Ukraine-Krieg

Vom Umgang mit der psychischen Last

Einer Umfrage in Deutschland zufolge („Zeit online“, 1. März 2022) haben rund zwei Drittel der Deutschen Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Auch in Österreich mehren sich Berichte über Ängste in der Bevölkerung, hieß es in einer Aussendung der Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) am Mittwoch. ÖGPP-Präsident Johannes Wancata appellierte, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen. Wichtig sei, nicht zu erstarren.

red/Agenturen

„Es ist wichtig, nicht vor Angst zu erstarren oder in eine Abwärtsspirale aus Hilflosigkeit, Katastrophen-Fantasien und zunehmender Angst zu geraten“, sagte Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. Hilflosigkeit und Angst wirken in alle Bevölkerungsgruppen und -schichten. Es gibt aber einige, die besonders verletzlich sind: Ältere Generationen, die den Zweiten Weltkrieg und die Russen-Besatzung miterlebt haben bzw. sich durch Erzählungen der Eltern erinnern. Ebenso Flüchtlinge, wenn sie aus Kriegswirren geflohen sind und die aktuellen Bilder und Berichte Erinnerungen wieder lebendig machen. Kinder und Jugendliche, die teils schon psychisch mit den Folgen der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen haben.

In manchen Fällen können Ängste so akut werden, dass medizinische Hilfe erforderlich ist. Psychiatrische Einrichtungen bieten rund um die Uhr Beratung, Unterstützung und Behandlung an. An die breite Masse gerichtet, riet Wancata: „Um das Gefühl der Hilflosigkeit in den Griff zu bekommen, ist es notwendig, selbst aktiv zu werden. Wenn ich konkrete Sachen mache, gelingt es mir ins Konkrete zu kommen und nicht vor Angst zu erstarren und aus den Gedankenkreisen herauszukommen.“

Gezielter und zeitlich begrenzter Medienkonsum

Dieses Aktiv-Werden kann bei den einzelnen Menschen unterschiedlich aussehen: „Alle Dinge, die im Leben Halt geben, sind wichtig.“ Gespräche mit der Familie und guten Freunden geben Kraft und ermöglichen andere Sichtweisen: „Wenn ich mir unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen anhöre, bekomme ich weitere Perspektiven.“

Manchen Menschen hilft es, ihre Befürchtungen aufzuschreiben: „Dadurch kann man die Dinge bewerten und einordnen. Allein beim Versuch zu formulieren wird manches schon relativiert.“

Wichtig ist laut Wancata derzeit auch ein gezielter und zeitlich beschränkter Konsum von Nachrichten statt stundenlangem Beobachten von News in den Massenmedien und im Internet. „Die Gedanken auf das zu richten, was im eigenen Einflussbereich liegt, ist ein wichtiger Schritt aus der Hilflosigkeit.“

Wichtig gegen das Gefühl der Machtlosigkeit sind eben auch konkrete Handlungen - sei es Spenden für die Menschen in der Ukraine oder Demonstrieren gegen den Krieg, zählte Wancata auf: „Alles, wo ich etwas tun kann, ist hilfreich.“

Elementare Rolle des Alltags

Bei Kindern und Jugendlichen kommt es auf das Alter an, wie mit dem Thema Krieg umgegangen werden soll. Sollten beispielsweise kleinere Kinder zu dem Thema Fragen stellen, weil sie etwa im Kindergarten davon gehört und nun Angst haben, dann ist es laut Wancata als Eltern folgendes wichtig zu vermitteln: „'Das ist etwas, was Sorgen macht. Das ist etwas, was etwas Schlimmes ist, aber wir als Eltern sorgen für und schützen dich.' Viel mehr können kleine Kinder nicht verarbeiten und verstehen.“

Je nach dem Alter der Kinder müsse man den Umgang mit der Situation schrittweise anpassen, riet Wancata. „Man muss klar erklären, welche Sorgen sind berechtigt und welche nicht. Manches ist bei Kindern gleich wie bei Erwachsenen. Wenn sich das Kind große Sorgen macht, dann sollte man gemeinsam überlegen: Was können wir tun?“

Viele Menschen nicht nur in Österreich, sondern in weiten Teilen der Welt, befinden sich seit mittlerweile zwei Jahren im Krisenmodus - zwischen Coronavirus-Pandemie, dem sich schließenden Zeitfenster, um etwas gegen den Klimawandel zu tun, und dem Krieg in der Ukraine, nur wenige Hundert Kilometer von Österreich entfernt. Wancata weiß, dass Menschen sich an neue Situationen, wenn sich auch noch so schlimm sind, anpassen: „Kollegen, die sich mit Angstforschung beschäftigten, sagen immer: Im Normalfall adaptieren sich Menschen an fast alles. Es dauert ein paar Wochen, drei, fünf, sechs, acht Wochen, wo die Angst zurückgeht, wo die Schlafstörungen besser werden.“

Abschließend betonte Wancata die elementare Rolle des Alltags, um dem Leben einen starken Rahmen zu geben: „Es ist wichtig zu schauen, was ich tun kann, um den Alltag gestalten, um die Sachen wieder in Griff zu kriegen. Auch wenn Krieg in Europa sehr nahe ist im Vergleich zu Krieg in Irak und Afrika, ist er trotzdem ein Stück entfernt. Sogar in der Ukraine und in den Nachbarländern müssen Menschen schauen, dass der Alltag funktioniert. Das ist eine Belastung, aber es hilft, in die Realität zu kommen.“

 

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