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Coronavirus

Experte: Schon 1.000 Covid-19-Tote pro Tag in Europa

Viel mehr Schnelltests und in ganz Europa nutzbare Tracing Apps sollen aus Sicht der EU-Kommission helfen, der zweiten Coronawelle Herr zu werden. Zusätzliche Maßnahmen auf nationaler und EU-Ebene seien dringend nötig, erklärte Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Laut ihrem Sonderberater Peter Piot habe die Anzahl der Coronatoten in Europa  drastisch zugenommen und liege aktuell bei rund 1.000 Menschen jeden Tag.

red/Agenturen

Zusätzliche Maßnahmen auf nationaler und EU-Ebene seien dringend nötig, erklärte Kommissionschefin Ursula von der Leyen selbst am Mittwoch bei der Vorstellung der Vorschläge, über die ein EU-Videogipfel am Donnerstag beraten soll.

„Die Covid-19-Situation ist sehr ernst“, sagte die CDU-Politikerin. „Wir sind tief in der zweiten Welle“, warnte sie. Diesmal habe man es mit zwei Feinden zu tun: Dem Virus selbst - und einer zunehmenden Müdigkeit bei allen Vorsichtsmaßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. "Wir müssen das Virus eindämmen, bis wir einen Impfstoff und bessere Mittel in der Hand haben, um die Gesundheit aller zu schützen", rief von der Leyen zum Durchhalten auf.

„Wir bringen alle seit Monaten Opfer“, so die EU-Kommissionschefin. Viele Menschen zahlten wirtschaftlich und sozial einen hohen Preis. „Aber jetzt ist nicht die Zeit, locker zu lassen. De Lage sei ernst; noch habe man es aber in der Hand, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Dazu müssten alle ihren Teil der Verantwortung übernehmen - auf regionaler und lokaler Ebene, auf nationaler sowie auf EU-Ebene.

Die Kommission ruft die 27 EU-Mitglieder auf, ihre Strategien zur Entdeckung und Rückverfolgung von Corona-Infektionen zu verbessern. Bis Mitte November sollen die Regierungen ihre Teststrategien nach Brüssel melden. Dabei setzt die Kommission vor allem auf neue Antigen-Schnelltests, die binnen 15 Minuten ein Ergebnis zeigen. Diese könnten gemeinsam für die EU-Staaten beschafft werden, schlägt die Behörde vor.

Zweiter Baustein sind Handy-Warn-Apps: Bisher gibt es nach Angaben der Kommission 19 verschiedene in den EU-Staaten. Die Apps für Deutschland, Irland und Italien sind immerhin inzwischen verknüpft. Die Kommission fordert alle EU-Staaten auf, kompatible Apps einzuführen und für die Nutzung zu werben. Darüber hinaus drängt die Behörde die EU-Staaten zu Impfstrategien für die Zeit, wenn ein Impfstoff verfügbar ist, sowie zu Informationskampagnen gegen Falschinformationen.

Schließlich setzt die Kommission weiter auf Maßnahmen, um die Reisefreiheit und den Transport von Gütern trotz der Pandemie in Europa zu sichern. Geplant sei ein gemeinsamer Ansatz für Quarantäneregeln. Zudem wirbt die Behörde dafür, die im Frühjahr eingeführten „Grünen Spuren“ beizubehalten, die garantieren sollen, dass Transporte an EU-Grenzen binnen 15 Minuten abgefertigt werden.

Schon 1.000 Covid-19-Tote pro Tag in Europa

Die Anzahl der Coronatoten hat in Europa nach Aussage eines Experten drastisch zugenommen. „Letzte Woche lag die Zahl um ein Drittel höher als in der Vorwoche, das bedeutet, dass rund 1.000 Menschen jeden Tag an Covid sterben“, sagte Peter Piot, Sonderberater der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Bekämpfung des Coronavirus, am Mittwoch in Brüssel.

„Die Lage ist sehr ernst und sie droht, noch schlimmer zu werden, wenn wir nicht dringende und drastische Maßnahmen ergreifen“, fügte er hinzu. Piot forderte, dass noch viel mehr Menschen in Europa einen Mund-Nasen-Schutz tragen. „Wir müssen bei rund 95 Prozent statt jetzt 60 Prozent ankommen; das kann Hunderttausende Leben retten, wenn wir das tun“, sagte er.

Langfristige Anstrengungen seien notwendig im Kampf gegen die Pandemie. Es müsse ein sicherer Impfstoff in ausreichender Menge entwickelt werden. Man dürfe auch nicht Gesundheitsschutz und Wirtschaft gegeneinander ausspielen. Nur wenn die Pandemie besiegt werde, könne die Wirtschaft florieren.

Piot warnte, dass inzwischen auch viele Menschen unter langwierigen Covid-19-Erkrankungen und Langzeiteffekten litten. „Und ich weiß, wovon ich rede, ich hatte es selber, monatelang“, sagte der Experte.

Großen Mengen Corona-Impfstoff im besten Fall ab April

Ursula von der Leyen rechnet frühestens in einem halben Jahr mit größeren Mengen Impfstoff gegen das Coronavirus. „Im besten Fall“ könnten „im April“ eine größere Zahl von Impfdosen ausgeliefert werden, sagte sie am Mittwoch. Ein Impfstoff sei kein „wundersames Ereignis“, das die Lage „von einem Tag auf den anderen“ verändere, mahnte von der Leyen. Sie verwies zudem darauf, dass der Erfolg der Entwicklungsprogramme für Impfstoffe ungewiss sei. „Wir wissen natürlich, dass nicht jeder Kandidat ein Erfolg sein wird“, sagte sie. Deshalb habe die EU-Kommission im Auftrag der Mitgliedstaaten Vereinbarungen mit einer Reihe möglicher Anbieter geschlossen.

Unklar sei aber auch bei erfolgreichen Impfstoffen, wie hoch die Immunität sein werde, die sie lieferten, sagte die Kommissionschefin. Diese werde nicht bei hundert Prozent liegen. „Es könnten 70 Prozent sein, vielleicht sogar weniger.“ Dies sei durchaus normal bei einer ersten Generation von Impfstoffen.

Im besten Fall könnten für das Gesamtjahr 2021 rund 1,2 Milliarden Impfdosen zur Verfügung stehen, sagte von der Leyen. Diese würden für etwa 700 Millionen Menschen reichen. Damit könne die EU nicht nur die eigene Bevölkerung vor dem Virus schützen, sondern auch ihr Versprechen einlösen, armen Ländern ebenfalls Impfstoff bereitzustellen.

Angesichts der in vielen Ländern knapp werdenden Kapazitäten auf Intensivstationen warb von der Leyen für einen besseren Informationsaustausch über freie Betten, um die schnelle Verlegung von Patienten in Nachbarländer zu ermöglichen. Sie schlug vor, diese Informationen über die EU-Seuchenbekämpfungsbehörde ECDC zu teilen.

Darüber hinaus will die Kommission die Mitgliedstaaten mit 100 Millionen Euro bei der Anschaffung von Schnelltests unterstützen. Auf sie setzen auch Teile der Wirtschaft große Hoffnungen, den mit ihnen könnten im Idealfall Einschränkungen etwa im Reiseverkehr oder bei Veranstaltungen vermieden werden.

Bei Corona-Tests wird bisher das sogenannte PCR-Verfahren angewandt. Seine Ergebnisse müssen im Labor ausgewertet werden. Angesichts rasant steigender Infektionszahlen kommen diese aber in vielen Ländern an ihre Kapazitätsgrenzen - und die Testergebnisse oft erst nach Tagen. Sogenannte Antigen-Schnelltests bringen Ergebnisse dagegen schon in zehn bis 30 Minuten, allerdings sind sie weniger genau.

EU-Ratspräsident Charles Michel hatte am Dienstag vor einem „Wettlauf“ der Mitgliedstaaten um die nun auf den Markt kommenden Corona-Schnelltests gewarnt. Er forderte, dass Produktionskapazitäten „auf europäischer Ebene strategisch gesichert werden“, damit sie „überall gleichzeitig verfügbar“ seien.