Schlaganfall

Koordination in Akuttherapie hat größte Bedeutung

Beim Schlaganfall zählt jede Minute, damit der Schaden im Gehirn nicht zu groß wird. Die fundamentale Voraussetzung für die Anwendung der modernsten Therapien - Thrombolyse oder Kathetereingriff - ist ein optimal funktionierendes System vom Krankentransport bis in die höchst spezialisierte Spitalsabteilung. Dies zeigt eine spanische Studie, die am Wochenende bei der Welt-Schlaganfall-Konferenz (ESO-WSO 2020) präsentiert worden ist.

red/Agenturen

Die Konferenz sollte ursprünglich im Frühjahr 2020 in Wien stattfinden, dann wurde sie auf den Herbst verschoben, um nunmehr Online mit mehr als 5.000 Teilnehmern weltweit (7. bis 9. November) abzulaufen. Die Themen sind zwischen Prävention, Therapie und Rehabilitation angesiedelt.

Von größter Bedeutung für die Organisation der Akutversorgung von Schlaganfallpatienten dürfte der am Samstag von Marc Ribo (Universitätsklinik Vall d'Hebron/Barcelona) vorgestellten RACECAT-Studie zukommen. „Wir haben in die Untersuchung zwischen 1. März 2017 und März 2020 1.400 Patienten mit schweren Schlaganfällen aufgenommen“, sagte der Experte.

Die Einschätzung des Status der Patienten erfolgte bereits durch die am Einsatz eingetroffenen speziell ausgebildeten Sanitäter. Sie konnten sich im Bedarfsfall sofort an Klinikärzte um Rat wenden. Dann gab es eine Trennung in zwei Gruppen: Etwa die Hälfte der Patienten kam in die nächste „Stroke Unit“ (spezialisierte Behandlungsstation für Schlaganfallpatienten) für eine Thrombolyse, also die medikamentöse Auflösung des aufgetretenen Blutgerinnels in einem Gehirngefäß. Bei Bedarf sollte dann ein Transfer an ein höchst spezialisiertes Zentrum mit der Möglichkeit für Kathetereingriffe im Gehirn zur Entfernung des Thrombus (Thrombektomie, Anm.) erfolgen. 700 Patienten hingegen wurden sofort in ein solches Zentrum überstellt.

Der Hintergrund liegt darin, dass es bisher ungeklärt ist, ob Patienten mit schweren und eventuell für eine Thrombektomie infrage kommenden ischämischen Schlaganfällen besser in die nächste „Stroke Unit“ gebracht werden sollten oder ob die sofortige Einlieferung in ein eventuell weiter entferntes Zentrum (interventionelle Neurologie per Katheter) bessere Behandlungsergebnisse bringt. In Katalonien machten alle 27 Spitäler mit „Stroke Units“ mit, übergeordnet waren sieben Zentren für interventionelle Neurologie. In Österreich existierten beispielsweise im März 2019 39 „Stroke Units“, neun Zentren waren technisch und personell für Katheterinterventionen ausgerüstet. Auch in Österreich ergibt sich die Frage der bestmöglichen Koordination der Einrichtungen und des Krankentransports im Akutfall.

Vielversprechende Studie präsentiert

Das wichtigste Ergebnis: Ob die Patienten sofort in ein übergeordnetes interventionelles Zentrum oder zunächst in eine „Stroke Unit“ ohne Kathetereinheit, aber mit Thrombolysemöglichkeit kamen (mit Sekundärtransport in eine interventionelle Abteilung bei Bedarf), das machte für den Behandlungserfolg nicht aus. „Rate und Verteilung später bestehen gebliebener Beeinträchtungen unterschieden sich in keiner Weise bei den beiden Patientengruppen“, sagte Ribo.

In den „Stroke Units“ ohne Katheterlabor lag die Rate der Thrombolysetherapien bei 60 Prozent, in den übergeordneten Zentren bei 47 Prozent. Umgekehrt betrug die Rate der Patienten der lokalen „Stroke Units“, die schließlich einen Kathetereingriff zur Entfernung des Blutgerinnsels erhielten, 40 Prozent. Hingegen wurden 50 Prozent der direkt in die Zentren Eingelieferten per Thrombektomie behandelt. Offenbar spielte die mögliche Zeitverzögerung durch einen zweiten Krankentransport zur Überstellung von Patienten in Zentren keine negative Rolle. „Das funktioniert aber nur, wenn das gesamte Versorgungsystem vom Krankentransport über die 'Stroke Units' bis in die Zentren strukturiert ist und alle zusammenarbeiten“, sagte der Experte.

Bei dem Kongress wurde auch eine Studie präsentiert, die eine Verbesserung in der Prävention weiterer Schlaganfälle nach einem ersten Insult bedeuten könnte. Fünf bis zehn Prozent der Schlaganfallpatienten erleiden nämlich eine zweite Insult-Attacke, die meisten davon schon im ersten Monat. In der THALES-Untersuchung waren 11.000 Patienten in weltweit 414 Studienzentren aufgenommen worden. Die Hälfte erhielt für 30 Tage eine Therapie mit den beiden Thrombozyten-Aggregationshemmern ASS (Acetylsalizylsäure; Aspirin 75 bis 100 Milligramm täglich) und zweimal täglich das ähnlich wirkende Medikament Ticagrelor. Die andere Hälfte nahm zur Verhinderung einer weiteren Thrombusbildung ausschließlich ASS ein. Unter der Kombinationstherapie erlitten 5,4 Prozent der Patienten einen weiteren Schlaganfall oder verstarben, in der Kontrollgruppe (ASS allein) waren es 6,5 Prozent. Der Vorteil der Kombinationsbehandlung war statistisch signifikant.