Gerichtssache
Gerichtssache

Fast wegen der Pille gestorben? Deutsche klagt weiter gegen Bayer

Der Rechtsstreit um mögliche Gesundheitsgefahren durch die Einnahme der Verhütungspille „Yasminelle“ beschäftigt die nächste Instanz. Das Oberlandesgericht Karlsruhe verhandelte am Dienstag in Freiburg in Berufung über die Schadenersatzklage einer Frau gegen den Pharmavertreiber Bayer Vital GmbH.

red/Agenturen

Die Klägerin erlitt im Juli 2009 eine beidseitige Lungenembolie sowie einen Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand und entging nur knapp dem Tod. Sie führt das auf die Einnahme der Verhütungspille „Yasminelle“ mit seinem Wirkstoff Drospirenon zurück. Dieses Präparat gehört zu den Verhütungspillen der sogenannten vierten Generation, die immer wieder wegen erhöhter Thrombose-Risiken in der Kritik stehen.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erleiden bei Einnahme des Wirkstoffs Drospirenon etwa neun bis zwölf von 10 000 Frauen innerhalb eines Jahres eine venöse Thromboembolie. Bei der Einnahme einer Pille der sogenannten ersten Generation sind es demnach weniger: fünf bis sieben. Das Institut empfiehlt Ärzten mittlerweile, insbesondere Erstanwenderinnen und Anwenderinnen unter 30 bevorzugt Pillen der ersten und zweiten Generation zu verschreiben, also den Pillen „mit dem bekannten geringsten Risiko für venöse Thromboembolien“.

In der Verhandlung in Freiburg wurde ein Sachverständiger unter anderem dazu befragt, ob die Gesundheitsschäden der Frau auch auf andere Faktoren als auf die Einnahme der Pille zurückzuführen sein könnten - etwa auf einen Langstreckenflug der Klägerin Monate vorher. Darauf zielt die Bayer-Verteidigung ab: Wenn das Unternehmen sicher nachweisen kann, dass im konkreten Einzelfall andere Faktoren als das Medikament geeignet gewesen sein können, die Gesundheitsschäden zu verursachen, haftet es nicht, wie ein Gerichtssprecher erläuterte. Eine Entscheidung soll am 25. Juni verkündet werden.

„Werde nie wieder zu meinem alten Körper kommen“

Für die Klägerin geht es um viel. „Ich werde nie wieder zu meinem alten Körper kommen“, sagte die heute 36-Jährige kurz vor dem Prozesstag. „Man wacht mit 25 aus dem Koma auf und kann gar nichts mehr.“ Heute leide sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, Panikattacken und Depressionen und müsse ihren Alltag nach der Krankheit ausrichten. Das Verfahren sei zudem ein Beispielprozess. Sollte das Gericht zu ihren Gunsten entscheiden, könne das viele Klagen weiterer „Yasminelle“-Geschädigter gegen Bayer nach sich ziehen. 2018 war die Frau mit ihrer Schadenersatzklage vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen gescheitert.

Die Bayer Vital GmbH hält die Ansprüche der Klägerin für unbegründet. Niedrig dosierte kombinierte orale Kontrazeptiva wie „Yasminelle“ wiesen bei bestimmungsgemäßer Einnahme ein positives Nutzen-Risiko-Profil auf. Die Pille „Yasminelle“ und ihr Wirkstoff Drospirenon wurden nach Bayer-Angaben von der ehemaligen Schering AG entwickelt. Seit diese von Bayer übernommen wurde, gehört „Yasminelle“ demnach zum Bayer-Portfolio und wird heute von Jenapharm, einem Bayer-Tochterunternehmen, vertrieben.

In den USA hat Bayer wegen Drospirenon-haltigen Präparaten bereits hohe Vergleichszahlungen leisten müssen. 10 600 Anspruchstellerinnen erhielten dort wegen Erkrankungen infolge von venösen Blutgerinnseln insgesamt rund 2,1 Milliarden US-Dollar, wie das Leverkusener Unternehmen mitteilte. Eine Haftung sei aber nicht anerkannt worden. Im Zusammenhang mit den Präparaten sind nach Bayer-Angaben noch weitere Verfahren anhängig: zwei in den USA und „weniger als zehn“ in Ländern außerhalb der USA und Kanada, davon zwei in Deutschland.

Corona-Infektion verschwiegen: 39-jähriger Vorarlberger verurteilt

Ein 39-jähriger Leasingarbeiter ist indes am Dienstag am Landesgericht Feldkirch wegen vorsätzlicher Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten zu sieben Monaten Haft auf Bewährung sowie 1.920 Euro unbedingter Geldstrafe verurteilt worden. Der Alkoholisierte war trotz Absonderungsbescheid im Zug unterwegs und verschwieg Rettungskräften auch auf Nachfrage seine Corona-Infektion. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Der 39-jährige Handwerker wusste im Dezember vergangenen Jahres, dass er positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Er hatte einen Absonderungsbescheid bekommen und sollte in Quarantäne bleiben. Doch nach einigem Alkoholkonsum verließ er seine Wohnung und fuhr mit dem Zug nach Bregenz, um jemanden zu besuchen.

Unabhängig von seiner Infektion machte dem Mann ein Rückenproblem zu schaffen. Ein gebrochener Wirbel sorgte während der Zugfahrt plötzlich für so starke Schmerzen, dass der Mann zusammenbrach. Der Notarzt wurde gerufen. Der Patient wurde mehrfach auf eine allfällige Coronainfektion angesprochen, verschwieg diese aber. Das medizinische Personal glaubte ihm und trug deshalb nur die Standardschutzausrüstung.

Der 39-Jährige nahm auch mehrfach seine Schutzmaske ab. „Das war sehr sorglos von Ihnen, Sie haben das medizinische Personal vorsätzlich gefährdet“, so Richter Georg Furtschegger in der Gerichtsverhandlung. Der 16-fach vorbestrafte Angeklagte entschuldigte sich und sah vor Gericht die Ursache für sein Fehlverhalten im übermäßigen Alkoholgenuss. Er akzeptierte das Urteil, es ist dennoch nicht rechtskräftig.

 
© medinlive | 28.11.2021 | Link: https://medinlive.at/index.php/gesellschaft/fast-wegen-der-pille-gestorben-deutsche-klagt-weiter-gegen-bayer