Krebspatient:innen: Mehr Omikron-Infektionen - Weniger Spitalsaufnahmen

Neue SARS-CoV-2-Impfstoffe und andere Gegenstrategien sind für Krebskranke gegen Covid-19 dringend erforderlich. Von der ursprünglichen aus Wuhan stammendenden Variante der Covid-19-Erreger bis zu den Omikron-Mutationen zeigen die verwendeten Vakzine eine schwächer werdende Wirkung. Das hat eine Analyse der Daten von fast 4.000 Krebspatient:innen des Wiener AKH und des Franz Tappeiner Spitals in Meran ergeben.

red/Agenturen

„Wir brauchen für die Krebspatient:innen gegen SARS-CoV-2 in Zukunft neue Impfstoffe und andere Strategien, um Infektionen trotz erfolgter Impfung zu verhindern. Das gilt nicht nur für Patient:innen mit Blutkrebs, die dagegen Therapien erhalten, welche die sogenannten B-Zellen beseitigen sollen“, sagte Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie (MedUni Wien/AKH) gegenüber der APA.

In die Analyse, die jetzt in Cancer Cell erschienen ist, flossen die Daten von 3.959 Krebspatient:innen ein. 3.036 Kranke (knapp 77 Prozent) litten an Tumoren, 923 hatten hämatologische Erkrankungen. Die behandelnden Ärzt:innen in Wien und Meran drängten natürlich auf eine Covid-19-Impfung. Immerhin haben Menschen mit bösartigen Erkrankungen ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion, umgekehrt kann eine solche Erkrankung auch die Verschiebung potenziell lebensrettender Therapien bedeuten.

Schutzmaßnahmen für Krebspatient:innen weiterhin wichtig

Die Impfung wird prinzipiell jedem Krebspatient:innen empfohlen, falls möglich schon vor Beginn einer potenziell immunschwächenden onkologischen Therapie, um deren Effekt nicht auch herabzusetzen. Zum Zeitpunkt der Impfung erhielten knapp 70 Prozent der in der Studie untersuchten Krebskranken keine solche Behandlung. Zwischen 24. Februar 2020 und 28. Februar dieses Jahres hatten insgesamt 24 Prozent der Patient:innen eine SARS-CoV-2-Infektion. Rund 85 Prozent hatten in diesem Zeitraum zumindest eine Impfung erhalten. Nur knapp 15 Prozent waren nicht geimpft. Die Covid-Impfung gab es erst ab Anfang 2021.

Delta- und Omikron-Varianten von SARS-CoV-2 führten jedenfalls zu einer deutlichen bis dramatischen Änderung der Situation. „Bis zum Auftauchen von Delta wurden fast keine Infektionen trotz Impfung registriert“, sagte Preusser. Mit dem Auftauchen der Delta-Variante zeigte sich etwa von der 42. Kalenderwoche 2021 bis Ende des Jahres erstmals ein erheblicher Anteil von SARS-CoV-2-Infektionen trotz erfolgter Impfung. Etwas mehr als 43 Prozent der Erkrankten waren zuvor immunisiert worden. Die meisten dieser Durchbruchinfektionen traten bei Krebspatient:innen mit zwei Covid-19-Impfungen auf. Mit Omikron ab Anfang 2022 schnellten die Durchbruchinfektionen noch einmal in die Höhe. „Wir hatten plötzlich dreimal mehr SARS-CoV-2-Infektionen als während der Delta-Welle“, erklärte der Onkologe. Fast 71 Prozent der Betroffenen von solchen Durchbruchinfektionen traten während der Omikron-Welle auf. Die meisten dieser Infektionen entfielen auf Patient:innen, welche mittlerweile bereits drei Impfungen erhalten hatten.

Ein weiteres Faktum: Krebspatient:innen, welche eine medikamentöse Therapie gegen ihre bösartige Erkrankung erhielten, hatten viermal häufiger solche SARS-CoV-2-Durchbruchinfektionen als Personen, die gerade keine derartige Behandlung bekamen. Ein positiver Trend: Wegen Omikron-Infektionen mussten weniger Krebskranke ins Spital aufgenommen werden, die Dauer allfälliger Hospitalisierungen war tendenziell kürzer. Hier ähnelte die Entwicklung jener in der Allgemeinbevölkerung. Allerdings führen SARS-CoV-2 Infektionen bei Tumorpatient:innen natürlich zu Verzögerungen der Krebstherapien.

Durchbruchinfektionen von Wuhan- zu Delta- und Omikron-Variante

Weitergehende Laboranalysen zeigten schließlich, was der Grund für die Durchbruchinfektionen bei Krebskranken, vor allem jene unter einer das Immunsystem schwächenden Therapie, ist. Die Wissenschafter untersuchten nämlich bei gesunden Angehörigen des Spitalspersonals, bei den Patient:innen mit Tumorleiden sowie bei Kranken mit Blutkrebs mit oder ohne gegen die B-Zellen gerichteter Therapie (z.B. Patienten mit B-Zell-Leukämien bzw. Lymphomen) die Konzentration an Antikörpern gegen das Spike-Protein bzw. gegen dessen Rezeptor-bindenden Proteinanteil nach erfolgter Covid-19-Impfung, sowie auch die Fähigkeit der Antikörper die Bindung des Virus an die Rezeptoren zu unterbinden.

Fazit: Bei den Angehörigen des Spitalspersonals als Kontrollgruppe zeigte sich zwar eine abnehmende Antikörperantwort mit dem Auftreten der Delta-Variante und schließlich der Omikron-Mutation von SARS-CoV-2, in jeder Auswertung aber schnitten die Krebspatient:innen unter laufender Krebstherapie- sowohl die Patient:innen mit hämatologischen Erkrankungen als auch jene mit soliden Tumoren - schlechter ab. Während das beim ursprünglich verbreiteten Wuhan-Virus noch kaum von Bedeutung war, verschlechterten die Delta- und Omikron-Varianten die Schutzwirkung der Impfung bei Krebskranken deutlich. Für sie wäre wohl eine Anpassung der Vakzine besonders wichtig.