Wiener Methode zur Rückenmarkstimulation lindert Spastizität

Personen mit Querschnittslähmungen leiden oft an einer Art Entgleisung der Muskelaktivität in Bereichen unterhalb der Verletzung. Diese sogenannte Spastizität kann bisher mittels nebenwirkungsreichen Medikamenten oder aufwendigen Operationen gelindert werden. Ergebnisse von Studien von Wiener Forschern zeigen nun, dass dem auch mit einer speziellen Stimulation des Rückenmarks beizukommen wäre. Die Forscher wollen die Methode Patient:innen zugänglich machen.

red/Agenturen

Damit Extremitäten gezielt bewegt werden können, braucht es ein diffiziles Zusammenspiel an Erregung und Hemmung - also der Anspannung und Entspannung von Muskeln. Ist das Rückenmark bei einer Querschnittslähmung unterbrochen, führt das nicht nur zu Lähmungen, sondern auch oft dazu, dass dieser Prozess gestört ist und Patient:innen unter erhöhter Muskelspannung und Krämpfen in Extremitäten leiden.

Neben Physio- und Ergotherapie kann man auch mit Medikamenten gegensteuern. Letztere wirken aber im ganzen Körper, hemmen die willkürlichen Bewegungen allerorts mit und machen Patient:innen oft sehr müde. Bewährt hat sich auch, wenn mittels rückenmarksnah implantierten Elektroden Strukturen direkt angeregt werden. So können Personen mitunter wieder ein bestimmtes Maß an Kontrolle über betroffene Bereiche erlangen, es braucht dazu aber aufwendige Operationen und viel Technik.

Bei der nichtinvasiven Rückenmarkstimulation wird eine Elektrode auf der Haut über der Wirbelsäule platziert, die zweite am Bauch. Zwischen den beiden fließt Strom. Dieser gelangt über natürliche Verschaltungen schließlich auch in jene Nervennetzwerke im Rückenmark, die dafür zuständig sind, die Muskelbewegungen etwa in den Beinen zu regeln.

Ermutigende Studienergebnisse mit nichtinvasivem Ansatz

Mit ihrem Kollegen Karen Minassian hat die Mathematikerin und Neurowissenschafterin Ursula Hofstötter am Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der Medizinischen Universität Wien in den vergangenen 15 Jahren diesen Ansatz entwickelt, bei dem die Anregung der Rückenmarkstrukturen mit Klebeelektroden auf der Körperoberfläche bewerkstelligt wird. „Durch Computersimulationen und elektrophysiologische Arbeiten haben wir gezeigt, dass ein Teil des Stromes tatsächlich in die Tiefe des Körpers, in den Wirbelkanal geht“, erklärte Hofstötter im Gespräch mit der APA.

In erster Linie stimuliert die Methode jene Nervenbahnen mit Verbindung zum Rückenmark, die von den Beinen weg führen. Diese stellen einen intakten Zugang zu Bewegungszentren im Rückenmark dar, die durch eine darüber liegende Rückenmarksverletzung nicht mehr oder nur noch eingeschränkt willentlich angesteuert werden können.

Forscher streben eigenes Zentrum zur Anwendung von Methode an

Bereits in früheren vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Studien zeigte sich ein antispastischer Effekt der Behandlung: Schon nach einmaliger Stimulation für 30 Minuten ging die Überreaktion der Muskeln für mehrere Stunden zurück und die noch erhaltene Motorik verbesserte sich bei vielen Patient:innen. Bei regelmäßiger Behandlung hielten Effekte auch mehrere Tage an. Wie genau es zu den Wirkungen kommt, untersucht das Team aktuell in einer neuen klinischen Untersuchung.

Hofstötter und ihr Team wollen die Erkenntnisse künftig weiter in Richtung Betroffene tragen. Die nichtinvasive Rückenmarkstimulation soll sich möglichst im Rehabilitationsbereich etablieren, so die Vision. Der Forscherin schwebt ein Zentrum in Wien oder anderswo in Österreich vor, „wo man diese neuartigen wissenschaftlichen Erkenntnisse“ Patient:innen zuerst im Rahmen von Studien und dann als reguläre Behandlung anbieten kann. Der Bedarf sei jedenfalls groß und viele Menschen, die von den Möglichkeiten hören, wenden sich momentan hoffnungsvoll direkt an die Wissenschafter. „Wir brennen natürlich darauf, das Wissen weiterzugeben“, sagte Hofstötter.