Coronavirus

Druck „höher, als wir gedacht haben“

Die Covid-19-Simulationsmodelle von österreichischen Forschern bieten noch keinen Grund zu ausgelassenem Optimismus. „Jetzt sehen wir den Benefit der Maßnahmen von vor zwei Wochen“, erklärte Niki Popper von der TU Wien zwar. Es dürfe aber kein Nachlassen geben, da das Virus noch infektiöser sei als gedacht: „Der Druck, den wir auf dem Deckel drauf haben, ist noch höher, als wir gedacht haben.“

red/Agenturen

Bei den aktuellen Daten sehe man „die Wirksamkeit der Maßnahmen und die Diszipliniertheit der Leute“, sagte der Mathematiker Popper. Stefan Thurner vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna meinte sogar, dass „die Maßnahmen wirklich sehr, sehr gut greifen. Wenn sie zehn Tage später eingeführt worden wären, sähe die Situation jetzt ganz anders aus“.

Der Komplexitätsforscher und sein Team gehen so vor, dass es für Prognosen, die über einen Zeitraum von sieben Tagen hinausgehen, stets „ein gutes und ein schlechtes Szenario“ gebe. „Da kann man sagen, das positive ist eindeutig wahrscheinlicher geworden.“ Festzuhalten ist, dass es in diesem Szenario nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems im April kommt.

Verdopplungszeit liegt bei zehn bis elf Tagen

Abhängig davon, über wie viele Tage man die durchschnittliche Wachstumsrate betrachtet, liegt die Verdopplungszeit der Fallzahl in Österreich derzeit bei zehn bis elf Tagen. Auch die Entwicklung der wegen Covid-19 Hospitalisierten und der Zahlen der belegten Intensivbetten hat sich in dieser Woche eingebremst. „Das ist schon ein schöner Streif am Horizont“, stellte Thurner im Gespräch mit der APA fest.

Die beiden Experten, deren Rechnungen der Regierung als Entscheidungsgrundlage dienen, warnten aber mit Nachdruck davor, zu glauben, dass das Problem damit vom Tisch sei. „Die Frage ist, was ist dann in zwei Wochen?“, sagte Popper. Mit ungefähr so viel Verzögerung müsse man rechnen, bis sich reale Ereignisse in den Daten niederschlagen. „Wenn die Kontakte wieder dichter werden und zunehmen, dann ist damit zu rechnen, dass die Infektionszahlen sofort wieder hinaufschnellen“, erläuterte Thurner.

Popper betonte, es habe sich herausgestellt, dass die Basisreproduktionszahl (R0) noch höher sei, als man zuerst geglaubt habe. Diese gibt an, wie ansteckend ein Erreger am Anfang einer Epidemie ist, also wie viele Mitmenschen eine infektiöse Person im Schnitt ansteckt. Im Fall von Covid-19 wird sie neuesten Studien zufolge irgendwo zwischen 2,4 und 3,9 angenommen. „Wir müssen folgendes Bild vor Augen haben: der Druck auf dem Deckel ist sehr hoch, wir drücken ganz fest drauf. Wenn wir da nachlassen, dann knallt das mit Zeitverzug voll hinauf“, so Popper.

Die heikle Aufgabe der Regierung für die nächsten Wochen und Monate sei es, behutsam abzuwägen, wie man Maßnahmen schrittweise zurückrollen könnte, ohne dass die Zahlen wieder in die Höhe schnellen. „Wir werden da herumlavieren müssen“, umriss der Wiener Forscher eine Strategie, die der US-Autor Tomas Pueyo in einem enorm einflussreichen Artikel als „Hammer und Tanz“ beschrieb.

Demnach würde auf eine intensive Phase strenger Maßnahmen eine längere Phase mit mal weniger, mal mehr Einschnitten folgen, um neue Krankheitswellen zu unterdrücken. Das soll ermöglichen, dass einerseits die Wirtschaft wieder in die Gänge kommt, andererseits Zehntausende Leben gerettet werden und das Gesundheitssystem intakt bleibt. Verfolgt werden müsste diese Strategie notfalls so lange, bis ein Impfstoff auf dem Markt ist beziehungsweise bis es eine wirksame Therapie gibt, schrieb Pueyo.

 

 

Niki Popper dwh
Forscher Niki Popper sieht bei den aktuellen Daten unter anderem „die Wirksamkeit der Maßnahmen und die Diszipliniertheit der Leute“.
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