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Deutscher Lebertag

Stille Killer

Belebend, berauschend und tödlich: Alkohol steht für Leichtigkeit und Genuss, stapelt sich bei Feiern auf dem Tisch, schmückt Litfaßsäulen – und trägt immer häufiger dazu bei, dass Menschen schon in jüngeren Jahren sterben. Das Genussmittel kann über Jahre unbemerkt die Leber schädigen – oft bis zu einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Warum es sich lohnt, die Zahl der konsumierten Weingläser im Blick zu haben und was die Politik tun muss, erläutert Aleksander Krag, Vize-Generalsekretär der Europäischen Gesellschaft für Leberforschung (EASL).

Claudia Tschabuschnig

300.000 Menschen in Europa sterben jährlich an einer Lebererkrankung. Damit ist sie die zweithäufigste Todesursache in Europa. Im Vergleich zu anderen Krankheiten können viele der Fälle, wenn früh erkannt, verhindert werden. Denn die Leber kann sich regenerieren, wenn zumindest 25 Prozent gesundes Gewebe vorhanden ist und der Lebensstil generalüberholt wird, heißt: mehr Sport, weniger ungesundes Essen und Moderation beim Trinken.

Patient:innen kommen sehr spät und sehr krank

Doch meist kommt es nicht dazu. Die Erkrankung schlummert unbemerkt im Körper für Jahre. Wird oft erst entdeckt, wenn es schon zu spät ist, und der Körper heftig mit Symptomen reagiert, wie etwa Aszites, Gelbsucht oder starker Verwirrtheit oder Benommenheit, wie es bei der Hepatischen Enzephalopathie auftritt. In diesen späten Stadien der Erkrankung bleibt statt Behandlung oft nurmehr der OP-Tisch und ein Spenderorgan, auf das man häufig lange warten muss.

Derweil steigt die Zahl der Lebererkrankungen. Nirgends wird so viel getrunken wie in Europa. Zudem leiden mehr als die Hälfte der Menschen in der WHO-Region an Fettleibigkeit oder sind übergewichtig. Auch Konflikte wie der Ukraine-Krieg ließ Todesfälle durch Lebererkrankungen in Europa weiter steigen. Mit der Corona-Pandemie nahm auch die Alkoholhepatitis zu. Bars schlossen früher, Menschen waren isoliert, griffen eher zur Flasche.

Stigma auf vielen Ebenen

In vielen Bereichen fehlt das Bewusstsein für die Alkoholkrankheit. Viele Menschen kennen den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krankheit nicht. Die Leber kann vieles noch verarbeiten, aber ihr Zustand verschlechtert sich schleichend und bleibt lange Zeit unbemerkt. Deswegen werden derart assoziierte Krankheiten oft auch „Stille Killer“ genannt.

Verliert man die Kontrolle über sein Trink- und Essverhalten, geht das häufig mit Scham einher, erläutert Krag, Vize-Generalsekretär der Europäischen Gesellschaft für Leberforschung (EASL). Dabei wollen die wenigsten freiwillig 30 Bier am Tag trinken und dick sein. Betroffen sind meist Menschen, die weniger privilegiert sind. Sie trinken mehr, essen häufiger schlechte, billige Lebensmittel. Ein Grund, warum viele Betroffene nicht zur Ärzt:in gehen. Sie stigmatisieren sich selbst, meinen: „Ich verdiene keine Behandlung, denn es ist meine eigene Schuld“.

Vor allem auch Menschen, die zu den Risikogruppen gehören, erwägen keine Behandlung. Darunter sind etwa Drogenabhängige, Alkoholkranke oder Randgruppen, wie Migranten. Unter ihnen herrscht häufig auch Angst und Misstrauen gegenüber medizinischen Dienstleistungen. Hierbei ist die Patientenkommunikation besonders wichtig.

Viele verpasste Chancen

Chancen gebe es dafür einige. Denn mehr als 90 Prozent der späteren Patient:innen haben oft jahrelang vor dem Ausbruch der Krankheit Kontakt mit dem Gesundheitssystem. Viele verpasste Chancen, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Und Risikopatient:innen sind häufig leicht identifizierbar: haben etwa Übergewicht oder Typ-2-Diabetes. Hier sei der Mediziner in der Pflicht, nach der Trinkgewohnheit der Patient:innen zu fragen. Häufig führt sich aber das Stigma im Gesundheitswesen fort. Wenn die Ärzt:in die übergewichtigen Patient:innen abstempelt. Für den Anfang würde ein einfacher Test reichen, so der EASL-Vizegeneralsekretär. Bei abweichenden Werten könne man den Patienten zu einem Leberscreening schicken. 

Laut Krag sei es wichtig, „Gesundheitspfade“ zu erstellen und die Barrieren zwischen Erstversorgung und tertiärer Versorgung zu beseitigen. Auch das medizinische Personal müsse besser zusammenarbeiten, etwa Hepatologen, Endokrinologen und Kardiologen. Krag sieht in allen Bereichen – von Prävention bis Behandlung – Verbesserungsbedarf.

Großbritannien zeigt sich hier vorbildlich, so Krag. In vielen Problembezirken sind mobile Leberscreens im Einsatz. Eine solche Box wurde im Juli auf dem internationalen Leberkongress in London vorgeführt. Der Test dauert nur wenige Minuten und wird von einer Krankenschwester durchgeführt. Aber auch in der Arztpraxis lässt sich durch einen einfachen FIB4-Test das Risiko einer Lebererkrankung messen. Hierbei werden vier Komponenten ermittelt, bei einem Wert über 1,3 kann an einen Scan weitergereicht werden. 

Wissen um Zustand wirkt positiv auf Verhalten

Die Screenings sind laut Beobachtungen in beiden Fällen wirksam – bei einer negativen und positiven Diagnose. Patient:innen mit einer geschädigten Leber waren vorsichtiger und diejenigen, welche gute Werte hatten, waren motiviert, sich weiter zu verbessern. 

Dabei gehe es nicht darum, komplett auf Alkohol zu verzichten, sondern um einen gesunden Umgang mit etwas, das potenziell missbräuchlich ist. Oft reicht es schon, wenn jemand sein Verhalten moderiert. Regeln hierfür: Drei Tage alkoholfrei pro Woche und nie mehr als fünf Einheiten auf einmal. (Anm.: In Deutschland entspricht eine Alkoholeinheit zehn bis 12 Gramm Reinalkohol). Zehn Einheiten pro Woche sind die Grenze.

Die Gesundheitskompetenz müsse verstärkt werden – bereits in Schulen. Die Patient:innen sollen aufgeklärt werden, aber auch befähigt werden Verantwortung zu übernehmen, um eine bessere Behandlung zu fordern. Neben den menschlichen Verlusten, ist auch die Belastung für die Gesellschaft enorm. Denn im Vergleich zu anderen Erkrankungen die mit dem Lebensstil einhergehen, wie kardiovaskuläre Erkrankungen, sterben Erkrankte schon viel früher, oft im arbeitsfähigen Alter, so gehen wertvolle Arbeitskräfte verloren.

Dennoch schaut die Politik weg. Global ist das Thema unter dem Radar. „Wir fühlen uns nicht gesehen. Das ist eine internationale Thematik, die auf europäischer Ebene stattfinden muss”, so Krag.

Preis, Verfügbarkeit, Werbung

Ideen seien genug da. Laut Krag müsste die Politik bei Preis, Verfügbarkeit und Werbung ansetzen. So könne es differenzierte Steuern auf gesunde Lebensmittel geben, denn derzeit sind Bio-Lebensmittel für viele nicht erschwinglich. Auch der Preis von Alkohol ist entscheidend, wie Erhebungen belegt hätten. In Schottland etwa gilt seit dem 1. Mai ein Mindestpreis für Alkohol. Bier, Wein und Spirituosen müssen jetzt so teuer sein, dass der darin enthaltene reine Alkohol für 50 Pence (57 Cent) pro zehn Milliliter verkauft wird. Der Konsum ist seither zurückgegangen.

Weiters sollte die Verfügbarkeit eingeschränkt werden. Derzeit ist Alkohol rund um die Uhr überall erhältlich, etwa an Tankstellen. Fraglich ist auch, warum es legal ist, für Alkohol zu werben oder Rabatte anzubieten. Häufig sogar in Verbindung mit Sportveranstaltungen. Noch fehle es an Vorzeigeprojekten. Ein Vorstoß in England, Werbung für Junk-Food vor 9 Uhr zu verbieten, scheiterte kürzlich. Jedes globale Vorbild würde sich positiv auf andere Länder auswirken.

Der internationale Leberkongress (ILC) fand vom 22. bis 26. Juni 2022 im ExCel London statt (2023 in Wien) und konnte online mitverfolgt werden: WebsiteTwitter-Kanalyoutube-Kana

Der ILC wird jährlich von der European Association for the Study of the Liver (EASL) ausgerichtet und zieht wissenschaftliche und medizinische Experten aus der ganzen Welt an, die sich über die neuesten Erkenntnisse der Leberforschung informieren und klinische Erfahrungen austauschen... Für die diesjährige Ausgabe wurden rund 6.000 Forscher, Ärzt:innen, politische Entscheidungsträger, Branchenführer und Journalisten aus etwa 120 Ländern erwartet. Die teilnehmenden Fachleute präsentierten, diskutierten und zogen Schlussfolgerungen aus den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen in der Hepatologie und arbeiteten daran, die Behandlung und das Management von Lebererkrankungen in der klinischen Praxis zu verbessern.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1966 ist diese gemeinnützige Organisation Europäische Vereinigung für das Studium der Leber (EASL) auf über 4.800 Mitglieder aus aller Welt angewachsen, darunter viele der führenden Hepatologen in Europa und darüber hinaus. Die EASL ist die führende Lebervereinigung in Europa, die sich zu einem bedeutenden europäischen Verband mit internationalem Einfluss entwickelt hat und eine beeindruckende Erfolgsbilanz bei der Förderung der Forschung auf dem Gebiet der Lebererkrankungen, der Unterstützung einer breiteren Ausbildung und der Förderung von Veränderungen in der europäischen Leberpolitik vorweisen kann. 

Trotz der hohen Zahl an Lebererkrankten fehlt das Bewusstsein dafür in allen Ebenen: bei politischen Entscheidungsträgern, im Gesundheitssystem sowie beim Konsumenten. Dabei mangelt es auch nicht an konkreten Ideen.
Trotz der hohen Zahl an Lebererkrankten fehlt das Bewusstsein dafür in allen Ebenen: bei politischen Entscheidungsträgern, im Gesundheitssystem sowie beim Konsumenten. Dabei mangelt es auch nicht an konkreten Ideen.
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Alkoholeinheiten
In Deutschland entspricht eine Alkoholeinheit zehn bis 12 Gramm Reinalkohol. EASL propagiert einen gesunden Umgang mit Alkohol. Regeln hierfür: Drei Tage alkoholfrei pro Woche und nie mehr als fünf Einheiten auf einmal und zehn Einheiten pro Woche.
Leberzirrhose mit Lebersteatose und chronischer Hepatitis
Der Zustand der Leber verschlechtert sich schleichend und bleibt lange Zeit unbemerkt, damit assozierte Krankheiten werden auch oft „Stille Killer“ genannt.
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