Symposium

Integrierte Versorgung für chronisch Kranke besonders wichtig

Rund 2,8 Millionen Menschen haben in Österreich eine chronische Erkrankung. Mit dem Alter steigt der Anteil chronisch Kranker an der Bevölkerung stark an. Das Gesundheitswesen ist aber in vielen Bereichen durch Spezialisierung und Konzentration auf die Akutversorgung fragmentiert und liefert bei komplexen, lang dauernden bis nicht heilbaren Erkrankungen keine optimalen Ergebnisse, hieß es am Mittwoch bei einem Online-Symposium der Österreichischen Gesundheitskasse.

red/Agenturen

„Lebenswelten chronisch kranker Menschen im Spannungsfeld der Sektoren“, lautete der Titel des Symposiums des Competence Center Integrierte Versorgung der ÖGK, das wegen Covid-19 kurzfristig ins Virtuelle verlagert werden musste. Integrierte Gesundheitsversorgung ist jedenfalls ein derzeit höchst aktuelles Schlagwort, in dessen Zusammenhang so unterschiedliche Bereiche und Einrichtungen wie Primärversorgungszentren, Schnittstellenmanagement oder Disease Management Programme genannt werden.

Keine zu großen Erwartungen

Von zu großen Erwartungen sollte man Abstand nehmen und Ursache und Geschichte eines großteils fragmentierten Gesundheitswesens berücksichtigen, sagte Peter Berchtold, der sich an der Universität Bern dem Management von Medizin in Organisationen des Gesundheitswesens widmet. Er nannte dafür ein Beispiel: Anfang der 1990er-Jahre hätte man die „Evidence Based Medicine“, also eine Medizin auf immer gesicherter wissenschaftlicher Grundlage, ausgerufen. Damit würde alles besser werden, lautete die Erwartung. Der Experte: „Natürlich ist Evidence Based Medicine wichtig. Aber alle Versprechen hat sie nicht erfüllt.“

Aktuell sei die „Integrierte Versorgung“ im Gesundheitswesen ein ähnliches Thema. Man gerate aber sehr schnell in Probleme. Berchtold: „Es ist praktisch nicht möglich, 'die‘ integrierte Versorgung zu definieren.“ Zu viele Erwartungen würden zusammenkommen: reine Effizienzsteigerung sei oft kontraproduktiv, optimale interprofessionelle Zusammenarbeit von Spezialisten schwer zu erreichen.

Das laut dem Schweizer Experten gute historische und faktische Gründe: „Die Leistungserbringung ist (im Gesundheitswesen; Anm.) von Professionalität und rigider Arbeitsteilung geprägt. Die Gesundheitsversorgung ist im Kern und in ihren Grundsätzen fragmentiert und muss es sein. Der Normalzustand des Gesundheitssystems ist die Fragmentierung.“ Sonst könnte man nicht hoch effizient und mit jeweils höchster Qualität standardisierte Leistungen erbringen. Die Schichtung vom Hausarzt bis zum Spezialisten an einer Universitätsklinik, die Unterteilung in Allgemeinmedizin bis hin zu höchst spezialisierten Ambulanzen und stationärer Aufnahme von Patienten, die Beteiligung der verschiedensten Gesundheitsberufe von Therapeuten, Pflegepersonal und Ärzten sowie Angehörigen der Sozialberufe – all das ist auch notwendig.

Gesundheitssysteme auf akute Erkrankungen ausgerichtet

Auch dafür gibt es eine Ursache. Berchtold: „Unsere Gesundheitssysteme sind seit jeher dazu da, Patienten mit akuten Erkrankungen zu versorgen. Zwei Drittel aller Erkrankungen treten akut auf.“ Bei der Behandlung eines Herzinfarktpatienten müsse jeder Handgriff, jeder Ablauf in der kürzest möglichen Zeit „sitzen“ und reibungslos erfolgen. Hier habe die Standardisierung und Fragmentierung ihren größten Wert.

„Aber es gibt es ein Problem, wenn ein Diabetespatient auch einen Nierenspezialisten und eine Augenuntersuchung benötigt“, sagte der Experte. Der mögliche Ausweg: Parallel zur hoch spezialisierten Versorgung von Patienten mit akuten Erkrankungen müsse man in Zukunft mehr Gewicht auf die Betreuung langfristig und kompliziert zu versorgender Patienten legen. Berchtold: „Wir brauchen eine Differenzierung zwischen 'Normalfall‘ und komplexer Versorgung.“

Doch auch chronisch Kranke sind nicht eine Gruppe. Innerhalb der Menschen mit lang andauernden bzw. nicht mehr heilbaren belastenden Erkrankungen muss ebenfalls differenziert werden, stellte Regina Roller-Wirnsberger, Spezialistin für Geriatrie, engagiert in der Österreichischen Plattform für interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA), fest: „Grundsätzlich gibt es chronisch Kranke mit einer Erkrankung und Multimorbide.“ Schon bei diesen beiden Untergruppen sollte die Versorgung unterschiedlich ablaufen und organisiert werden. Die oberste Prämisse: eine optimale Personen-zentrierte Versorgung, die realistische, erreichbare und vom Betroffenen auch gewünschte Ziele samt bestmöglicher Lebensqualität erreiche.

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