Forscherin

Hunderte Genveränderungen können Autismus verursachen

Menschen mit Autismus haben zwar Gemeinsamkeiten wie Probleme bei sozialen Beziehungen und der Kommunikation, sowie eine Vorliebe für stereotype Tätigkeiten, aber es gibt diese „Entwicklungsstörung“ in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Das ist nicht verwunderlich, denn Hunderte Genveränderungen können sie hervorbringen, erklärte Gaia Novarino vom Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg der APA im Vorfeld einer Autismus-Konferenz am Dienstag.

red/Agenturen

Die Konferenz „Autism in Austria“ geht heute am IST Austria über die Bühne. Für Novarino werden „beim Autismus viele verschiedene Funktionsstörungen in einen Topf geworfen. Wir wissen, dass es Hunderte von Mutationen und Gene gibt, die zum Risiko beitragen". Um ihre Funktionen im Gehirn zu identifizieren, verändert das Team im Labor der Wissenschafterin bei Mäusen jedes verdächtige Gen etwa mit der „Crispr-Cas"-Genschere und studiert die Auswirkungen der Mutationen in ihren kleinen Gehirnen. Mit einigen Vorbehalten könne man von den Tierversuchen darauf schließen, was in den Gehirnen von Patienten mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) vorgeht.

Novarino hat auf diese Art herausgefunden, dass Veränderungen in einem ASS-Hochrisikogen namens „Cullin-3“ eine Anhäufung des Eiweißstoffes „Plastin-3“ im Gehirn bewirken, was Nervenzellen quasi den Weg zum Einsatzort versperrt. Wenn man die Anhäufung von Plastin-3 mit neuen Therapeutika verringert, könnte man eventuell einige Symptome lindern, berichtete Novarino zuletzt im Fachjournal „Nature Communications".

Die Klosterneuburger Forscherin hat außerdem gezeigt, dass bei Mutationen im „SETD5"-Gen Erinnerungen tief ins Gehirn eingeprägt werden und kaum mehr überschreibbar sind, wie sie in einer weiteren Publikation im Fachjournal „Nature Neuroscience“ berichtete. Diese Genveränderungen machte Mäusegehirne so unflexibel, dass sich die Tiere schwer an neue Situationen anpassen. Weil bei den mutierten Mäusen nur das Verhalten, aber nicht die Gehirnstruktur verändert ist, gäbe es Hoffnung, dass Behandlungen von Patienten mit SETD5-Mutationen möglich sind.

Nicht jede Form von Autismus behandelbar

In einer weiteren Studie im Fachmagazin „Cell“ hat Novarino beobachtet, dass bei manchen Betroffenen ein Transportstoff im Gehirn (Solute Carrier Transporter-7a5) fehlerhaft ist. Er bringt normalerweise eine bestimmte Form von Eiweißstoffen (verzweigtkettige Eiweißstoffe) in die Denkzentrale. Ist der Transporter defekt, fehlen sie im Gehirn. Das Einschleusen von verzweigtkettigen Eiweißstoffen in die Gehirne solcher Mäuse verbesserte die Verhaltenssymptomatik. Dies zeige, dass Autismus entgegen der gängigen Lehrmeinung teils behandelbar und nicht immer eine unumkehrbare Entwicklung ist, so Novarino.

Die Forscherin erklärte, dass man nicht jede Form von Autismus behandeln sollte, selbst wenn es irgendwann die Möglichkeit dazu gibt: „Viele Betroffene sehen sich vor allem bei milden Formen nicht als krank.“ Am besten würde man bei solchen Ausprägungen einfach von „einer bloß etwas anderen Formen des Charakters“ sprechen. „Selbstverständlich ist dies nicht etwas, das wir 'behandeln' wollen“, erklärte die Forscherin. Bei schweren Formen könnten geeignete Therapien hingegen den Menschen das Leben erleichtern.

Andere Forschungsgruppen hätten rund 20 weitere Gene eindeutig identifiziert, die mit Autismus in Verbindung stehen könnten, sie aber nicht näher untersucht. Ihnen will sich Novarino nun widmen. Genetische Untersuchungen hält sie für die derzeit erfolgversprechendste Strategie. Ob Umweltfaktoren auch zum Autismus-Risiko beitragen, wisse man derzeit nicht. „Bis jetzt hat man keine gesicherten Hinweise darauf gefunden“, sagte sie. Es sei außerdem klar, dass Impfungen kein Grund für Autismus sind. „Hier gibt es keine kausale Verknüpfung“, so Novarino.

Link zur Konferenz: https://ist.ac.at/en/news-events/event/?eid=3389, Links zu den Studien: http://dx.doi.org/10.1038/s41467-021-23123-xhttp://dx.doi.org/10.1038/s41593-018-0266-2http://dx.doi.org/10.1016/j.cell.2016.11.013