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Coronavirus

Rekordinfektionszahlen in Europa

Die Slowakei startete die erste Phase einer geplanten Corona-Massentestung an fast der gesamten Bevölkerung. Deutschland meldete am Freitag über 11.000 Neuinfektionen – und eine technische Störung bei der Datenübertragung. Tschechien könnte auf einem Höhepunkt der Coronakrise erneut den Gesundheitsminister verlieren und Spanien vermutet eine hohe Dunkelziffer an Corona-Infektionen.

red/Agenturen

 

Slowakei: Massentest gestartet

In der Slowakei hat am Freitag die erste Phase einer geplanten Corona-Testung an fast der gesamten Bevölkerung begonnen. Bis Sonntag sollen unter der Regie des Verteidigungsministeriums alle über zehn Jahre alten Bewohner von vier besonders stark von der Pandemie betroffenen Bezirken an der polnischen Grenze einem Antigen-Schnelltest unterzogen werden. Zusätzlich gelten schon ab kommendem Samstag im ganzen Land strenge Ausgangsbeschränkungen.

Wie der populistisch-konservative Regierungschef Igor Matovic zuvor erklärt hatte, ist die Teilnahme an den Tests freiwillig. Wer aber in den Tagen nach der Testaktion keinen negativen Corona-Test vorweisen kann, muss in eine zehntägige Zwangsquarantäne. Dies hatte auch Staatspräsidentin Zuzana Caputova kritisiert: „Wenn man Sanktionen androht, lässt sich nicht von Freiwilligkeit sprechen“, erklärte sie vor Journalisten.

Die Gesundheitsbehörden meldeten am Freitag einen neuerlichen Rekord-Zuwachs an Corona-Infektionen. Innerhalb von 24 Stunden kamen 2.581 neue Fälle in dem 5,4 Millionen Einwohner zählenden EU-Land hinzu. Auch die Zahl der bestätigten Corona-Todesfälle stieg um 19 auf insgesamt 134 seit Ausbruch der Pandemie. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in der Slowakei binnen 14 Tagen bei 359,7 - den EU-Spitzenwert dazu hielt das Nachbarland Tschechien mit 1.148,5.

Tschechien: Gesundheitsminister weigert sich, zurückzutreten

Trotz der klaren Rücktrittsaufforderung durch den tschechischen Regierungschef Andrej Babis weigert sich der Gesundheitsminister Roman Prymula seinen Rücktritt einzureichen. Er werde nicht zurücktreten, weil er gegen keine Regeln verstoßen habe, sagte Prymula am Freitag laut der Nachrichtenagentur CTK auf einer Pressekonferenz in Prag. Babis hatte zuvor gedroht, den Minister zu entlassen, sollte er nicht zurücktreten.

Gemäß der tschechischen Verfassung entlässt der Staatspräsident auf Vorschlag des Regierungschefs die Minister. Präsident Milos Zeman hatte am Freitag laut Babis Zweifel an der geplanten Entlassung geäußert. Am Nachmittag war daher ein Gespräch zwischen Babis und Zeman im Präsidentenschloss Lany bei Prag geplant.

Prymula war in die Kritik geraten, weil er am Mittwochabend beim Verlassen eines Restaurants ohne Maske fotografiert worden war, obwohl die Gaststätten in Tschechien wegen der Corons-Epidemie seit eineinhalb Wochen geschlossen sein müssen. Zudem gilt eine allgemeine Maskenpflicht in Innen- und Außenräumen, es sei denn man hält einen Abstand von mindestens zwei Meter. Er habe an einem Gespräch in privaten Räumlichkeiten des Vysehrader Stifts, nicht in einem geschlossenen Restaurant teilgenommen, argumentierte Prymula. Das Stift verpachtet einen Teil seines Eigentums an ein Restaurant.

Die Zahl der Neuinfektionen wächst in Tschechien so schnell wie in kaum einem anderen europäischen Land. Am Freitag meldete das Gesundheitsministerium erneut mehr als 14.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden in dem Nachbarland, das mit 10,7 Millionen Einwohner vergleichbar mit Österreich ist. 4.777 Covid-Patienten befinden sich derzeit zur Behandlung im Krankenhaus, davon 735 auf Intensivstationen. In Tschechien gibt es rund 134.000 aktiv Infizierte.

Frankreich: Warnungen vor schwerer zweiten Welle

Angesichts eines neuen Rekords an Neuinfektionen in Frankreich hat der Chef der öffentlichen Pariser Krankenhäuser vor einer zweiten Corona-Welle gewarnt, die schlimmer werden könnte als die erste im Frühjahr. Viele seien seit einigen Monaten der Ansicht, es gebe keine echte zweite Welle - doch sei eher das Gegenteil der Fall, mahnte Martin Hirsch am Freitag im Rundfunksender RTL.

Am Donnerstag hatten die Behörden über 41.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet, das waren rund 15.000 mehr als am Vortag. Seit Mittwoch wurden demnach 165 neue Todesfälle in Krankenhäusern registriert. Fast eine Million Menschen (999.043) haben sich nach Angaben der Behörden bisher mit dem neuartigen Erreger infiziert. Mit mindestens 34.210 Corona-Todesfällen ist Frankreich nach absoluten Zahlen eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder Europas.

Bereits vor den alarmierenden Zahlen vom Donnerstagabend hatte die Regierung im Kampf gegen das Virus die in Paris und acht weiteren Städten geltende nächtliche Ausgangssperre auf große Teile des Landes ausgeweitet. In insgesamt 54 Departements und dem Überseegebiet Polynesien dürfen die Menschen künftig ihre Häuser und Wohnungen zwischen 21.00 Uhr und 6.00 Uhr nicht mehr verlassen.

Für den Fall, dass alle bereits getroffenen Maßnahmen nicht greifen, warnte Premierminister Castex vor „noch härteren“ Beschränkungen. „Alles ist auf dem Tisch“, sagte auch der Epidemiologe Arnaud Fontanet vom Wissenschaftsrat, einem Beratergremium der französischen Regierung. Das Coronavirus mache „viel schneller die Runde als im Frühling“, obwohl es sich um „genau dasselbe“ Virus handle, sagte Fontanet am Freitag im Sender BFM TV.

Litauen und Lettland mit Rekorden bei Neuinfektionen

Die Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Litauen und Lettland haben Rekordwerte erreicht. In beiden baltischen EU-Staaten wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Vilnius und Riga am Freitag so viele neue Fälle verzeichnet wie noch nie seit Beginn der Pandemie. In Litauen wurden demnach 442 positive Tests innerhalb von 24 Stunden registriert, in Lettland waren es 250. Die bisherigen Höchstwerte lagen bei 424 und 188.

Die beiden Baltenstaaten im Nordosten Europas standen anfangs in der Coronakrise durchaus gut da. Im internationalen Vergleich waren die Infektionszahlen eher gering. In den vergangenen Wochen haben sie aber teils deutlich zugenommen – es wurde aber auch mehr getestet. Angesichts der steigenden Zahlen haben die Regierungen in Riga und Vilnius zuletzt neue Corona-Schutzmaßnahmen verhängt.

Nach Angaben der EU-Behörde ECDC lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen in Litauen zuletzt bei 108,7. Lettland kam auf einen Wert von 82,7.

Spanien: Hohe Dunkelziffer an Corona-Infektionen

In Spanien gibt es nach Angaben von Ministerpräsident Pedro Sanchez voraussichtlich drei Mal so viele Corona-Infektionen wie offiziell gemeldet. Aus einer Hochrechnung einer landesweiten Antikörper-Studie gehe hervor, dass die eigentliche Gesamtzahl bei drei Millionen liege, sagte Sanchez bei einer Pressekonferenz am Freitag.

Am Mittwoch hatte Spanien als erstes europäisches Land auf Basis offizieller Daten des Gesundheitsministeriums die Schwelle von einer Million Infektionen überschritten. Am Donnerstag wurden 20.986 neue Fälle gemeldet, die Gesamtzahl lag bei 1.026.281.

Sanchez erklärte, das Gesundheitssystem des Landes sei besser vorbereitet als bei der ersten Welle der Pandemie. Es müsse aber mehr getan werden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. So sollten soziale Kontakte und auch die Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Von Ausgangssperren sah Sanchez aber erst einmal ab. Einen nationalen Lockdown wie im Frühjahr will er vermeiden.

Deutschland: Über 11.000 Corona-Neuinfektionen 

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom Freitag mindestens 11.242 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet. Diese Zahl ist vergleichbar mit dem Rekordwert von 11.287 Fällen vom Vortag und liegt deutlich über den 7.334 gemeldeten Neuinfektionen vom Freitag vergangener Woche.

Allerdings kann die aktuelle Gesamtzahl noch höher liegen. Wegen einer technischen Störung am Robert Koch-Institut ist es am Donnerstag zeitweise zu Datenlücken bei der Übermittlung von Infektionszahlen aus den Bundesländern gekommen. Durch einen Ausfall eines Webservers beim RKI am Donnerstagnachmittag seien knapp drei Stunden bis 17.30 Uhr Übermittlungen von den Gesundheitsämtern zu den zuständigen Landesbehörden und von denen zum RKI gestört gewesen, teilte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher am Freitag mit. Anschließend habe der Server aber wieder funktioniert.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche lag nach RKI-Angaben vom Freitag im bundesweiten Durchschnitt bei 60,3. Zwei Tage zuvor betrug diese Inzidenz noch 51,3.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland laut RKI-Lagebericht vom Donnerstag bei 1,11 (Vortag: 1,09). Das bedeutet, dass zehn Infizierte etwa elf weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Italien: Starker Anstieg von Infektionen

Die Zahl der Corona-Infektionen in Italien ist wieder sprunghaft angestiegen. 19.143 Neuansteckungen wurden am Freitag registriert, am Donnerstag waren es noch 16.079 Fälle. Außerdem wurden 91 Todesopfer vermeldet, am Vortag waren es 136. Die Zahl der Toten in Italien mit oder an Covid-19 seit Beginn der Epidemie im Februar überschritt somit die 37.000-Schwelle auf 37.058. Innerhalb eines Tages wurden 182.000 Tests durchgeführt.

Die Zahl der bestätigten aktiven Fälle kletterte am Freitag auf 186.002, jene der in Spitälern behandelten Covid-19-Patienten erhöhte sich gegenüber Donnerstag von 9.694 auf 10.549, teilte das italienische Gesundheitsministerium mit. In Quarantäne befanden sich 174.404 Personen. Auf den Intensivstationen lagen 1.049 Patienten, am Vortag waren es 992 gewesen.

Trotz zunehmender Sorge wegen der hohen Zahl von Neuinfizierten hält die Regierung in Rom an ihrem Vorhaben fest, in Italien vorerst keinen neuerlichen landesweiten Lockdown zu verhängen. „Wir müssen einen Produktionsstopp und die Schulschließung vermeiden“, sagte Premier Giuseppe Conte am Freitag.

Diese Ansicht teilt auch Innenministerin Luciana Lamorgese, die massive Proteste im Fall eines neuen italienweiten Ausgangsverbots befürchtet. „Wir müssen alles Erdenkliche zur Verhinderung eines neuen Lockdowns unternehmen, der soziale und wirtschaftliche Konsequenzen mit Auswirkungen auf die öffentliche Ordnung hätte“, warnte Lamorgese.
 

 

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