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Intensivmedizin

Personal wird zuerst knapp, 78 Prozent Zuwachs bei Intensivpatienten

Die Tiroler Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker von der MedUni Innsbruck hat am Sonntagabend zur Coronakrise klargestellt, dass das größte Problem im Intensivbereich die Personalzahl ist. Gerade die Betreuung von Covid-19-Intensivpatienten ist sehr aufwendig, schilderte sie in der ORF-Sendung „Im Zentrum“. 336 Patienten bedurften am Montag intensivmedizinischer Betreuung - ein Zuwachs um 45 Personen gegenüber dem Vortag.

red/Agenturen

„Es ist eher anzunehmen, bevor uns die Ressourcen und die Betten ausgehen, gehen uns die Personen aus, die solche Patienten auch betreuen können“, sagte Friesenecker, auch Vorsitzende der ARGE Ethik in der Anästhesie und Intensivmedizin. „Wir sind nicht so ausgelegt, dass wir eine Pandemie bevorraten können. Wir sind so ausgelegt, dass wir im Normalbetrieb sehr knapp sind.“ Die Ärztin sagte, dass ein länderübergreifender Koordinator für Intensivplätze in der Zeit der Pandemie „sehr gut wäre“.

Friesenecker warnte auch vor Überlegungen, im medizinischen Bereich oder auch in Alters- und Pflegeheimen Menschen arbeiten zu lassen, die zwar das Coronavirus laut einem PCR-Test noch in sich tragen, aber deren Ct-Wert nachweist, dass sie nicht infektiös sind. „Das halte ich für ausgesprochen riskant“, betonte die Intensivmedizinerin. Man setze diese Menschen der Gefahr aus, dass sie durch die Arbeit krank würden, indem sie am Arbeitsplatz weiter belastet würden.

Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) plädierte dafür, den zweiten Lockdown dafür zu nutzen, Informationsdefizite wie zum Beispiel ungenaue Informationen zu Spitalskapazitäten und Intensivplätzen im besonderen oder auch bezüglich des Personalaufwands im Contact Tracing zu beseitigen. Er brachte das Beispiel Japan: „Japan wusste viel besser als wir, wie man mit der Pandemie umgehen muss.“ Das Land habe etwa 100.000 Fälle bei mehr als 125 Millionen Einwohnern. Zum Zeitpunkt der Einführung eines zweiten Lockdowns sagte er allgemein gehalten: „Eines haben wir gesehen: Je früher man einen Lockdown macht, umso stärker wirkt er.“

Meinl-Reisinger fehlt Planbarkeit

In der Sendung kam es auch erneut zu einem Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition: Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) verteidigte die Einführung der Maßnahmen im jetzigen Ausmaß: Wenn man eine Chance haben wolle, die Saison für den so wichtigen Wintertourismus und das Weihnachtsgeschäft zu retten, „müssen wir die Maßnahmen jetzt setzen“. Diese seien an Deutschland angelehnt. Den Vorwurf, zu spät reagiert zu haben, wies er ebenso zurück wie Kritik, Unterstützung für Unternehmen komme nicht oder viel zu langsam bei diesen an.

NEOS-Partei- und Klubchefin Beate Meinl-Reisinger kritisierte, dass es Daten gebe „die wir nicht haben“, wie zum Beispiel Cluster-Analysen. Es fehle seitens der Regierung „Planbarkeit und Klarheit, wo es hingeht“. Sie sprach sich erneut kategorisch gegen die Schließung von Schulen und Kindergärten aus, um die Bildungschancen der Kinder zu erhalten.

Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl begrüßte die Maßnahmen zur Unterstützung der Betriebe. „Wir brauchen aber auch Maßnahmen für Beschäftigte“, sagte sie und warnte vor einer Wirtschaftskrise, weil die Menschen mangels Geldes nicht einkaufen gehen würden.

Anschober will „alles für Trendwende tun“

In den heimischen Spitälern wird es angesichts sich weiters rasant ausbreitender Infektionen mit dem Coronavirus eng. Binnen einer Woche - seit vergangenem Montag - war ein Anstieg um 62 Prozent bei den Covid-19-Patienten in den Spitälern zu verzeichnen. Auf den Intensivstationen machte das Plus sogar 78 Prozent aus. Diese Zahlen präsentierte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien.

Am Montag befanden sich bei 4.135 Neuinfektionen binnen eines Tages 2.161 Patienten im Spital, um 213 mehr als am Sonntag. 336 Patienten bedurften intensivmedizinischer Betreuung - ein Zuwachs um 45 Personen gegenüber dem Vortag. Sollte diese Entwicklung anhalten, könnte es im intensivmedizinischen Bereich kritisch werden, warnte Anschober mit Nachdruck. Sollte das nicht gelingen, „steuern wir auf eine erhebliche Krisensituation zu“, meinte der Gesundheitsminister. Man müsse „alles tun, um die Trendwende ab Mitte November zu erreichen“. Er gehe davon aus, „dass die Zahlen (was die Neuinfektionen betrifft, Anm.) in dieser Woche deutlich steigen werden.“

Von Triage auch Nicht-Covid-Patienten betroffen

Der zweite Lockdown in Österreich soll eine Überlastung der Spitäler und eine dann notwendige Triage verhindern. Dabei werden Patienten nach kurzer Begutachtung für die Dringlichkeit ihrer Behandlung eingeteilt - etwa nach Katastrophen, Unfällen oder Anschlägen mit vielen Verletzten. In der Coronakrise geht es darum, wer bevorzugt intensivmedizinisch behandelt wird. Davon betroffen wären aber auch Patienten ohne Covid-19, die aus anderen Gründen medizinische Hilfe brauchen.

„Wir haben in Österreich ein hoch entwickeltes und hervorragendes Gesundheitssystem und sind es gewohnt, die bestmöglichen Ergebnisse - etwa bei Parametern wie Sterblichkeit oder Komplikationen - zu erreichen“, betonte Klaus Markstaller, Präsident der Intensivmedizin-Fachgesellschaft ÖGARI am Sonntag in einer Aussendung. Eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung drohe, rasch zu einer Überlastung des Gesundheitssystems zu führen.

„Bei Überlastung des Systems ist die individuell optimale Betreuung für jede und jeden kritisch Kranken - ob mit oder ohne Covid-19 - nicht mehr möglich und weicht einer 'Triagemedizin' - es sind also Priorisierungen nötig und nicht alle kommen in den Genuss einer optimalen Versorgung“, erläuterte Markstaller. Dann steige auch ganz klar die Sterblichkeit, das zeigen die Erfahrungen aus anderen Ländern, wo diese Überlastung eingetreten ist.

Zu Beginn der Pandemie war es in der chinesischen Stadt Wuhan und danach in anderen Teilen des Landes innerhalb der ersten Jänner-Wochen zu einem explosionsartigen Anstieg der Covid-19-Fälle gekommen. In Wuhan brach zeitweise das Gesundheitssystem zusammen. Aufgrund des Mangels an Intensivbetten wurde frühzeitig ein Triagesystem etabliert, hatte der deutsche Infektiologe Tobias Welte kürzlich auf der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) berichtet.

„Ältere Patienten, insbesondere solche mit Ko-Morbiditäten (Begleiterkrankungen, Anm.) wurden bei Vorliegen einer respiratorischen Insuffizienz nicht mehr intensivmedizinisch betreut“, erläuterte Welte. „Hieraus erklärt sich die hohe Sterblichkeitsrate in Wuhan.“ Auch in Italien und Frankreich war es im weiteren Verlauf der Pandemie zu Triage-Entscheidungen gekommen.

Der Begriff Triage leitet sich vom französischen Wort „trier“ (sortieren) ab. Entwickelt wurde das System vom russischen Arzt Nikolai Pirogow, um im Krimkrieg (1853 bis 1856) mit der hohen Zahl verletzter Soldaten umzugehen.

In der aktuellen Situation in Österreich hat sich etwa in den Vorarlberger Krankenhäusern die Lage wegen Corona teilweise zugespitzt. Im städtischen Krankenhaus Dornbirn sind seit Sonntag alle Intensivbetten belegt, sagte Bürgermeisterin Andrea Kaufmann (VP) gegenüber dem Portal „vol.at". Die Landeskrankenhäuser werden bei einem weiteren Anstieg der Intensivfälle aushelfen.

Die acht Betten auf der Intensivstation in Dornbirn seien zur Hälfte mit Covid-19-Patienten belegt. Zusätzlich würden auf der Normalstation 15 weitere Covid-Patienten und weitere elf Verdachtsfälle behandelt. Nun soll ein gesamten Stockwerk für Covid-19-Patienten freigeräumt werden, wurde Kaufmann zitiert.

 

 

 

 

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