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Coronavirus

Französischer Minister: Keine Lockerungen möglich

Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran hält eine Lockerung der Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie derzeit für noch nicht möglich. „Wir befinden uns immer noch in der Phase der Verschlechterung“, sagte Véran am Dienstag dem Fernsehsender BFMTV. Zwar hätten Maßnahmen wie die strenge Ausgangssperre die Entwicklung abgebremst, die Pandemie halte aber weiter an.

red/Agenturen

Die Beschränkungen seien mehr denn je notwendig, da es immer mehr Kranke gebe, sagte der Minister. Verschiedene Möglichkeiten, die Beschränkungen aufzuheben, würden abgewogen, erklärte Véran. In Frankreich gilt seit mehr als drei Wochen eine strikte Ausgangssperre. Sie dauert noch bis mindestens 15. April.

Véran betonte, dass nun verstärkt Pflegekräfte in Altenheimen auf das Virus Sars-CoV-2 getestet werden sollten, um Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen. Véran hatte großflächige Tests in Seniorenheimen und anderen sozialen Einrichtungen am Montag angekündigt. Frankreich hat nach Angaben vom Montag seit dem 1. März 8911 Todesfälle in Folge einer Infektion mit dem Coronavirus verzeichnet, darunter mindestens 2417 in Einrichtungen für alte Menschen.

Spitäler im Großraum Paris überlastet

Im Ballungsraum Paris spitzt sich die Lage angesichts der Corona-Krise in den Krankenhäusern zu. Nun sollen Kranke aus dem Großraum Paris in andere Landesteile gebracht werden. In der Hauptstadtregion sind vor allem Beatmungsgeräte für die Lungenkranken knapp.

Bisher waren vor allem Patienten aus dem Risikogebiet im Osten Frankreichs in Kliniken mit höheren Kapazitäten gebracht worden. Auch Deutschland und die Schweiz nahmen wiederholt Kranke auf. 

Wallfahrtsstätte in Lourdes nimmt Corona-Kranke auf

Auch die französische Wallfahrtsstätte in Lourdes nimmt Kranke auf. Auf dem Gelände des katholischen Heiligtums im Südwesten Frankreichs wurde ein medizinisches Zentrum für Obdachlose und Menschen in Armut eingerichtet, wie die Präfektur am Donnerstag mitteilte. 

Wegen der Corona-Krise war die Wallfahrtsstätte erstmals in ihrer Geschichte für Besucher geschlossen worden. Nach Lourdes kommen jedes Jahr Millionen Pilger aus der ganzen Welt, von denen sich viele eine Heilung ihrer Gebrechen erhoffen. Der christlichen Tradition zufolge erschien die Jungfrau Maria 1858 in einer der Höhlen von Lourdes.

Pariser Lebensmittel-Großmarkt muss Särge aufnehmen

Um Platz für Särge mit Menschen zu schaffen, die am neuartigen Coronavirus gestorben sind, wird nun eine Halle des Pariser Großmarkts Rungis beschlagnahmt, wie die Polizeipräfektur am Donnerstag mitteilte. Polizeipräfekt Didier Lallement begründete die Zwangsmaßnahme mit dem großen Druck auf die Bestatter im Pariser Großraum, der nach seinen Angaben „noch mehrere Wochen anhalten“ dürfte. 

Der Marktbetrieb geht unterdessen weiter. Die neue Leichenhalle liege am Rande des Großmarkts und sei „von den anderen Pavillons isoliert“, betonte der Polizeipräfekt. Von der Markthalle aus sollen die Särge auf Friedhöfe oder zu Krematorien in Frankreich oder im Ausland gebracht werden.

Mediziner klagen französische Regierung

Zuletzt wuchs die Kritik an der französische Regierung im Umgang mit dem Coronavirus. Mehr als 600 Ärzte haben am Dienstag rechtliche Schritte gegen die Regierung  eingeleitet. Am 19. März reichte das Kollektiv namens C 19 Beschwerde gegen die ehemalige Gesundheitsministerin Agnes Buzyn und Premierminister Edouard Philippe ein. Bis Dienstag zu Mittag haben mehr als 350.000 Menschen die Petition zur Unterstützung der Klage unterschrieben.

Die Mediziner werfen den Politikern „Staatslügen“ im Umgang mit dem Coronavirus vor. Die Ärzte Philippe Naccache, Emmanuel Sarrazin und Ludovic Toro wandten sich deswegen an den Gerichtshof der Republik, die Instanz in Frankreich, die ausschließlich über Verfehlungen französischer Minister in der Ausübung ihres Amtes urteilt. Der Vorwurf lautet auf unterlassene Hilfeleistung und fahrlässige Tötung. Laut den Ärzten war sich die Regierung der Gefahren der Krankheit zwar bewusst, handelte aber nicht früh genug und reagierte falsch, was etwa die Bereitstellung von Schutzmasken und Tests für Covid-19 sowie die Isolierung von betroffenen Personen betrifft.

Sarazzin berichtete „Zeit Online“, dass Sanitäter Anfang März in seine Arztpraxis Patienten gebracht hätten, die gerade aus den italienischen Corona-Gebieten kamen und schrecklich husteten. Sie saßen „ohne Vorwarnung“ in seinem überfüllten Wartezimmer und Sarrazin musste ihre Atemprobleme ohne Maske behandeln. „Es ist unglaublich, wie unvorbereitet wir in diese katastrophale Situation reingeritten wurden“, sagt er und erstattete Anzeige gegen die französische Regierung. Insgesamt ist die französische Regierung mit mindestens sechs Verfahren konfrontiert.

Auch eine Ärztin aus dem Elsass, dem Corona-Hotspot Frankreichs, kritisiert die französische Regierung scharf. Sie denke, dass die Bedrohung lange verharmlost und die Ausgangssperre viel zu spät beschlossen wurde, sagte die namentlich nicht genannte Ärztin aus der Gegend zwischen Straßburg und Mulhouse dem „Standard“ (Dienstagsausgabe). „Es sind aber vor allem zwei Dinge, die mich fassungslos machen: Frankreich hat am 15. März, einen Tag vor der Ausgangssperre, noch Kommunalwahlen abgehalten. Das Problem war, dass es zu diesem Zeitpunkt im ganzen Land kaum Atemschutzmasken gab. Viele dieser Masken wurden an die Wahlhelfer und die Wähler verteilt, obwohl wir sie in den Krankenhäusern doch viel dringender gebraucht hätten.“

„Vielfach machen wir nur noch Sterbebegleitung“

Der zweite Punkt betreffe die Ärzte im Ruhestand. Viele seien zwar hoch motiviert, fänden sich aber im modernen Klinikalltag nur schwer zurecht. „Außerdem gehören sie altersmäßig zur Risikogruppe. Einer dieser Kollegen bei uns hat vor einigen Tagen leider ebenfalls Covid-19-Symptome entwickelt.“ Laut der Ärztin wurden fast alle Stationen ihres Krankenhauses zu reinen Covid-19-Abteilungen umfunktioniert.

Die überwiegende Mehrheit des Personals habe sich mangels Schutzmasken infiziert. „In meinem Team wurden alle Ärzte bis auf einen positiv getestet. Mehrere davon sind schwer erkrankt.“ Die Mediziner müssten dennoch arbeiten. „Wenn wir nicht zur Arbeit gehen, kümmert sich niemand mehr um die Patienten. In anderen Regionen dürfen Ärzte, die Symptome haben und positiv getestet werden, eine Woche zu Hause bleiben. Würden wir das machen, gäbe es kein medizinisches Personal mehr.“

Die Ärzte versuchen, die Atembeschwerden mittels Sauerstoff zu lindern, das Fieber zu senken und weitere Symptome zu behandeln, zum Beispiel Übelkeit und Durchfall, berichtete die Ärztin. Es gebe viel zu wenig Intensivbetten. Es gebe „sehr viele ältere Menschen mit Vorerkrankungen, die wir nicht mehr intubieren. Einerseits, weil sie ohnehin schlechte Überlebenschancen haben, aber auch, weil wir nicht genug Intensivbetten haben. Vielfach machen wir nur noch Sterbebegleitung.“

Die Petition : http://go.apa.at/cuQdCbd8 

Frankreich
Die sogenannte Herdenimmunität läge bei etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung, die Antikörper aufweisen - vorausgesetzt, dass diese wirklich zu einer mehrere Monate andauernden Immunität führen.
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