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Coronavirus

Bis zu zehn Millionen Italiener mit Virus in Kontakt

Wissenschafter suchen nach einer Antwort auf die Frage, warum die Covonavirus-Pandemie besonders Norditalien hart getroffen hat. Laut einer von der Universität Catania durchgeführten Studie sind Smog, die starke Konzentration der Bevölkerung, sowie das hohe Alter der Menschen Co-Faktoren für die Epidemie. Laut der Studie seien bis zu zehn Millionen Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen.

red/Agenturen

Die Studie „'Strategies to mitigate the Covid-19 pandemic risk“, die von einem Team der Universität von Catania durchgeführt wurde, ergründet, warum Covid-19 besonders die industriereichen Regionen Norditaliens - Lombardei, Emilia Romagna, Piemont und Venetien - getroffen hat, während Mittel- und Süditalien zum Großteil verschonter geblieben sind. Die norditalienischen Regionen, in denen die Temperaturen im Winter niedriger als im Rest Italiens sind, bekommen auch die saisonale Grippe (Influenza) stärker zu spüren, wie aus Angaben von Italiens Oberstem Gesundheitsinstituts hervorgeht.

Die Wissenschafter hoben die positiven Auswirkungen des von der Regierung beschlossenen Lockdowns hervor und zeigten sich optimistisch, dass die Regionen in Mittel- und Süditalien von der Pandemie weniger stark getroffen werden könnten. Auch künftige mögliche Pandemiewellen würden diese Regionen wahrscheinlich weniger belasten, hieß es.

Italien will Ausgangssperre verlängern

Indes will die italienische Regierung die Ausgangssperre für Bürger bis zum 3. Mai verlängern. Der Lockdown soll von Premier Giuseppe Conte am Freitag mit einem Erlass verlängert werden, berichteten italienische Medien. Ab kommenden Dienstag werden lediglich einige Geschäfte wie Buch- und Schreibwarenshops öffnen dürfen.

Auch einige produktive Tätigkeiten in der Landwirtschaft und Viehzucht sowie Komponentenbauer für PCs sollen wieder starten. Seit dem 12. März sind in Italien nur Lebensmittelgeschäfte und Apotheken geöffnet. Die derzeitigen Einschränkungen gelten alle bis zum 12. April.

Die Regierung will eine Kommission bestehend aus Gewerkschaftern und Wissenschaftern einsetzen, die nach Ostern eine gezielte Wiedereröffnung von Industrien und Unternehmen planen soll. Ganz zum Schluss sollen laut Medienangaben Bars, Restaurants, Schulen, Zahnärzte, Friseure und Fitnessstudios wieder öffnen dürfen. Ein Datum dafür steht demnach aber noch nicht fest.

Premier Conte mahnte zur Vorsicht und rief die Italiener auf, auch über die Osterfeiertage die Ausgangssperre strikt einzuhalten, berichteten italienische Medien. Die Gefahr sei ansonsten, dass die bisher geleisteten Entbehrungen zur Eingrenzung der Epidemie zunichtegemacht werden.

Drohnen und Check Points: Italien jagt nach Ausflüglern

Unterdessen starten die italienischen Behörden mit einer groß angelegten Offensive, um die Italiener über die Osterfeiertage im Haus zu halten. Mit Drohnen, Hubschraubern, Straßensperren und ausgedehnten Kontrollen will man vermeiden, dass das Frühlingswetter die Italiener zu Verstößen gegen die drakonische Ausgangssperre bewegt.

In einem Schreiben rief das Innenministerium die Polizei zu rigorosen Kontrollen auf. Diese seien besonders wichtig angesichts der Tatsache, dass die Ausgangssperre Resultate zeige und die Epidemiekurve sinke. Die Polizei solle insbesondere kontrollieren, dass Personen nicht mit dem Privatauto ihre Ferienwohnungen erreichen, hieß es im Schreiben. Die Zeit sei noch nicht gekommen, die Kontrollen aufzulockern.

Um einen Massenansturm zu Ferienwohnungen am Meer oder in den Bergen zu verhindern, werden Drohnen und Hubschrauber eingesetzt. Die Küstenwache will vermeiden, dass sich Bootsbesitzer Meeresausflüge gönnen. Auf den Kanälen Venedigs werden Sicherheitskräfte wachen, dass keine Boote ohne Erlaubnis verkehren. Straßenblockaden sind auf allen Verkehrsachsen geplant. "Es darf auch zu keinen nächtlichen Reisen kommen, wir erwischen jeden", warnte die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi.

Besondere Kontrollen sind in den Urlaubsorten vorgesehen. "Ligurien ist an diesem Osterfest geschlossen", warnte der ligurische Präsident Giovanni Toti. Die Dolomiten-Perle Cortina setzt auf Kontrollen der Nummernschilder, um die Fahrzeuge der Ausflügler zu entlarven. In einigen Urlaubsorten wird der Stromkonsum kontrolliert, um festzustellen, ob Ferienwohnungen bewohnt sind.

Während sich unter den Italienern die Lustlosigkeit wegen der seit dem 10. März andauernden Ausgangssperre breitmacht, schließen am Ostersonntag- und -montag alle Supermärkte. Lediglich Apotheken und Trafiken bleiben offen. Gerechnet wird mit langen Schlangen vor den Supermärkten bis Samstagabend. In den süditalienischen Regionen Kampanien und Sizilien wurden auch die Heimlieferungen gastronomischer Produkte verboten, was einen Protest der Zuckerbäcker und Restaurantinhaber auslöste, die zumindest an diesen Feiertagen mit Einnahmen rechneten.

Die Behörden beklagen indes eine zunehmende Zahl von Autos auf den Straßen. In der von der Pandemie schwer betroffenen Lombardei waren zuletzt 40 Prozent der Menschen auf der Straßen, das sind zehn Prozent mehr als am vergangenen Wochenende. Die Provinz, in der die meisten Menschen unterwegs waren, war ausgerechnet Lodi, wo die Pandemie am 20. Februar ausgebrochen ist.

„Außerordentliches Resultat“: Italien senkt Kontagionsindex auf 1 

Indes ist der Coronavirus-Kontagionsindex in Italien erstmals unter 1 gesunken. Dies bedeutet, dass jeder Infizierte durchschnittlich nur eine weitere Person ansteckt. „Das ist ein außerordentliches Resultat“, sagte Gesundheitsminister Roberto Speranza. Die Epidemiekurve geht in Italien zurück. „Bis vor Kurzem stieg die Kurve noch auf dramatische Weise, jetzt beginnt sie zu sinken. Die Vorbeugungsmaßnahmen zeigen Resultate. 

In Italien ist am Dienstag die Zahl der Coronavirus-Todesopfer innerhalb von 24 Stunden um 604 auf insgesamt 17.127 gestiegen. Der Höhepunkt war am 26. März mit 969 Gestorbenen an einem Tag verzeichnet worden. Die Zahl der Infizierten kletterte um 880 Personen auf 94.067, das ist der niedrigste Anstieg von neuen Fällen seit Beginn der Pandemie am 20. Februar, teilte der Zivilschutz mit. Die Zahl der Patienten auf der Intensivstation lag bei 3.792 Personen. Am vierten Tag in Folge war die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen rückgängig, was eine wichtige Entlastung für die Krankenhäuser bedeute, sagte Zivilschutzchef Angelo Borrelli. 28.718 Covid-Patienten befanden sich noch in den italienischen Spitälern. Die Zahl der Genesenen kletterte auf 24.392.

In der Lombardei, der am stärksten betroffenen italienischen Region, wurden 282 Opfer an einem Tag gemeldet, wodurch die Zahl der Toten seit Beginn der Pandemie auf 9.484 stieg. Die Zahl der Neuinfizierten sinkt in der Lombardei schrittweise. 1.305 Patienten lagen auf der Intensivstation. Nach der Lombardei ist nach wie vor die Emilia Romagna die am stärksten betroffene Region, und zwar mit 2.180 Todesopfern, gefolgt vom Piemont mit 1.319. In Kärntens Nachbarregion Friaul Julisch Venetien starben bisher 164 Personen, die Zahl der Infizierten stieg dort bis Dienstag auf 2.153.

100 Ärztinnen und Ärzte unter den Covid-19 Opfern

Am gestrigen Welttag der Gesundheit dankte Zivilschutzchef Angelo Borrelli dem sanitären Personal, das seit Wochen im Kampf gegen die Pandemie pausenlos engagiert ist. Die Gesundheitsberufe zahlen in Italien einen hohen Preis für ihren Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie. Am Donnerstag wurde die Schwelle von 100 toten Ärzten erreicht, berichtete die italienische Ärztekammer. Allein seit Mittwoch seien vier Mediziner gestorben. Tausende Sanitäter wurden infiziert.

Inzwischen wächst die Sorge wegen der zunehmenden Zahl von Todesopfern in den norditalienischen Seniorenheimen. Weitere zwölf Senioren sind allein am Donnerstag im Mailänder Altersheim „Pio Albergo Trivulzio“, dem größten in Italien mit über 250 Patienten, gestorben. Gegen die Leitung der Einrichtung wurden Justizermittlungen eingeleitet. Sie soll die Gefahr des Covid-19 unterschätzt haben. Circa 110 in dem Heim lebende Personen sind seit März gestorben. Mehrere Krankenpfleger, die dort tätig sind, haben sich infiziert, berichteten italienische Medien.

Inzwischen wächst die Zahl der wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre bestraften Italiener. Allein am Mittwoch wurden 286.912 Personen kontrolliert. 10.193 müssen eine Geldstrafe zwischen 400 und 3.000 Euro zahlen, weil sei gegen die Ausgangssperre verstoßen haben. 14 Personen wurden bestraft, weil sie außer Haus erwischt wurden, obwohl sie unter Quarantäne stehen, da sie positiv auf Covid-19 getestet wurden.

Lombardei: Kommission prüft Todesfälle in Altersheimen

Indes hat die schwer von der Coronavirus-Epidemie belastete norditalienische Region Lombardei den Einsatz einer Untersuchungskommission beschlossen, die sich mit den vielen Todesopfern in den lombardischen Altersheimen beschäftigen soll. Dies kündigte der lombardische Präsident Attilio Fontana an.

Nachdem eine Justizermittlung wegen unzähliger Todesfälle im Mailänder Senioren-Pflegeheim „Pio Albergo Trivulzio“ eingeleitet wurde, beschloss Fontana die Einrichtung einer Kommission, um die Vorgänge in der gesamten Region zu untersuchen. Experten werden prüfen, ob Nachlässigkeit mit zur hohen Anzahl von Toddesopfern geführt habe. Eine genaue Zahl der Verstorbenen in den Seniorenheimen konnten die Behörden noch nicht mitteilen.“

Gesundheitsbeauftragte: „Lombardei hat eine Atombomben-Explosion erlebt" 

Die Seniorenheime sind private Einrichtungen, die regionalen Gesundheitsbehörden haben eine lediglich Aufsichtspflicht. Die Kommission wird prüfen, ob unsere Anweisungen von den Heimen erfüllt worden sind“, sagte der lombardische Beauftragte Giulio Gallera laut Medienangaben am Mittwoch. In einigen Altersheimen sind ein Drittel der Senioren mit dem Virus gestorben.

Gallera lobte die Effizienz des lombardischen Gesundheitssystems im Kampf gegen die Epidemie. „Die Lombardei hat eine Atombomben-Explosion erlebt. Wir sind von einem Tsunami erschüttert worden, wie vermutlich kein anderes Land in Europa. Wir haben einen Krieg erlebt“, sagte Gallera.

Die Epidemiekurve in Italien beginnt zu sinken. Die Zahl der Infizierten kletterte um 880 Personen auf 94.067, das ist der niedrigste Anstieg von neuen Fällen seit Beginn der Pandemie am 20. Februar, teilte der Zivilschutz am Dienstag mit. In Italien ist am Dienstag die Zahl der Coronavirus-Todesopfer innerhalb von 24 Stunden um 604 auf insgesamt 17.127 gestiegen.

Experten rechnen mit einer Million Fälle in Italien

Italienische Experten rechnen damit, dass sich in ihrer Heimat inzwischen eine Million Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Dies berichtete der Infektionsexperte Massimo Galli des Mailänder Krankenhauses „Sacc“. Seiner Ansicht nach könne die „Phase 2“ mit der Auflockerung des Lockdowns nicht beginnen, wenn nicht zuvor massive Tests unter der Bevölkerung durchgeführt werden.

Wenn der Lockdown zu früh abgeschafft werde bestehe die Gefahr, dass neue Infektionsherde entstehen könnte, sagte Galli auf Facebook. Der Experte sprach sich für eine Schließung von Schulen, Kindergärten und Universitäten bis September aus. Es sei sinnlos, die Schulen nur wenige Wochen offen zu halten. In Italien beginnen die Sommerferien für Schulen Mitte Juni.

Für eine Studie zur Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung will Italien mit Blutabnahmen bei freiwilligen Teilnehmern beginnen. Bewohner aller Regionen sollen auf Antikörper getestet werden. Damit will man erfahren, welcher Prozentsatz der Bevölkerung bereits mit dem Virus Kontakt hatte, ohne es zu wissen.
 

Italien Rom Corona
Italien hat seit Anfang Mai eine Reihe von Beschränkungen aufgehoben und erlaubt etwa wieder mehr Sport im Freien und mehr Bewegungsmöglichkeiten in der eigenen Region.
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