Ukraine-Konflikt

Organisationen erwarten großen Hilfsbedarf

Die Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Ärzte ohne Grenzen erwarten großen Hilfsbedarf in der Ukraine, wie sie am Donnerstag in Aussendungen mitteilten. Das Rote Kreuz weite nach der Eskalation des Konflikts in der Ukraine seine Aktivitäten aus und bereite sich intensiv auf einen größeren Hilfseinsatz vor. Seitens Ärzte ohne Grenzen forderte Laura Leyser, Österreich-Geschäftsführerin der Organisation, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung gewährleistet bleibt.

red/Agenturen

Tief besorgt zeigte sich die Caritas Österreich über den Konflikt. Die Diakonie Katastrophenhilfe startete mit ihren Projektpartnern in den Nachbarländern Polen, Ungarn und Moldau die Nothilfe für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. SOS Kinderdorf rief ebenfalls zu Spenden für die Projekte mit Kindern in der Region auf, die von den Kampfhandlungen bereits vor der Eskalation betroffen waren.

Alleine in den Gebieten von Luhansk und Donezk in der Ost-Ukraine leben laut Rotem Kreuz rund 3,5 Millionen Menschen. „Zehntausende mussten ihr Zuhause bereits verlassen und es werden laufend mehr. Eine Million Menschen hat nach der Zerstörung von zwei Pumpstationen in Donezk keine Wasserversorgung mehr“, sagte Rot-Kreuz-Generalsekretär Michael Opriesnig.

Schutz für zivile Infrastruktur

„Das Rote Kreuz fordert alle Konfliktparteien auf, die zivile Infrastruktur sowie Zivilpersonen zu schützen, wie im Völkerrecht vorgesehen. Auch in Konflikten gibt es Regeln. Auch dann muss es Zugang zu humanitärer Versorgung geben. Das Rote Kreuz bereitet sich mit all seinen Akteuren darauf vor, sein Engagement in der Krise auszuweiten“, kündigte Opriesnig an. „Wir müssen derzeit von größeren Fluchtbewegungen ausgehen und erwarten einen großen Hilfsbedarf.“

Die Lage sei derzeit unklar. Wenn möglich, sollen die vom Österreichischen Roten Kreuz und von der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA) unterstützten Hilfsprojekte zur Versorgung älterer Menschen entlang der Kontaktlinie in der Ost-Ukraine weitergehen, bestätigte Opriesnig: „Wenn es nicht gelingt, dort die tägliche Grundversorgung aufrechtzuerhalten, sind schwerwiegende humanitäre Konsequenzen zu erwarten.“

Schon bislang schlechte Versorgung

Unabhängig von den aktuellen Entwicklungen würden bereits jetzt hunderttausende Menschen in der Ost-Ukraine darum kämpfen, gesund durch den Winter zu kommen. „Entlang der Kontaktlinie schlummern Minen und Blindgänger im Boden. Immer wieder fällt der Strom aus und die Versorgung mit Lebensmitteln ist schlecht. Seit beinahe acht Jahren schwelt dieser Konflikt, der tausende Menschenleben gefordert hat. Beim Roten Kreuz sind noch 800 vermisste Personen registriert. Die Kälte, die Corona-Pandemie und die ständige Unsicherheit, wie es weitergeht, machen den Alltag für die Menschen zur Qual“, schilderte Opriesnig.

Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen, Leyser, sagte: „Angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine sind wir äußerst besorgt über die Auswirkungen der Kämpfe auf die Bevölkerung und die Gesundheitsversorgung. Der Zugang zu medizinischer Hilfe muss dringend gewährleistet bleiben.“ Die Organisation sei seit Jahren in mehreren Landesteilen der Ukraine tätig und leiste Hilfe für die Bevölkerung.

So ermöglichen die Teams der Hilfsorganisation den Einwohnerinnen und Einwohnern von Dörfern und Städten nahe der Frontlinie Zugang zu medizinischer Hilfe. Dafür arbeiten sie mit Freiwilligen in Dörfern zusammen, unterstützen Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonal in Ambulanzen und Gesundheitszentren und schulen diese zusätzlich in psychologischer Hilfe. In Luhansk betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Hilfsprogramm für HIV-Betroffene, im Nordwesten der Ukraine ein Programm gegen Tuberkulose. Ärzte ohne Grenzen setzt zudem mehrere Hilfsprogramme in den Nachbarländern, auch in Russland, um.

Leyser: „Unsere Teams vor Ort sind bereit, humanitäre Hilfe zu leisten und die Hilfe aufzustocken, auch jene in Russland. Wesentlich ist, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung gewährleistet bleibt und medizinische Einrichtungen gemäß dem Völkerrecht geschützt sind.“

Es droht humanitäre Katastrophe

„Dieser Krieg ist eine Niederlage für die Menschlichkeit! Es droht eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Ein Krieg, den die Menschen in der Ukraine nicht verursacht haben und den sich niemand im Land gewünscht hat, ist nun eingetreten. Die Menschen in der Ukraine benötigen nun dringend unsere Unterstützung. Und sie benötigen diese Hilfe rasch!“, appellierte Michael Landau, Präsident der Caritas Österreich und von Caritas Europa. Die knapp 1.000 Mitarbeiter*innen der Caritas und ihrer Partnerorganisationen in der Ukraine würden alle ein dramatisches Bild der Lage zeichnen.

Aufgrund der jüngsten Ereignisse hat die Caritas deshalb in den vergangenen Tagen bereits 300.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen aus Österreich zur Verfügung gestellt. Klar sei, dass der Hilfsbedarf weiter massiv steigen werde. „Das ist auch ein Appell an die politischen Verantwortungsträger, den Zugang zur Hilfe weiterhin sicherzustellen!“, sagte Landau.

Schon jetzt gebe es knapp 1,5 Millionen Menschen Flüchtlinge im eigenen Land. 2,9 Millionen Menschen sind laut Caritas in der Ukraine bereits jetzt auf humanitäre Hilfe angewiesen. Diese Zahl dürfte weiter steigen. „Das zweitgrößte Land Europas befindet sich im absoluten Ausnahmezustand! Wir müssen jetzt helfen“, so Landau. Die Hilfe der Caritas habe auch dank der Spenden aus Österreich mehr als 800.000 Menschen im Land erreicht. „Und das ist die gute Nachricht: Unsere Hilfe kommt an. Und sie wird gerade auch jetzt dringend gebraucht.“

Hilfe für Kriegsflüchtlinge

Die Diakonie Katastrophenhilfe startet mit ihren Projektpartnern in den Nachbarländern Polen, Ungarn und Moldau die Nothilfe für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, wie die Hilfsorganisation in einer Aussendung ankündigte. „Ein Krieg mitten in Europa versetzt uns in Schrecken. Dem Schrecken müssen wir die Solidarität mit den Menschen, deren Leben bedroht und deren Existenz durch diesen Krieg zerstört wird, entgegensetzen“, appellierte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser.

Die Diakonie unterstreiche die Bedeutung des Bekenntnisses von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) zur humanitären Tradition Österreichs und zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine auch in Österreich. „Jetzt ist es entscheidend, sich rasch auf eine geordnete Aufnahme vorzubereiten“, so Moser. Der Flüchtlingsdienst der Diakonie stehe zur Zusammenarbeit mit Bund und Ländern bereit. Die Diakonie teilte zudem den Aufruf zum Gebet für den Frieden, den der Evangelische Bischof Michael Chalupka gestartet hatte.

SOS Kinderdorf teilte auf seiner Homepage mit, dass die Familien aus dem SOS-Kinderdorf Luhansk evakuiert werden. Sie würden im SOS-Kinderdorf Browary nahe Kiew untergebracht. Das Büro in Luhansk und das angeschlossene Sozialzentrum wurden geschlossen, das Team nach Sjewjerodonezk umgesiedelt. SOS Kinderdorf ist nach eigenen Angaben seit mehr als 20 Jahren in der Ukraine tätig und rief ebenfalls zu Spenden auf.

Auch die Volkshilfe bat um Spenden: Sie ist nach eigene Angaben seit 16 Jahren in der Ukraine tätig. „Gemeinsam mit der Partnerorganisation 'Narodna Dopomoha' haben wir bisher Tausende von Menschen auf der Flucht unterstützt“, hieß es in einer Aussendung.

Einen Spendenaufruf gab es auch vom Hilfswerk: „Die Menschen haben alles zurückgelassen. Die oberste Priorität ist es jetzt, Menschenleben zu retten. Sie benötigen dringend Nahrungsmittel, Decken und Hygienemittel“, appellierte Elena Smirnova, Hilfswerk International Regionalmanagerin für Osteuropa.

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