Hämophilie

Gentherapie hilft langfristig gegen Bluterkrankheit

Eine Gentherapie hilft offenbar längerfristig gegen die Bluterkrankheit Hämophilie A. Bei der überwiegenden Mehrzahl von Behandelten zeigte sich in einer klinischen Studie eine anhaltende Normalisierung der Blutgerinnung, berichteten jetzt US-Wissenschafter in einer Studienpublikation im „New England Journal of Medicine“. Es handelt sich um die zweite derartige Untersuchung mit ähnlich positiven Ergebnissen.

red/Agenturen

„Bei 16 von 18 Teilnehmern, welche SPK-8011 (Adeno-assoziierten Virusvektor mit Erbinformation für fehlenden Faktor VIII-Blutgerinnungsfaktor; Anm.) erhielten, erlaubte eine anhaltende Expression von Faktor VIII die Beendigung der Blutungsprophylaxe und eine Verringerung von Blutungsepisoden“, schrieben Lindsay George (Kinderklinik der Universität Pennsylvania/Philadelphia) und seine Co-Autoren.

Die Erbkrankheit Hämophilie A mit einer Häufigkeit von eins zu 5.000 bei männlichen Neugeborenen hat ihre Ursache in einem Gendefekt, der zu einer zu geringen bis keiner Bildung des Blutgerinnungsfaktors VIII führt. Deutlich seltener ist die Hämophilie B mit einem Faktor IX-Mangel. Für die Hämophilie ist die Blutungsprophylaxe durch Verabreichung der Gerinnungsfaktoren aus Blutplasma oder gentechnischer Produktion die Standardtherapie. Seit vielen Jahren wird an der Entwicklung von Therapien geforscht, welche eine Heilung durch Korrektur der Gendefekte herbeiführen könnten. Bereits 2017 wurde über gute Erfolge mit einer Gentherapie bei Hämophilie B (Faktor IX-Mangel) berichtet. Noch nicht so weit fortgeschritten war man bisher bei der Hämophilie A (Faktor VIII-Mangel). Doch das dürfte sich ändern.

„Genfähre“ importiert Gerinnungsfaktor-Bauplan

In der nun publizierten klinischen Studie erhielten 18 Erwachsene mit einer nur zweiprozentigen Aktivität von Faktor VIII im Vergleich zu Gesunden eine Infusion mit der „Genfähre“ und dem enthaltenen Erbmaterial für die Produktion des Gerinnungsfaktors in der Leber. Das Genmaterial für den Blutgerinnungsfaktor VIII ist im Vergleich zum natürlich vorkommenden verkürzt, um es in dem Vektor, der von ungefährlichen Viren (Adeno-assoziierte Viren - AAV) abgeleitet wurde, überhaupt unterbringen zu können.

Bei acht der Probanden traten Nebenwirkungen der Behandlung auf, nur eine Komplikation wurde als schwerwiegend kategorisiert. „Zwei Teilnehmer verloren wieder die Faktor VIII-Expression durch eine zellvermittelte Immunreaktion gegen AAV. Bei den anderen 16 Probanden hielt die Faktor VIII-Expression an“, schrieben die Wissenschafter. Die mittlere Beobachtungszeit betrug etwas mehr als drei Jahre (36,6 Monate). Bei zwölf der Behandelten betrug die Beobachtungszeit mehr als zwei Jahre. Die Konzentrationen an Blutgerinnungsfaktor blieben gleich und machten mehr als zwölf Prozent der normalen Aktivität aus. Das reicht für eine normalisierte Blutgerinnung.

Rund 400.000 Patientinnen und Patienten weltweit betroffen

„Die Teilnehmer hatten eine um 91,5 Prozent reduzierte jährliche Häufigkeit von Blutungsepisoden (im Mittel vor der Behandlung 8,5 Blutungen/Jahr) auf 0,3 Blutungen pro Jahr“, schrieben die Wissenschafter.

Diese Ergebnisse passen offenbar gut zu den Resultaten einer ersten derartigen Studie, welche am 2. Jänner 2020 - ebenfalls im „New England Journal of Medicine“ - mit einem ähnlichen Gentherapiekonzept gegen die Hämophilie A publiziert worden ist. Innerhalb von drei Jahren waren keine Blutungen mehr bei den Behandelten registriert worden. Auch die Notwendigkeit von Faktor VIII-Infusionen war fast völlig beseitigt worden.

Weltweit leben rund 400.000 Patienten mit einer Hämophilie. In Österreich sind in einem entsprechenden Register rund 700 Personen mit Hämophilie A und etwa 130 mit Hämophilie B verzeichnet.

NEJM