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Coronavirus

Impfstoffentwicklung mit vielen Unsicherheitsfaktoren

Echten Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen und Covid-19 könnte - abseits eines überstandenen Kontakts mit den Erregern - nur eine Vakzine bieten. Was prinzipiell so leicht erscheint, ist im Detail extrem schwierig: die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes bei wenigen Nebenwirkungen. Dies stellen jetzt internationale Experten (Nicole Lurie und Co-Autoren) im „New England Journal of Medicine“ fest.

red/Agenturen

Nichts ist so einfach wie man sich das oft vorstellt, schreiben die Experten von der internationalen Plattform zur Förderung von Innovationen in der Epidemie-Vorsorge (Coalition for Epidemic Preparedness Innovation/CEPI) in der neuesten Ausgabe der Medizinfachzeitschrift. SARS-CoV-2 hätte die Welt unerwartet getroffen.

Besser sei man beispielsweise auf eine Influenza-Pandemie vorbereitet gewesen, wie sie 2009/2010 mit der „Schweinegrippe“ (A/H1N1-Pandemie) aufgetreten sei: „Im vergangenen Jahrzehnt wurde die Wissenschaft dazu gedrängt, schnelle Reaktionsmöglichkeiten auf Epidemien wie H1N1-Influenza, Ebola, Zika und jetzt SARS-CoV-2 zu entwickeln. Ein H1N1-Impfstoff wurde relativ rasch entwickelt, zum größten Teil, weil die Technologie Influenza-Vakzine etabliert war. Darüber hinaus hatten die wichtigen Arzneimittelbehörden beschlossen, Impfstoffe auf der Basis von bebrüteten Hühnereiern und Zellkulturen wie sonst auch beim Austausch von Virusstämmen zu genehmigen.“

An sich können die Influenza-Vakzine jedes Jahr an die Entwicklung der Erreger angepasst werden. Man muss „nur“ ein enthaltenes Antigen austauschen und benötigt keinen neuen Zulassungsprozess mit großen klinischen Studien etc. Dieses Verfahren nutzte man 2009/2010. Nur einige Wochen nach Beginn der Schweinegrippe-Pandemie startete beispielsweise der Pharmakonzern Baxter am 15. Juni 2009 in Wien die Herstellung eines monovalenten Impfstoffes auf der Basis der Zellkulturtechnik. Österreich hatte 16 Millionen Dosen (zwei Teilimpfungen für acht Millionen Menschen) vorbestellt. Die Produktion konnte damals allerdings nicht sofort voll anlaufen, weil das verwendete Virus sich nicht schnell genug in den Fermentatoren vermehrte. Aber die Vakzine war dann doch Mitte Oktober 2009 verfügbar.

SARS und Zika zu schnell vorbei, um Impfstoff zu entwickeln

Bei anderen Viruserkrankungen liefen die Entwicklungsarbeiten in der jüngeren Vergangenheit viel zäher, wie die Experten feststellen: „Die SARS- und Zika-Epidemien folgten nicht dieser Richtung. Sie waren vorbei, bevor ein Impfstoff fertig war. Die staatlichen Institutionen leiteten die finanziellen Mittel um, die zuvor dafür gedacht waren. Die Impfstoffhersteller hatten Verluste zu tragen (...).“ So wurde eben keine SARS-Vakzine entwickelt und zugelassen, die man schnell auf SARS-CoV-2 verändern könnte.

„Eine ideale Plattform könnte klinische Studien mit einer Vakzine schon binnen weniger als 16 Wochen nach der Sequenzierung des Genoms eines Virus ermöglichen“, schreiben die Fachleute. Doch es gebe trotzdem große Hürden.

Die im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 oft genannten DNA- oder RNA-Vakzine, bei denen der Körper des Geimpften selbst die Antigene produzieren soll, auf die das Immunsystem reagiert, würden den Entwicklungsprozess zwar abkürzen, bisher sei aber weltweit kein einziges derartiges Produkt zugelassen. Bei SARS-CoV-2 sei auch noch immer unklar, ob das Spike-Oberflächen-Antigen (S-Protein) eine ausreichend starke Immunantwort als Impfstoff auslöse.

Tierversuche mit experimentellen SARS- und MERS-Impfstoffen hätten zu Befürchtungen geführt, wonach die Vakzine eventuell Lungenkomplikationen im Rahmen einer Erkrankung verschlechtern könnten. Und schließlich gebe es noch keine etablierten Parameter, die man als Beweis für eine schützende Wirkung heranziehen könnte.

Ein RNA-SARS-CoV-2-Impstoff kam in den USA mit 16. März in eine erste klinische Prüfung (Phase-I). Studien mit Impfstoffen wurden auch in China genehmigt. Für eine allfällige Produktion der Vakzine seien jedenfalls hunderte Millionen Euro an Investitionen notwendig, schreiben Nicole Lurie und ihre Co-Autoren. Schließlich: „Es ist sehr unsicher, ob diese neuen Technologie-Plattformen so erweiterbar sind, dass man genügend große Mengen an Impfstoff schnell genug erzeugen kann.“

Britischer Tabakkonzern BAT arbeitet an Impfstoff

Auch viele Firmen arbeiten weltweit mit Hochdruck an Arzneimitteln und Impfstoffen gegen den Erreger der Lungenkrankheit Covid-19. Darunter der britische Tabakkonzern British American Tobacco (BAT), der Zigarettenmarken wie Lucky Strike und Dunhill herstellt. Wie BAT am Mittwoch mitteilte, arbeitet seine US-Biotechnologie-Tochter Kentucky BioProcessing (KBP) an der Entwicklung des Impfstoffs.

Der Impfstoff befindet sich den Angaben zufolge in der vorklinischen Prüfung. Er wurde also noch nicht an Patienten getestet und hat dafür auch noch keine Genehmigung der Gesundheitsbehörden. Wenn die Tests gut verlaufen, will BAT aber bereits ab Juni zwischen einer und drei Millionen Impfdosen pro Woche herstellen. Der Konzern will dabei mit anderen Partnern und Behörden zusammenarbeiten.

KBP hat den Angaben zufolge einen Teil der genetischen Sequenz des neuartigen Coronavirus geklont und auf dieser Grundlage ein sogenanntes Antigen entwickelt, welches eine Immunantwort im Körper und die Produktion von Antikörpern auslöst. Das Antigen wurde dann zur Vervielfältigung in Tabakpflanzen eingesetzt.

BAT-Forschungsdirektor David O'Reilly erklärte, der Konzern habe mit seiner Tabakpflanzen-Technologie einen „bedeutenden Durchbruch“ in der Impfstoffentwicklung erzielt. BAT sei bereit, mit Regierungen und allen anderen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um den Kampf gegen das Coronavirus "möglichst bald zu gewinnen“. BAT steht seinen Angaben zufolge bereits mit den Gesundheitsbehörden in den USA und in Großbritannien in Kontakt.

Impfungen
Bei SARS-CoV-2 sei etwa unklar, ob das Spike-Oberflächen-Antigen (S-Protein) eine ausreichend starke Immunantwort als Impfstoff auslöse.
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