starb. 

Italiens Premier Giuseppe Conte warnte am Sonntag vor Panik. Er rief die Bevölkerung auf, sich an die Vorschriften der Gesundheitsbehörden zu halten. Seine Regierung plane eine Informationskampagne, um die Bürger über die mit dem Coronavirus verbundenen Risiken und über die Vorsichtsmaßnahmen aufzuklären. „Zusammen werden wir die Epidemie besiegen“, sagte Conte in einem TV-Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Rai1. Im Umgang mit dem Coronavirus-Notstand hat die Regierung den Fonds für Krisensituationen um 20 Millionen Euro aufgestockt.

Mit drastischen Maßnahmen wie Sperrzonen will Italien nun die rasante Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 stoppen. Mehrere Gemeinden in Norditalien wurden abgeriegelt, damit das Virus nicht auf die Wirtschaftsmetropole Mailand, das Touristenzentrum Venedig und andere Regionen übergreift. Der Karneval in Venedig werde genauso wie alle Sportveranstaltungen abgesagt.

Museen und Schulen sollen in der gesamten Region Venetien bis zum 1. März geschlossen bleiben, kündigte Regionalpräsident Luca Zaia am Sonntag an. Der Karneval hätte eigentlich noch bis Dienstag laufen sollen.

Abriegelung der am stärksten betroffenen Städte

Die Zahl der Infizierten war in Italien über das Wochenende überraschend stark angestiegen. Bis Sonntagnachmittag waren es bereits mehr als 130 Fälle, wie Zivilschutzchef Angelo Borrelli erklärte. Am stärksten war die wirtschaftsstarke Region Lombardei betroffen, wo rund 90 Fälle gemeldet wurden. Es folgte Venetien, wo es rund 25 Infizierte waren. Darunter gab es auch zwei Fälle in der Stadt Venedig, sagte Zaia. Auch im Piemont, in der Emilia-Romagna und in Rom hatten sich Menschen angesteckt. Montag vormittag liegt die Zahl der Todesopfer bei vier Menschen, 26 Personen waren laut Zivilschutz auf der Intensivstation.

Die Regierung kündigte scharfe Maßnahmen an, um eine Verbreitung in den wirtschaftsstarken Regionen aufzuhalten. Die am stärksten betroffenen Städte wurden abgeriegelt: Niemand durfte rein oder raus. Betroffen ist die Provinz Lodi in der Lombardei rund 60 Kilometer südöstlich von Mailand, wo rund 50.000 Menschen leben, sowie die Stadt Vo in der Provinz Padua in Venetien mit rund 3.000 Einwohnern. Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe strafrechtliche Verfolgung.

In vielen Städten und Gemeinden wurden Schulen, Universitäten und ein Großteil der Geschäfte geschlossen. Großveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden abgesagt. Die Mailänder Scala sagte ihre Aufführungen bis auf Weiteres ab. In Venedig, das um die Karnevalszeit massenhaft Touristen besuchen, herrschte Alarmstimmung. Die Feste sollten ab Sonntagabend auslaufen. „Es ist die schwerwiegendste Anordnung, die ein Regionalpräsident eigentlich nie machen möchte“, sagte Gouverneur Zaia.

Das Ausmaß des Ausbruchs in Italien erschreckt. Zum Vergleich: In Deutschland wurden bisher 16 Fälle gemeldet, in Frankreich zwölf. Italiens Vize-Gesundheitsminister Pierpaolo Sileri sagte dem Sender SkyTG24, er gehe von weiter steigenden Fallzahlen aus. „Es ist klar, dass wir mehr Fälle haben werden.“

Innenminister Nehammer nimmt „Entwicklung sehr ernst“

In Südtirol bereiteten sich die Behörden auf mögliche eingeschleppte Infektionen vor. Kindergärten sollten vorerst geschlossen bleiben. Ein Aussetzen der innereuropäischen Reisefreiheit im Rahmen der Schengen-Zone sei vorerst nicht vorgesehen, so Conte. Aus Italien solle „kein Lazarett“ werden.

In den Nachbarländern Österreich und Schweiz ist erhöhte Wachsamkeit angesagt. Die Entwicklung in Italien werde „sehr ernst“ genommen, es gebe aber „keinen Grund zur Panik“, betonte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). „Wir sind gut gerüstet in Österreich.“ Hierzulande gibt es nach 181 negativ getesteten Verdachtsfällen weiterhin keinen bestätigten Fall. Am Montag tagt wieder der Einsatzstab mit allen relevanten Experten im Innenministerium. Auch Frankreich bereitet sich verstärkt auf eine Ausbreitung von Sars-CoV-2 vor. Die Lage in Italien werde „aufmerksam verfolgt“, sagte Gesundheitsminister Olivier Veran.

Italien ist das Land in Europa mit den meisten Infektionen. Auch auf der koreanischen Halbinsel spitzte sich die Lage zu: Die Regierung Südkoreas rief wegen des rasanten Anstiegs der Fallzahlen im Land die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten aus. In einigen Tagen werde ein „kritischer Moment“ im Kampf gegen Covid-19 erreicht sein, sagte Präsident Moon Jae In. Die Zentralregierung wie auch die Lokalregierungen sollten nicht zögern, beispiellose Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Zahl nachgewiesener Infektionen im Land lag am Sonntag bei gut 600, mindestens fünf Menschen starben.

Noch weitgehend unklar ist die Situation im Iran. Montag waren dort 61 Infektionen erfasst. 12 Menschen starben bisher an Covid-19, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Die tatsächlichen Fallzahlen könnten aber weitaus höher liegen, wird befürchtet. Nach Angaben des Ministeriums wurden in mehreren Städten die Schulen und Universitäten vorläufig geschlossen. Auch Kinos bleiben bis auf weiteres zu, Theater- und Konzertveranstaltungen wurden abgesagt.

Chinas Staatschef sieht Lage momentan „düster und kompliziert“

In China, dem Ursprungsland von Covid-19, lag die Zahl offiziell erfasster Infektionen am Sonntag bei rund 77.000, mehr als 2.400 Menschen starben demnach an der Lungenerkrankung. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle aus. Die Epidemie sei „der größte öffentliche Gesundheitsnotstand mit der schnellsten Verbreitung, dem breitesten Ausmaß an Infektionen und der schwierigsten Vorbeugung und Kontrolle seit der Gründung des neuen Chinas“, sagte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping am Sonntag.

„Die gegenwärtige Lage der Epidemie ist düster und kompliziert, und Vorbeugung und Kontrolle stecken in der kritischsten Phase.“ Die Epidemie werde „große Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft“ haben, so Xi Jinping. Er halte diese aber für „vorübergehend und beherrschbar“, da die Grundlagen für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung China unverändert seien.

WHO-Experten warnten vor Prognosen über die Entwicklung der Epidemie, da die Zahl der Erkrankungen auch in anderen Ländern außerhalb Chinas teilweise drastisch zunahm. Viele Menschen hätten sich angesteckt, ohne dass sie nach China gereist seien oder Kontakt mit einer Person gehabt hätten, bei der das Coronavirus nachgewiesen worden sei, schrieb WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus auf Twitter.

 

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Das Coronavirus ist nach Italien nun auch in Österreich angekommen.
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